Bayreuth

Handwerk in Franken: Robuste Lage, wenig Nachwuchs

Für viele fränkische Handwerksbetriebe ist es wie verhext. Die Geschäfte laufen weiterhin glänzend, die Aussichten sind ebenfalls gut, aber oft meiden Jugendliche das Handwerk. Alle drei Kammern melden einen steigenden Fachkräftebedarf.
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Daniel Roßmeier von der Baufirma Postler aus Lauter auf einer Baustelle in Bamberg Foto: Ronald Rinklef
Daniel Roßmeier von der Baufirma Postler aus Lauter auf einer Baustelle in Bamberg Foto: Ronald Rinklef
Die Frage, die Thomas Zimmer seit langem beschäftigt, stellen sich viele im Handwerk. "Wie können wir den Nachwuchs bekommen, den wir brauchen?" Der Präsident der Handwerkskammer für Oberfranken weiß inzwischen, dass dies ein langer Weg ist. Und er ist hart. Nicht zuletzt wegen der demografischen Entwicklung, unter der in Franken vor allem der nordöstliche Teil leidet, für den Zimmers Kammer zuständig ist.

Sein Hauptgeschäftsführer Thomas Koller spricht von einem "Kampf um die Köpfe", der in vollem Gange sei. Denn die Ausgangslage für das Handwerk hat sich kaum verändert. Immer noch zieht es viele Jugendliche eher zu Abitur und Studium als in einen handwerklichen Beruf. 2013 hat in Deutschland laut Koller die Zahl der Studienanfänger erstmals die der neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnisse überschritten. Und entscheidet sich ein Schulabgänger für eine Lehre, so erhält oft die Industrie den Vorzug. Die Folge: Immer mehr Ausbildungsstellen im Handwerk bleiben unbesetzt.

Kollers Kollege Rolf Lauer kann ein Lied davon singen. Der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Unterfranken konnte zum Ende vergangenen Jahres 2753 neu abgeschlossene Lehrverträge verzeichnen - ein Minus von 2,2 Prozent. Immerhin: Der freie Fall bei den Azubis im unterfränkischen Handwerk ist gestoppt worden, im Jahr zuvor lag das Minus bei mehr als sechs Prozent. Dennoch hätte das unterfränkische Handwerk Ausbildungsplätze für rund 4000 Jugendliche bereitgestellt. "Über 1000 Stellen blieben somit unbesetzt", rechnet Lauer vor.

Auch vor den mittelfränkischen Betrieben macht der Abwärtstrend bei den Lehrverträgen nicht halt. Die Kammer in Nürnberg meldet für 2014 ein Minus von 2,14 Prozent.

Image zu schlecht?

"Jeder versucht, einen möglichst hohen Schulabschluss zu erreichen, ob er dafür geeignet ist oder nicht. Dabei können viele, die sich durch die Schule quälen, im Handwerk mit seinem praktischen Bezug die berufliche Erfüllung finden", meint Rolf Lauer.

Teilweise scheint dies bei den Jugendlichen schon angekommen zu sein. Im vergangenen Jahr hatten beispielsweise im unterfränkischen Handwerk von allen neuen Azubis lediglich noch 54 Prozent einen Hauptschulabschluss. Lauer sieht dies als Erfolg für die Nachwuchswerbemaßnahmen der Kammer in Realschulen, Gymnasien und sogar bei Hochschulabbrechern.

"Das Handwerk ist eine echte Alternative zum Studium", meint auch Thomas Koller. Mitarbeiter mit beruflichem Bildungsabschluss seien vielfach gefragter als so mancher Hochschulabsolvent, für den der Markt keinen Arbeitsplatz bereitstelle.

Doch trotz aller Bemühungen der fränkischen Kammern, die aus ihrer Sicht hervorragenden Perspektiven im Handwerk immer wieder hervorzuheben: Der Abwärtstrend bei den Lehrverträgen ist nicht gestoppt. Auffällig ist laut Lauer der Rückgang an Auszubildenden gerade im konjunkturell so starken Baugewerbe. "Die Bezahlung im Baugewerbe ist sehr hoch, es herrscht meist ein guter Zusammenhalt und die Karriereperspektiven sind ebenfalls gut - nur das Image des Baugewerbes eben bei vielen jungen Menschen nicht", so die Einschätzung des unterfränkischen Hauptgeschäftsführers.

Kampagne geht weiter

Richten soll es unter anderem die Imagekampagne, in die das Handwerk seit fünf Jahren viel Geld steckt und die zuletzt neu ausgerichtet worden ist. Unter anderem ein neuer Spot, der die Jugendlichen seit August 2014 im Kino oder vor dem Fernseher für das Handwerk begeistern soll, steht im Mittelpunkt. "Die Welt war noch nie so unfertig. Pack mit an!", lautet der Slogan. Es geht um Jugendliche, die sich in einer urbanen Kulisse formieren, um gemeinsam die Welt mit der Kraft ihrer Hände zu verändern. Doch der schrille Werbefilm stößt nicht überall auf Zustimmung. Vor allem ältere Handwerksmeister schütteln darüber oft den Kopf.

Wie erfolgreich die Nachwuchssuche in den kommenden Jahren sein wird, hängt in der Regel aber von anderen Faktoren ab. Ein Bäcker zum Beispiel muss früh aufstehen. Das wollen die wenigsten. Die Folgen sind längst spürbar. Allein in Unterfranken gab es 2014 bei den Lehrverträgen für Bäcker einen Rückgang von mehr als 25 Prozent. Im Gegenzug verzeichnete man bei den Zimmerer-Azubis einen Anstieg um 20 Prozent.

Betriebe werden kleiner

Was die Geschäftslage der fränkischen Handwerksbetriebe angeht, so zeigt sich ein homogeneres Bild. Unbeeindruckt von Unsicherheiten herrscht über alle Gewerke hinweg Optimismus. Die Umsätze sind stabil. Vor allem auf dem Bau sind die Firmen derzeit gut ausgelastet. Unterfrankens Kammerpräsident Hugo Neugebauer macht dafür unter anderem den "bislang milden Winter" verantwortlich.

Mehr als 86 Prozent der unterfränkischen Handwerksbetriebe erwarten im laufenden Quartal eine gute oder befriedigende Geschäftslage. In Oberfranken sind es 84 Prozent, in Mittelfranken rund 81 Prozent.

Ein Trend zeigt sich nahezu übergreifend: Die Handwerksbetriebe werden kleiner. Oft führt der Weg in die Selbständigkeit zunächst zum Ein-Mann-Betrieb. Das zeigt sich dann auch bei der Zahl der Beschäftigten. "In der Regel bleiben es auch weiterhin kleine Familienbetriebe", sagt Oberfrankens Kammerpräsident Thomas Zimmer.