Berlin
Kalenderblatt - 23.12.

Vor 80 Jahren wurde der Reichstags-Brandstifter Marinus van der Lubbe zum Tode verurteilt

Als 1933 der Reichstag brannte, hatte man schnell einen Täter verhaftet: den jungen Niederländer Marinus van der Lubbe. Einen Tag vor Weihnachten wurde er zum Tode verurteilt. Die Debatte um die Umstände der Tat dauert bis heute an.
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Urteilsverkündung im Reichstagsbrandprozeß vor dem Reichsgericht in Leipzig am 23. Dezember 1933. Der vermeintliche Brandstifter Marinus van der Lubbe (stehend) auf der Anklagebank; re., in der 2. Reihe der Angeklagte Georgi Dimitroff während der Verhandlung
Urteilsverkündung im Reichstagsbrandprozeß vor dem Reichsgericht in Leipzig am 23. Dezember 1933. Der vermeintliche Brandstifter Marinus van der Lubbe (stehend) auf der Anklagebank; re., in der 2. Reihe der Angeklagte Georgi Dimitroff während der Verhandlung
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Um kurz nach 21 Uhr am 27. Februar 1933 schrillt im Reichstag der Feueralarm. Der gesamte Plenarsaal steht in Flammen, schnell schlägt die Glut durch die Kuppel des Gebäudes und erleuchtet den Nachthimmel Berlins. Ganze 15 Löschzüge der Feuerwehr bekommen den Brand nur schwer in den Griff. Erst kurz nach Mitternacht ist das Feuer gelöscht. Der Reichstag ist für Sitzungen des Parlaments nicht mehr brauchbar.

Noch im brennenden Gebäude nimmt die Polizei einen jungen Mann fest. Der 24-jährige Niederländer Marinus van der Lubbe gesteht umstandslos, den Brand gelegt zu haben. Aber fast sofort setzen Spekulationen darüber ein, ob er Helfer gehabt habe. Die Nazi-Machthaber verbreiten das Gerücht, die Kommunistische Partei habe ihre Finger im Spiel gehabt. "Das ist das Signal zum kommunistischen Aufstand!", soll Hermann Göring geschrien haben. Hitler tobt. Der Diktator fordert, alle KPD-Funktionäre sofort zu erschießen, sobald man ihrer habhaft werde.

Van der Lubbe war eine verkrachte Existenz. In großer Armut im niederländischen Leiden geboren, war der gelernte Maurer arbeitsunfähig, nachdem er bei einer Prügelei auf einer Baustelle ätzenden Kalk in die Augen bekommen hatte. Er bewegte sich im Dunstkreis der niederländischen Kommunisten, schien aber recht wirre Vorstellungen zu haben, die nicht zur Parteilinie passen wollten. Ob er ordentliches Parteimitglied war, ist bis heute unklar.

Er rief zu Streiks und Demonstrationen auf, überwarf sich aber mit der Partei und sympathisierte mit dem Anarchismus. Ab 1931 wanderte er durch Europa. Er wollte in die Sowjetunion, wurde aber abgewiesen. Mehrfach saß er für kurze Zeit im Gefängnis.

Einige Tage vor dem Brand traf er in Berlin ein, übernachtete in verschiedenen Obdachlosenasylen. Auf offener Straße agitierte er gegen die Herrschaft der NSDAP und versuchte schon am 25. Februar drei Brandstiftungen an öffentlichen Gebäuden, die aber fehlschlugen. Nach seiner Verhaftung im brennenden Reichstag betonte er mehrfach, alleine gehandelt zu haben. Er habe damit die deutschen Arbeiter zum Widerstand gegen die neuen Machthaber aufrufen wollen. Es schien, als brüste er sich mit seiner Tat.

Gleich am Tag nach dem Feuer im Reichstag wurde die "Verordnung zum Schutz von Volk und Staat" erlassen. Sie setzte die Bürgerrechte außer Kraft und war einer der zentralen Bausteine für die Errichtung der NS-Diktatur. Schon in der Brandnacht war eine Verhaftungswelle angelaufen. Rund 4.000 KPD-Mitglieder wurden in den folgenden Wochen festgenommen, ihre Partei verboten.

Dieser schnelle Gegenschlag lässt viele heute glauben, die Nazis selbst hätten das Feuer gelegt - oder van der Lubbe sei Provokateuren von rechts auf den Leim gegangen, die ihn dazu angestiftet hatten, um einen Vorwand für den Schlag gegen ihre Gegner zu bekommen.

Bis heute hält die Debatte darüber an, ob van der Lubbe ein Einzeltäter war oder ob er Helfer hatte. Immerhin war er stark sehbehindert. Weil im Plenarsaal des Reichstages mehrere weit auseinanderliegende Brandnester zu dem verheerenden Feuer geführt hatten, kam ein Gutachter im Prozess gegen van der Lubbe zu dem Ergebnis, er habe unmöglich als Einzeltäter handeln können - was die Nazis natürlich als Beleg für eine geplante Aktion der Kommunisten ins Feld führten.

Die meisten Geschichtswissenschaftler dagegen glauben heute, dass van der Lubbe tatsächlich ein Einzeltäter war. Der Historiker Hans Mommsen etwa hält die Brandgutachten für wenig überzeugend, für die Existenz von Mittätern gebe es noch nicht einmal gesicherte Indizien. Er verweist auf die Luftzufuhr und die hohen Decken im Plenarsaal, die zusammen wie ein Kamin gewirkt hätten. Solch einen Raum hätte auch ein Einzelner in kurzer Zeit in Schutt und Asche verwandeln können - selbst mit so einfachen Mitteln wie den Kohle-Anzündern, die der Niederländer verwendet hatte.

"Es gibt zwar noch Zweifel über das Motiv van der Lubbes", sagt der Politologe Eckhard Jesse, "er war ja schon eine etwas merkwürdige Person. Aber seine Alleintäterschaft steht fest."

In der "Hysterie" der Nazi-Granden unmittelbar nach der Tat sieht Mommsen einen Beleg dafür, dass sie am Brand selbst unschuldig waren - auch wenn er ihnen äußerst gelegen kam. "Die Nazis haben da schnell geschaltet und den Brand für ihre Ziele ausgenutzt", stellt auch Jesse fest.

Am 23. Dezember 1933, vor 80 Jahren, ergeht das Urteil. Van der Lubbe erhält die Todesstrafe. Am 10. Januar 1934 stirbt er in Leipzig unter dem Fallbeil. Er wird anonym auf dem Leipziger Südfriedhof bestattet. Dort erinnert heute ein Gedenkstein an ihn.

Sein Bruder Jan kämpfte lange Jahre für die Aufhebung des Urteils. Die kam aber nur schrittweise: 1967 kassierte das Landgericht Berlin den Vorwurf des Hochverrats und reduzierte die Strafe postum auf acht Jahre Zuchthaus. Erst am 10. Januar 2008, knapp 75 Jahre nach dem Reichstagsbrand und auf den Tag genau 74 Jahre nach seiner Hinrichtung wurde van der Lubbe voll rehabilitiert.

Zwar steht die Täterschaft van der Lubbes immer noch außer Frage. Aber erst nach seiner Tat hatten die Nazis ein Gesetz erlassen, das für Brandstiftung die Todesstrafe vorsah. Nach rechtsstaatlichen Regeln hätte der Niederländer nach diesem Gesetz gar nicht verurteilt werden dürfen. Das Todesurteil gegen ihn ist damit ein Justizmord.epd
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