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Wegen Schweinepest: Zehntausende Wildschweine sollen erschossen werden

Experten kritisieren: Großangelegte Wildschweinjagden können die Schweinepest nicht verhindern, sondern beschleunigen sie vielmehr.
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Im Zuge der Diskussion um die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat der Bauernverband gefordert, die Bestände drastisch zu dezimieren  - schließlich gelten Wildschweine als potenzielle Überträger.Frisco Gentch/dpa
Im Zuge der Diskussion um die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat der Bauernverband gefordert, die Bestände drastisch zu dezimieren - schließlich gelten Wildschweine als potenzielle Überträger.Frisco Gentch/dpa
In ganz Deutschland wird zur Jagd auf Wildschweine geblasen - aus Angst vor der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Dabei sind es vorrangig Menschen und nicht Wildschweine, die die Ausbreitung der Krankheit vorantreiben. Sowohl die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) als auch das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) bestätigen, dass die Wildschweinjagd die Verbreitung nicht aufhalten, sondern eher beschleunigen wird. Statt überlegt wirksame Maßnahmen zu treffen, lässt sich die Politik vom Alarmismus der Bauernverbände treiben. Dass die Schweinepest Deutschland erreicht, wird dadurch immer wahrscheinlicher. Hauptverantwortlich sind diejenigen Entscheider, die zur sinnlosen Wildschweinjagd aufrufen.



In Deutschland geht die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest um. Bauernverbände und Fleischlobby haben kurzerhand die ungeliebten Wildschweine zum Hauptüberträger der Erkrankung erklärt. Der Deutsche Bauernverband beschwört drohende Milliardenverluste für seine Mitglieder und fordert, dass bis zu 70 Prozent aller Wildschweine präventiv erschossen werden sollen. Und viele Landesregierungen blasen ins gleiche Horn: Immer mehr Bundesländer rufen zur Jagd auf und zahlen sogar Prämien für getötete Tiere.


In Thüringen sollen bis zu 100.000 Wildschweine getötet werden



In Thüringen müssen nach Einschätzung von Landwirtschaftsministerin Birgit Keller (Linke) rund 70.000 der etwa 100.000 Wildschweine geschossen werden, um die Gefahr der Afrikanischen Schweinepest einzudämmen. Die Ministerin rechnet dennoch mit einem baldigen Ausbruch der Krankheit im Freistaat. Keller verwies auf ein daran erkranktes Tier Anfang Januar in Tschechien. "Wir werden wahrscheinlich nicht verhindern können, dass uns in Thüringen die Afrikanische Schweinepest erreicht", sagte die Linke-Politikerin am Dienstag in Erfurt.


Politik treibt Ausbreitung der Schweinepest voran


"Hilflosen und tödlichen Aktionismus" nennt das Sandra Franz, Pressesprecherin von Animal Rights Watch (ARIWA). Denn es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Wildschweine die Viren in Tierhaltungsbetriebe - durch geschlossene Türen und dicke Betonmauern - überhaupt einschleppen könnten. Wie Experten bereits im Zusammenhang mit der Vogelgrippe festgestellt haben, ist die sehr viel wahrscheinlichere Ursache für die regelmäßigen Epidemien in Tierbeständen der Mensch und schlicht die kommerzielle Tierhaltung selbst. Im Fall der Afrikanischen Schweinepest ist die Übertragung durch bereits kontaminiertes Schweinefleisch am wahrscheinlichsten. Zu diesem Schluss kommt auch das Friedrich-Löffler-Institut in einer aktuellen Risikobewertung für den Eintrag der Schweinepest nach Deutschland.

"Statt Maßnahmen zur sicheren Müllentsorgung an Raststätten zu ergreifen und den Import von Fleisch, Schlachtprodukten, Sperma oder Gülle aus bereits betroffenen Regionen zu unterbinden, sollen nun völlig sinnlos Millionen Tiere erschossen werden", sagt Sandra Franz. "Dabei kann die Jagd die Ausbreitung von Krankheiten nicht verhindern - eher im Gegenteil." Zu diesem Schluss kamen die EFSA und das FLI bereits 2014. Da sich bejagte Tiere stärker vermehren und größere Strecken in sichere Gebiete zurücklegen, nehmen die Kontakte zwischen verschiedenen Populationen zu und die Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten steigt.


Nicht die Wildschweine sollen Schweinepest verbreiten, sondern die konventionelle Tierhaltung



Die Angst vor der Schweinepest hat vor allem wirtschaftliche Ursachen. Der Deutsche Bauernverband geht von zwei bis drei Milliarden Euro Umsatzeinbußen bei einem Ausbruch der Krankheit in Deutschland aus.

Zugleich aber ist die jetzige Situation ein willkommener Anlass für die Landwirte, öffentlichkeitswirksam gegen das angebliche "Wildschweinproblem" zu mobilisieren, das sie durch den verstärkten Maisanbau der letzten Jahre selbst geschaffen haben. "Und jetzt graben sich die Bauern selbst wieder die nächste Grube", resümiert Sandra Franz. "Denn gegen die ASP hilft kurzfristig nur ein sofortiger Stopp der Jagd sowie der Einfuhr tierischer Produkte, wie der Blick auf die Übertragungswege zeigt. Und langfristig hat die Tierindustrie ohnehin keine Zukunft, aus ethischen wie auch aus ökologischen Gründen." Stattdessen fordert Animal Rights Watch von Politik und Landwirtschaft, die Förderung pflanzlicher Alternativen und den Ausstieg aus der Fleischproduktion mit aller Kraft voranzutreiben.