Bahn weitet Feiertags-Angebot aus

Ob unvernünftig oder nicht: Auch in der Krise werden viele Menschen in den Zug steigen, um über Weihnachten zu ihren Familien zu fahren. Die Bahn weitet ihr Angebot aus. Reicht das?
 
Deutsche Bahn - Weihnachtsfeiertage
Die zusätzlichen Fahrten vom 18. bis 27. Dezember sollen den Fernverkehr entlasten und für mehr Platz in den Zügen sorgen. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Berlin (dpa) - Weihnachtszeit ist Reisezeit: Viele Menschen werden sich auch in der Corona-Krise nicht davon abhalten lassen, über die Feiertage mit dem Zug zu ihrer Familie zu fahren.

Um die Reisen sicherer zu machen, will die Deutsche Bahn während dieser Tage 100 zusätzliche Fahrten vor allem auf den Hauptstrecken zwischen den großen Städten anbieten. «Das sind doppelt so viele Sonderzüge wie normalerweise an Weihnachten gefahren werden», sagte Personenverkehrsvorstand Berthold Huber am Mittwoch in Berlin.

Die zusätzlichen Fahrten vom 18. bis 27. Dezember sollen den Fernverkehr entlasten und für mehr Platz in den Zügen sorgen. «Das ist sicherlich nicht sehr viel», sagte Karl-Peter Naumann, Ehrenvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn. Verglichen mit den 20 000 monatlich angebotenen Fahrten im Fernverkehr muten die 100 Sonderzüge in zehn Tagen wenig an. «Aber das ist dann genau abgepasst auf die besonders ausgelasteten Züge», sagte Naumann.

Ohnehin wächst das Angebot. 15 neue ICE-4-Züge kommen in diesen Tagen planmäßig aufs Gleis, das erhöht die tägliche Sitzplatzkapazität im Fernverkehr um 13 000 - derzeit liegt sie nach Unternehmensangaben bei 150 000. Hinzu kommen die Sonderzüge. «Wir fahren an diesem Weihnachten so viel Kapazität wie noch nie», sagte Huber.

Mit dem ausgeweiteten Angebot will die Bahn sicherstellen, dass die Menschen in den Zügen so gut wie möglich Abstand zueinander halten können. Schon vergangene Woche, kurz nach den jüngsten Beschlüssen von Bund und Ländern, hatte der Konzern deshalb auch sein Reservierungssystem umgestellt. Seither lassen sich nur noch Fensterplätze reservieren. Wer ohne Reservierung in den Zug steigt, soll ebenfalls einen eigenen Fensterplatz zugewiesen bekommen.

Prinzipiell ist es aber weiterhin möglich, dass zwei fremde Menschen in einer Sitzgruppe nebeneinander sitzen. Mit dem zusätzlichen Zugangebot soll das aber so selten passieren wie möglich. Die Bahn glaubt ohnehin nicht, dass das Infektionsrisiko in Zügen erhöht ist. Eine entsprechende Studie ist jedoch noch nicht abgeschlossen; dafür werden allerdings Zugbegleiter getestet, nicht Fahrgäste.

Eine Reservierungspflicht, mit der sich die Fahrgast-Verteilung im Zug möglicherweise besser steuern ließe, lehnt nicht nur die Deutsche Bahn ab. Auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) sowie der Fahrgastverband Pro Bahn sind dagegen. Während die EVG vor allem auf die Mehrbelastung verweist, die eine solche Pflicht für die Zugbegleiter bedeute, will die Bahn vermeiden, dass Pendler ohne Reservierung auf den Regionalverkehr umsteigen und diesen zusätzlich belasten.

Wie schon bisher, will die Bahn verstärkt kontrollieren, dass sich alle Fahrgäste an die Maskenpflicht halten. «In bis zu 50 Prozent aller Fernzüge sind Sicherheitsteams an Bord, die darauf achten», sagte Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla. 4000 Sicherheitskräfte der Bahn und 5000 Bundespolizisten seien zu diesem Zweck im Einsatz.

Ob die Maßnahmen des bundeseigenen Konzerns am Ende ausreichen, bleibt abzuwarten. «Das Problem ist, dass keiner genau weiß, wie viele Menschen am Ende fahren werden», sagte Naumann von Pro Bahn.

Die Deutsche Bahn geht von einer deutlich geringeren Nachfrage aus als über die Feiertage normalerweise üblich ist. Eine Verbraucherumfrage habe ergeben, dass das Fahrgastaufkommen in diesem Jahr um bis zu 60 Prozent unter dem Niveau der Vorjahre liegen könnte, sagte Huber. Das entspräche einer durchschnittlichen Auslastung von 35 bis 40 Prozent. «Genau lässt sich das zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht absehen.»

Sicher ist nur: Das zusätzliche Angebot wird den finanziell ohnehin angeschlagenen Konzern weiter belasten. Zwar sei es aufgrund der hohen Fixkosten im Fernverkehr immer besser, Züge mit niedriger Auslastung fahren zu lassen als gar nicht, sagte Huber. Aber die Kosten würden mit der geringen Nachfrage nicht gedeckt.

Schon im Mai wurde ein Corona-Schaden von gut 8 Milliarden Euro befürchtet. Nun dürften es nach Medienberichten 9,6 Milliarden Euro werden, vielleicht sogar 11 Milliarden Euro - je nachdem wie schnell sich im Frühjahr die Fahrgastzahlen erholen. Die Bahn äußerte sich dazu nicht.

Hatte das Management schon vor der Krise um den Gewinn gefürchtet, muss es dem Aufsichtsrat nächste Woche nun tiefrote Zahlen erklären. Nach 44 Milliarden Euro Umsatz 2019 werden es dieses Jahr wohl 6 Milliarden Euro weniger sein, wie in Konzernkreisen zu hören ist.

Weil die meisten Züge auch ohne Fahrgäste weiterfuhren und das Gütergeschäft weiter schwächelt, kommt demnach allein bei der Eisenbahn in Deutschland ein Minus von 3,3 Milliarden Euro zusammen. Hinzu kommt eine Sonderabschreibung von 1,4 Milliarden Euro bei der Auslandstochter Arriva und weitere Negativposten. Unterm Strich dürfte ein Verlust von 5,6 Milliarden Euro stehen, hieß es. Staatliche Hilfen sollen kommen. Doch die Genehmigung der EU-Kommission steht noch aus.

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