Bonn

Lufthansa zwischen Klimakritik und neuen Übernahmeplänen

Beim Aktionärstreffen muss sich Europas größter Luftverkehrs-Konzern scharfer Kritik von Umweltschützern stellen. Alternativen zum Kerosin stünden noch nicht zur Verfügung, sagt Airline-Chef Spohr. Er setzt auf Ausgleichszahlungen.
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Carsten Spohr
Lufthansa-Chef Carsten Spohr spricht bei der Hauptversammlung des Unternehmens in Bonn. Foto: Henning Kaiser

Sie sind mitverantwortlich für den Sturzflug unserer Erde.» Der «Fridays for Future»-Aktivist Maximilian Reimers wählt bei der Hauptversammlung am Dienstag im Bonner Kongresszentrum den direkten Angriff auf die Spitze der Lufthansa.

Deren Chef Carsten Spohr hatte schon zuvor gesagt, dass es sicherlich «naiv» wäre, die gesellschaftliche Diskussion um Klimawandel und Umweltbelastungen zu ignorieren - und zählte diverse Maßnahmen seines Unternehmens auf.

«CO2-neutrales Fliegen ist technisch nicht absehbar», räumte der Airline-Chef ein. Bio-Kraftstoffe seien zwar prinzipiell und nicht zuletzt von der Lufthansa erprobt, stünden aber längst nicht in ausreichender Menge zur Verfügung. Mehr Hoffnung setze er auf die Umwandlung regenerativer Energie in Treibstoff, erklärte Spohr.

In der Zwischenzeit setzt Europas größter Luftverkehrs-Konzern auf neue Jets und CO2-Kompensation: Ab diesem Jahr werden für die Dienstreisen der Lufthanseaten Ausgleichszertifikate gekauft, ab 2021 soll zudem über das internationale CORSIA-System zumindest das Wachstum ausgeglichen werden. Für den Kritiker Reimers sind das nicht mehr als «Feigenblätter». «Sie werden sich aus dieser Krise nicht herauskaufen können», schleudert er der Konzernspitze entgegen.

Spohr bezeichnete die Flotten-Modernisierung mit effizienteren Maschinen als «auf absehbare Zeit» größten Hebel, um möglichst umweltschonend zu fliegen. Der Konzern plane den Zugang von 221 neuen Flugzeugen bis 2027 und investiere dafür jedes Jahr Milliarden-Beträge. Zum Jahreswechsel zählte die Konzernflotte 763 Flugzeuge. Für das laufende Jahr sind 32 Neuzugänge geplant. Eine nationale CO2-Steuer lehnt Lufthansa ab.

Im vergangenen Jahr hatte der Lufthansa-Konzern mit einem stark ausgebauten Flugangebot seine CO2-Emissionen um 7 Prozent auf 32,6 Millionen Tonnen gesteigert. In diesem Licht scheine das von der Zivilluftfahrtorganisation ICAO vorgegebene Ziel eines CO2-neutralen Wachstums unrealistisch, betonte der Dachverband der kritischen Aktionäre und bezeichnete die von Lufthansa angekündigten Gegenmaßnahmen als nicht ausreichend.

Schuld am Klimawandel ist aus Lufthansa-Sicht auch die Konkurrenz: Billig-Tickets gefährden nach Ansicht Spohrs die gesellschaftliche Akzeptanz des Luftverkehrs. «Tickets für unter 10 Euro - wie bei einigen unserer Mitbewerber - sind aus meiner Sicht unverantwortlich. Ökonomisch unverantwortlich, ökologisch unverantwortlich. Und auch politisch unverantwortlich.» Die Billigtickets weckten eine künstliche Nachfrage, mit der das bestehende System verstopft werde. «Ihre Lufthansa macht da nicht mit», versicherte er den Aktionären. Der Mindestpreis für ein Ticket betrage 35 Euro.

Verschiedene Anteilseigner machten eigene Vorschläge für ein nachhaltigeres Geschäftsgebaren. So verlangte Michael Gierse von der genossenschaftlichen Union Investment die Einstellung besonders kurzer innerdeutscher Flüge. «Strecken wie Frankfurt - Düsseldorf, Frankfurt - Nürnberg oder Frankfurt - Stuttgart sind optimal an das ICE-Netz angebunden und sollten sofort eingestellt werden.» Spohr verwies auf die teils schlechte Anbindung der Flughäfen an das ICE-Netz. «Von Nürnberg nach München brauchen sie zweieinhalb Stunden mit dem Zug. Das macht kein Mensch.»

Bei aller Klimadiskussion will der Dax-Konzern weiter durch Übernahmen wachsen. Bereits am Montagabend hat das Unternehmen offiziell sein Interesse am deutschen Ferienflieger Condor beim Eigentümer Thomas Cook angemeldet. Das Angebot umfasse die komplette Condor und könne auch auf die übrigen Airlines der Thomas-Cook-Gruppe erweitert werden, sagte Spohr.

Besonders attraktiv erscheint die Langstrecke zu touristischen Zielen ab Frankfurt und München, die an die Lufthansa-Tochter Eurowings angeschlossen werden könnte. Bei den Kurz- und Mittelstrecken rechne man mit Kartell-Auflagen seitens der EU-Kommission. Condor beschäftigt nach eigenen Angaben rund 4500 Leute und gehörte früher zum Lufthansa-Konzern.

Im vergangenen Jahr hatte der Dax-Konzern mit einem um 8 Prozent gesteigerten Angebot bei sinkenden Preisen den Umsatz um 1 Prozent auf 35,84 Milliarden Euro gesteigert. Unter dem Strich blieb ein Gewinn von 2,16 Milliarden Euro, rund 8 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Im ersten Quartal dieses Jahres ging es weiter abwärts.

Der Vorstand hatte den Aktionären eine unveränderte Dividende von 0,80 Euro pro Anteil vorgeschlagen. Diese wurde ebenso wie die übrigen Vorschläge mehrheitlich angenommen, Vorstand und Aufsichtsrat wurden mit großer Mehrheit entlastet. Am geringsten fiel die Zustimmung mit 57,4 Prozent für das neue Vorstandsvergütungssystem aus. Chef Carsten Spohr könnte bei optimalem Geschäftsverlauf nun bis zu 9,5 Millionen Euro im Jahr verdienen.