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Bamberg
Kommentar

Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Ein Punkt in der langen Diskussion um einen allgemeinverbindlichen Mindestlohn ist weitgehend unbestritten: Die neue Regelung wird dafür sorgen, dass Beschäftigte mit Niedriglöhnen künftig mehr Geld in der Tasche haben werden.
 
Foto: epd
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Und weil besonders viele Frauen unter der Schwelle von 8,50 Euro liegen, beseitigt eine derartige Lohnuntergrenze in gewissem Maße geschlechtsspezifische Lohnunterschiede.

Mancher sähe die Festlegung auf einen Mindestlohn lieber von den Tarifparteien geregelt als durch staatlichen Eingriff. Die Praxis hat aber gezeigt: Durch dieses Raster fallen aufgrund stellenweise fehlender Tarifbindung zu viele. Es war also an der Zeit für einen allgemeinen Mindestlohn in Deutschland, festgelegt vom Gesetzgeber.
Wenn Menschen, die einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, nicht einmal davon leben können, ist das unwürdig für ein Land wie Deutschland. Wohlgemerkt: Wir reden beim jetzigen Mindestlohn von einem Bruttoverdienst von monatlich rund 1400 Euro. Die Höhe des ab Januar geltenden Mindestlohns von 8,50 Euro ist dennoch mit Augenmaß gewählt. Eine Untergrenze von zum Beispiel 10,50 Euro wäre sicher gerechter, aber in ihrer Wirkung äußerst problematisch. Vertreter von Kammern und Verbänden warnen zu Recht vor einem Abbau der Beschäftigung, wenn die Arbeitskosten extrem höher sind als die Produktivität. Da jetzt aber das Niveau zum Einstieg im kommenden Jahr nicht zu hoch angesetzt wurde, ist die Gefahr von Beschäftigungsverlusten eher gering.

Wie bei jeder Neuregelung wird die Umstellung in einigen Branchen jedoch aufwändig sein. Vor allem kleinere Betriebe haben damit Probleme. Denn die Ausgleichsmöglichkeiten, etwa für höhere Löhne des Personals, sind zum Beispiel in einer kleinen Gaststätte nur bedingt gegeben.

Und hier kommt der Knackpunkt des Mindestlohns. Mehr als 80 Prozent aller Deutschen quer durch alle Altersgruppen hindurch begrüßen seine Einführung. Dieser Mindestlohn kann tatsächlich ein Segen sein für viele. Aber es muss ihn auch die gesamte Gesellschaft mittragen. Egal, ob in der Gastronomie, bei den Erdbeerpflückern auf dem Feld oder etwa bei den Zeitungszustellern, die in den Morgenstunden ihre Runden drehen: Diese Dienstleistungen sollten den Konsumenten künftig ein wenig mehr wert sein.

Jedem muss klar sein, dass gerechtere Löhne nicht nur eine betriebswirtschaftliche Frage, sondern eine volkswirtschaftliche Weichenstellung sind. Wer Gerechtigkeit fordert, muss auch selbst etwas dafür tun. Das fängt am Regal im Supermarkt an und hört bei der Putzfrau nicht auf. Der Mindestlohn ist ein Experiment. Die Chancen, dass es klappt, stehen nicht schlecht.