Rottendorf
Handwerksausbildung

Jedes Gewehr ist anders

Ein Büchsenmacher fertigt keine Dosen, sondern Schusswaffen. Meist für Jäger. In der ersten Folge unserer Serie über seltene Ausbildungsberufe im Handwerk sind wir zu Gast bei der Firma Frankonia in der Nähe von Würzburg.
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Der Name kann mitunter in die Irre führen. "Die meisten denken, ich mache Ravioli-Dosen", sagt Steven Tietze, Büchsenmacher-Azubi im dritten Lehrjahr. Sein Ausbildungsleiter Alexander Bär schmunzelt: "Das war zu meiner Zeit schon so."

Beide stehen vor einer Werkbank in der Büchsenmacherabteilung der Firma Frankonia in Rottendorf bei Würzburg. Rund 25 Personen arbeiten hier. Rein kommt nicht jeder: dicke Türen, Kontrollen und weitere Sicherheitsvorkehrungen. Die Büchsen sind keine Konserven, sondern Gewehre. Der zylinderförmige Lauf, der wie eine frühere Arzneidose aussieht, soll den Handfeuerwaffen zu dieser Bezeichnung verholfen haben.

Heimat verlassen

Egal. Büchsenmacher war für Steven Tietze schon vor der Ausbildung ein Begriff. Der 24-Jährige ist gelernter Tischler und hatte angefangen, Forstwirtschaft zu studieren - die aus seiner Sicht perfekte Verbindung zu seinem Hobby: der Jagd. "Sich selber das Essen beschaffen zu können", sagt er. Das sei schon etwas Besonderes. Mit 18 Jahren ging er erstmals auf die Pirsch, kaufte sich seine erste Waffe. Doch die Forstwirtschaft, stellte sich schnell heraus, war ihm zu betriebswirtschaftlich. Tietze stieß auf die Büchsenmacher-Lehre - und war bereit, dafür seine Heimat Hannover zu verlassen. Er zog nach Würzburg und fing im September 2016 seine Ausbildung dort an, wo in Franken die meisten Büchsenmacher-Azubis zu finden sind: bei der Firma Frankonia, dem größten Jagdausstatter Deutschlands. Rund 300 Beschäftigte arbeiten in Rottendorf, wo das Unternehmen auch seinen Verwaltungssitz hat. Der Rest der insgesamt 650 Mitarbeiter ist auf 23 Standorte verteilt. 1908 gegründet, gehört Frankonia heute zur Otto-Gruppe. Jäger und Sportschützen kennen vor allem den Katalog mit seinem Sortiment aus Mode, Outdoorkleidung und Ausrüstung.

"Es wird nie langweilig"

Tietze und seine sieben Azubi-Kollegen hatten Glück. "Wir müssen auch Lehrlingsanfragen ablehnen", berichtet Ausbilder Bär. Der Büchsenmachermeister ist seit 42 Jahren bei Frankonia. Sehr vielseitig sei der Beruf, erfordere filigranes Arbeiten, zu vergleichen mit der Arbeit des Werkzeugmachers oder Feinmechanikers. "Es wird nie langweilig. Jedes Gewehr ist anders."

Frankonia baut auch eigene Büchsen, etwa 100 Stück im Jahr, oft nach ganz individuellen Wünschen. Der Preis dafür beginnt bei 1000 Euro und reicht bis 20 000 Euro. "Nach oben hin ist keine Grenze", sagt Bär. Aber das Hauptgeschäft sind Wartung und Reparatur.

Steven Tietze ist inzwischen im dritten und letzten Lehrjahr. Im September wird er fertig und hofft, bei Frankonia bleiben zu können. Dann jedoch am liebsten in der Filiale Hannover, wo auch Büchsenmacher arbeiten.

Metall und Holz

Hinter ihm liegen zum Beispiel das exakte Feilen eines Metallwürfelchens im ersten Lehrjahr, quasi die Heranführung ans Metall. Danach durfte er Waffen verschrotten - solche, die nicht mehr repariert werden konnten. "Da bekam man ein Gefühl für unterschiedliche Systeme", erzählt er. Nur ein Anfang. "Es gibt Tausende solcher Waffensysteme", sagt Meister Bär. "Man kann nicht alle kennen."

Tietze nennt beispielhaft zwei gängige Gewehre für den Jäger: die Repetierbüchse, mit der aus dem gleichen Lauf mehrere Schüsse hintereinander abgegeben werden können, und die Kipplaufbüchse (oft mit mehreren Läufen verschiedener Kaliber), die durch Abklappen des Laufes nachgeladen wird. Aktuell im dritten Lehrjahr geht es um Holz. Der Gewehrschaft wird vom Büchsenmacher in Handarbeit verziert. Gefragt ist das Fischhaut-Muster, das mit einem speziellen Messer ins Holz geschnitten wird und die Griffigkeit sicherstellt. Daneben beginnen die Azubis auch, Zielfernrohre zu montieren.

Ballistik und mehr

Edle Schäfte, Gravur und Politur sind ein Grund für den Preisunterschied bei den Gewehren. Noch wichtiger aber sind andere Handarbeiten des Büchsenmachers. Der Zündungsmechanismus zum Beispiel. Fachbegriffe wie Schlossgang, Verschluss oder Abzug lassen erahnen, dass technisches Verständnis gefragt ist. "Ballistik, Physik, Waffenrecht - man muss sich damit auseinandersetzen, sonst kommt man nicht durch die Ausbildung", sagt Bär.

Fachbegriff: Was ist Brünieren?

Auch Schwarzfärben genannt, typisch für die Büchsenmacherei. Es dient der Bildung einer schwachen Schutzschicht (Edelrost), z.B. auf dem Gewehrlauf, um Korrosion zu vermindern. Dazu werden die Werkstücke in Wannen mit Natronlauge eingetaucht.

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