Vier Wochen nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich versucht der Gebirgsort Seyne-les-Alpes, langsam zum Alltag zurückzukehren. "Materiell ist hier fast alles gelaufen", sagte Bürgermeister Francis Hermitte der Deutschen Presse-Agentur. "Inzwischen haben die Schul- und Vereinsaktivitäten wieder begonnen. Die Leute kehren zu ihrem Leben zurück, aber diese Tragödie wird natürlich immer in den Köpfen bleiben." Der Copilot wird verdächtigt, das Flugzeug mit 150 Menschen an Bord absichtlich zum Absturz gebracht zu haben.

Der 1400-Einwohner-Ort war nach dem Absturz am 24. März, bei dem alle Insassen ums Leben kamen, zu trauriger Bekanntheit gelangt. Die Gendarmerie hatte ihn zu ihrer Einsatzzentrale gemacht. 

Von Seyne aus starteten Helikopter an die Absturzstelle, zahlreiche Journalisten reisten an, um über das Geschehen zu berichten.
Auch viele trauernde Angehörige der Opfer besuchten den Ort und kamen bei Bewohnern unter. Auch die Chefs von Germanwings und der Konzernmutter Lufthansa reisten nach Seyne-les-Alpes.

"Ein bisschen apokalyptisch"

Dieser Trubel und das Drama, das so plötzlich über den Ort hereinbrach, haben Spuren hinterlassen. "Das war ein bisschen apokalyptisch, wie in Kriegszeiten - geradezu gewaltsam", sagte Hermitte. Er halte eine Rückkehr zur Normalität aber für möglich: "Die Zeit heilt und mildert die Erinnerung."

Diskussionen über einen Gedenkort für die Opfer gebe es noch nicht. "Ich weiß, dass die Bevölkerung von Seyne voll und ganz versteht, dass es einen Erinnerungsort gibt", sagte der Sozialist. "Wir werden nie vergessen." Er hoffe trotz allem, dass die Berge in der Region von nun an nicht nur mit dem tragischen Ereignis verbunden werden.

An der Unglücksstelle ist nach Angaben der Gendarmerie inzwischen die Bergung der Wrackteile abgeschlossen, nun steht die Säuberung von möglichen Schadstoffen bevor. Die Überreste des Flugzeugs sind in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft in einem Hangar in Seyne-les-Alpes zwischengelagert.

Flug 4U9525 war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf. Unter den 150 Opfern waren 72 Deutsche. Allein 65 von ihnen stammten aus Nordrhein-Westfalen, darunter 16 Schüler und 2 Lehrerinnen eines Gymnasiums in Haltern.

Bislang nur Verdachtsmomente

Bislang haben die deutsche Ermittler ausschließlich Verdachtsmomente gegen den 27-jährigen Copiloten entdeckt: Weder gegen seine Ärzte, noch gegen Airline-Mitarbeiter habe sich bisher ein Verdacht ergeben, sagte ein Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft. Die Behörde führt nach dem Absturz die Ermittlungen in Deutschland.

Er soll den Piloten aus dem Cockpit ausgesperrt und den Sinkflug der Maschine über den französischen Alpen eingeleitet haben. Bis zum Aufprall hatte er die Maschine dem Flugschreiber zufolge noch mehrfach beschleunigt.

Der Mann hatte laut Ermittlern 2009 eine schwere Depression und war suizidgefährdet. Er unterbrach damals seine Pilotenausbildung. Die Depression galt schließlich als abgeklungen und er setzte seine Ausbildung fort. Danach wurde ihm mehrmals volle Flugtauglichkeit attestiert. Am Absturztag war er allerdings krankgeschrieben. Die ärztlichen Atteste lagen den Ermittlern zufolge zerrissen in seiner Düsseldorfer Wohnung.

Unterdessen ist der Ruf nach einer unabhängigen Ombudsstelle für die Hinterbliebenen laut geworden. "Die Angehörigen brauchen verlässliche Informationen. Bei diesem Unglück sind eine Vielzahl von Behörden und Einrichtungen beteiligt. Teilweise wird vehement beklagt, dass die Kommunikation bislang sehr unterschiedlich war und Informationen nicht an die Betroffenen gelangten", sagte der Leiter der Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland, Uwe Rieske, dem Kölner "Express" (Mittwochausgabe). "Daher plädieren wir für die Einrichtung einer Ombudsstelle für die Angehörigen. Sie sollte bei einer Behörde angesiedelt sein, aber unabhängig arbeiten, so wie es etwa bei dem Loveparade-Unglück war", erläuterte er.