München
Kommentar

Die Siemens-Lichtgestalt und die Zeit

Bei der Siemens-Hauptversammlung musste sich Aufsichtsratschef Gerhard Cromme rechtfertigen. Doch der Druck wird für einen anderen langsam größer, meint Matthias Litzlfelder in seinem Kommentar.
 
Fahnen mit dem Schriftzug der Siemens AG in München. Foto: Sven Hoppe/dpa
Fahnen mit dem Schriftzug der Siemens AG in München. Foto: Sven Hoppe/dpa
Der Druck bei Siemens, er lastet weniger auf dem Aufsichtsratsvorsitzenden. Gerhard Cromme wird in Kürze 71 Jahre alt. Er hat es selbst in der Hand, sich mit einer Verkürzung seiner Amtszeit aus der Schusslinie unzufriedener Aktionäre zu nehmen.

Ein anderer wird den Druck dann schnell spüren: Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser. Kaeser wirkt immer noch wie die Siemens-Lichtgestalt, seit er vergangenen Sommer seinen Vorgänger Peter Löscher abgelöst hat. Von einem sauberen Übergang konnte damals keine Rede sein. Auch Löscher galt als schillernde Managerpersönlichkeit, bis die Geschäfte des Konzerns nicht mehr so toll liefen. Dass Löscher Siemens nach dem Schmiergeld-Skandal lange Zeit auf Kurs gehalten hatte, interessierte gewisse Leute plötzlich nicht mehr.

Jetzt läuft die Zeit gegen den aktuellen Siemens-Chef. Kaeser ist Siemens-Urgestein, hat viele Bonuspunkte bei den Siemensianern gesammelt.
Auch die Aktionäre waren begeistert, als der frühere Finanzvorstand das Ruder übernahm.

Die Erwartungen waren und sind riesig. Und genau darin liegt das Problem für Kaeser. Spätestens, wenn die Mai-Sonne vom Himmel strahlt, wird er liefern müssen. Wird sagen müssen, wie Siemens sich künftig aufstellen will. Und die Börse ist gnadenlos, wenn Erwartungen enttäuscht werden.

Joe Kaeser weiß das. Nicht umsonst sonnt er sich nicht im Auftrags- und Gewinnplus des jüngsten Quartals. Gestern auf der Hauptversammlung hat sich der Konzernchef vielmehr Zeit verschafft. Erst gegen Jahresende sei mit spürbaren Impulsen zu rechnen, sagte er. Die Zeit läuft.