Analysten hatten angesichts der schwachen Konjunkturlage weltweit mit der Abkühlung gerechnet, die Börsen in Europa reagierten sogar positiv auf die Zahlen. In den ersten drei Monaten war das Wachstum bereits auf 7,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gefallen.

Das Wirtschaftswachstum lag damit gerade noch auf dem Jahresziel der Regierung, das in den vergangenen Jahren aber immer sehr vorsichtig gesetzt und meist deutlich übertroffen worden war.

Das Ziel von 7,5 Prozent im Jahr hört sich für europäische Ohren gewaltig an. Für China wäre es jedoch die schwächste Entwicklung in mehr als 20 Jahren. In neun der vergangenen zehn Quartale hat sich Chinas Wachstum verlangsamt. Zu den Gründen zählt die derzeit relativ schwache Nachfrage aus wichtigen Abnehmerländern der Exportmacht.

Nach Einschätzung von Wirtschaftsprofessor He Xiaoyu von der Zentralen Hochschule für Wirtschaft und Finanzen in Peking kann China in diesem Jahr noch die angepeilten 7,5 Prozent schaffen.

«Es könnte etwas niedriger als die Erwartungen sein, aber es wird nicht zu niedrig ausfallen», sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Zudem sei der Rückgang nach Jahrzehnten mit Wachstumsraten um zehn Prozent normal. Schon 2012 hatte das Wachstum jedoch bei 7,8 Prozent gelegen - dem schwächsten Jahr seit 1999.

Analysten schätzen den Wirtschaftsausblick für China in diesem Jahr pessimistischer ein. Die Landesbank Baden-Württemberg reduzierte jüngst ihre Prognose von 7,7 Prozent auf 7,0 Prozent.

Volkswirte der UniCredit schrieben: «Das schwache beziehungsweise schwächere Wachstum könnte sich im zweiten Halbjahr fortsetzen.» Es werde in diesem Jahr zwischen 7,0 Prozent und 7,5 Prozent liegen.

Statistikamt-Sprecher Sheng Laiyun gab sich vorsichtig: «Wichtige ökonomische Indikatoren bleiben innerhalb der erwarteten Grenzen, aber das wirtschaftliche Umfeld bleibt komplex.»

Der Rückgang sei eine normale Entwicklung, und China stehe unter dem Druck der schwächelnden Weltkonjunktur. Außerdem habe sich Chinas Regierung seit diesem Jahr auf eine Strukturreform konzentriert, die auf den langfristigen Umbau der exportorientierten Wirtschaft hin zu mehr Binnenwachstum zielt.

Ostasienwissenschaftler Thomas Heberer wertete die Zahlen als «Traumergebnis auf der internationalen Bühne». Grundsätzlich sei ein Wachstum zwischen fünf und sechs Prozent notwendig, um Arbeitsplätze zu schaffen und Einnahmen für den Staat zu generieren. «Unter diese Grenze zu fallen, davon ist China noch weit entfernt», sagte Heberer im Deutschlandradio Kultur.

Zumindest die Umsätze im Einzelhandel zogen weiter an. Um Juni stiegen sie im Jahresvergleich um 13,3 Prozent, im Mai waren es 12,9 Prozent.

Das ist zwar ein Hinweis auf steigende Verbraucherpreise. Gleichzeitig könnte es jedoch auch bedeuten, dass der Konsum anzieht und die Konjunktur im zweiten Halbjahr stärker stützt.

Die Wachstumszahlen sind ein heikles Thema in China. Vergangene Woche hatte Finanzminister Lou Jiwei während eines USA-Besuchs das Wachstum in diesem Jahr mit 7,0 Prozent prognostiziert.

Dabei hatte die Regierung erst vor vier Monaten 7,5 Prozent als Jahresziel ausgegeben. Wenig später änderte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua ihren Bericht: Lou gehe doch davon aus, dass das Ziel dieses Jahr erreicht werde. Ein Insider bezeichnete einen Versprecher Lous als sehr unwahrscheinlich und wertete die Korrektur als Beleg für die Nervosität der Pekinger Führung.

Ökonomen lasen aus den Zahlen, wie tief die Regierung das Wachstum fallen lassen könnte, bevor sie doch wieder zu Konjunkturspritzen greift.

Nach Einschätzung von Analysten der Commerzbank würde die Pekinger Führung sogar noch Werte unter 7,0 Prozent tolerieren, bevor sie wieder Milliardenprogramme locker macht: «Nach unserer Ansicht liegt das untere Limit für das Jahreswachstum bei 6,3 Prozent.»