Der RTL-Trailer soll eine markige Botschaft übermitteln, und zweifelsohne tut er das auch. Da erscheint auf dem Bildschirm ein älterer, aber keineswegs altersmilder Herr, graues T-Shirt, schwarze Lederjacke, kahl rasierter, markanter Schädel, von Lächeln keine Spur. Selbst sein leichtes, weiches Kölner Idiom schwächt seine Worte nicht ab: "Wo wir untertauchen, machen wir uns keine Freunde. Ich kann Ihnen versprechen, das wird auch so bleiben! Wir geben denen eine Stimme, die sich nicht wehren können... Ich bin Günter Wallraff. Und darüber wird man reden!"

Mit 13 unerwünschte Reportagen begründete Günter Wallraff Ende der 60er Jahre seinen Ruf als Autor kritischer Sozialreportagen. Mehr erfahren Sie hier

Ist er es, oder hat sich da einer nur so verkleidet? Bedient sich der mächtigste Privatsender im deutschsprachigen Raum, der seine Traumquoten eher mit Unterhaltungsformaten wie dem "Dschungelcamp" oder einem krawalligen Dieter Bohlen und seinen "DSDS"-Schützlingen verdankt, des bekanntesten Enthüllungsjournalisten der Republik?

Er ist es tatsächlich, und er ist in der Tat das Zugpferd der 90-minütigen RTL-Reihe "Team Wallraff - Reporter undercover". Ein unerschrockener Kämpfer für die Ausgenutzten, Betrogenen und Untergebutterten. Er stellt Missstände und schreiende Ungerechtigkeiten an den Pranger, und er kündigt an: "Unser neuester Fall betrifft jeden, weil es jeden treffen kann." Diesen Montag (5.5.) 21.15 Uhr ist es wieder soweit: Dann klärt der Undercover-Guru Günter Wallraff (71) die Nation wieder über die moralischen Sümpfe des Landes auf.

Nur die Fans und Freunde des renommierten Schriftstellers, wenn man so will ein Ziehkind des deutschen Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll und Freund des weltbekannten Autors Salman Rushdie ("Satanische Verse"), reiben sich verwundert die Augen und fragen erstaunt, wie es angehen kann, dass ein Moralist wie Wallraff, der fest und unverrückbar am linken politischen Ufer der Republik vertäut ist, für den größten deutschen Kommerzsender arbeitet.

Auf den ersten Blick scheinen da tatsächlich zwei höchst unterschiedliche Partner zu Werke zu gehen, doch das macht die Attraktivität dieser Sendung aus. Beim letzten Fall ließ Wallraff sein Undercover-Team bei Burger King ausschwärmen. Reporter Alexander Römer wurde als Arbeitnehmer in mehrere Filialen der Fast-Food-Kette eingeschleust. Er deckte unfassbare Zustände auf. Fast 3,8 Millionen Zuschauer konnten katastrophale hygienische Zustände miterleben. In einem anderen Fall deckten die Wallraff-Reporter abenteuerliche Arbeitsbedingungen bei einem Versandhändler auf.

Die Wallraff-Reporter werden, beraten vom Altmeister, in entsprechende Firmen eingeschleust und filmen ihre Erfahrungen mit versteckter Kamera. Dabei folgt das Team treu dem Wallraff-Credo: "Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden."

Mit dieser Arbeitsweise hat Günter Wallraff seit Jahrzehnten große Erfolge. Er arbeitete undercover als Reporter beim Springer-Verlag und schrieb danach das Skandalbuch "Der Aufmacher. Der Mann, der bei ,Bild' Hans Esser war". Er verdingte sich, verkleidet als türkischer Gastarbeiter, bei verschiedenen Firmen wie Thyssen und McDonalds und beschrieb seine Erfahrungen in dem verfilmten Bestseller "Ganz unten". Er recherchierte, getarnt als Penner, in Obdachlosenasylen und prangerte - von einer Maskenbildnerin aus schwarz getrimmt - als Somalier Kwami Ogonno für den Film "Schwarz auf Weiß - eine Reise durch Deutschland" den alltäglichen Rassismus an.

Das letztere Projekt brachte ihm allerdings auch viel Kritik ein. So urteilte die schwarze Autorin Noah Sow über den "angemalten Weißen": "Er äfft unterdrückte Minderheiten nach und erntet damit Geld, Aufmerksamkeit und sogar Respekt." Und die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete diese typische Recherchier-Methode selbst als "rassistisch". Wallraff betreibe "weniger eine Anklage gegen den Rassismus als eine Inszenierung seiner eigenen Vorurteile".

Immer wieder stand der gelernte Buchhändler aus Köln, der in erster Ehe mit Birgit Böll, einer Nichte des berühmten Schriftstellers Heinrich Böll, verheiratet war, bei seinen Buch- und Filmerfolgen auch in der Kritik. So behauptete der Journalist Hermann Gremliza, er und nicht Günter Wallraff habe als Ghostwriter die Texte zum Bestseller "Der Aufmacher" verfasst, was Wallraff später als "eine Art erweiterte Lektoratsarbeit" bezeichnete. Daraufhin höhnte Gremliza: "Der weltberühmte Autor, der nicht schreiben kann, hat es vermocht, die verschiedenartigsten Autoren, deren Hilfe er sich versicherte, auf jenen einheitlichen Ton zu stimmen, der den echten Wallraff verbürgt".

Der Wallraff-Mitarbeiter André Fahnemann erhob ebenfalls den Vorwurf, dass der Kölner sich beim Schreiben allzu sehr helfen lasse. Diesem Kollegen hat es Wallraff auch zu verdanken, dass die Kölner Staatsanwaltschaft zwei Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung und Beihilfe zum Sozialleistungsbetrug gegen ihn eingeleitet hat. Ein Verfahren wurde gegen Zahlung von 8000 Euro eingestellt.

Wie dem auch sei: Das RTL-Format "Team Wallraff - Reporter undercover" deckt in der Tat haarsträubende Missstände auf und kommt bei Publikum und Kritik gleichermaßen gut an. So lobt denn auch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Sie passen erstaunlich gut zueinander, die beiden Marken RTL und Wallraff." Und weiter: "So albern das gelegentlich wirkt - die Zusammenarbeit funktioniert und ist geschickt. Sie gibt RTL mit den Recherchen dringend benötigte Programme mit gesellschaftlicher Relevanz; die markige Ankündigung am Anfang der Sendung ,Darüber wird man reden' ist kein leeres Versprechen. Und sie gibt Wallraff einen Rahmen, in dem er ohne zu viel eigenen Einsatz tätig werden kann und nicht allzu sehr aus der Zeit gefallen wirkt."

So kommt der Enthüllungsschriftsteller auf seine alten Tage noch zu einem Bekanntheitsgrad, der von Millionen von Zuschauern getragen wird. Dieser Erfolg dürfte ein Projekt wie "Zweigniederlassung", wie es in "Titanic" persifliert wurde, überflüssig machen. Da heißt es: "Günter Wallraff - als Baum in Deutschland unterwegs." Die Satirezeitschrift zitiert folgenden Text: "Ich, Günter Wallraff, als Baum verkleidet in einem baumfeindlichen Land. Bello kommt näher. Kalt drückt er seine Schnauze in meine Kniekehle. Schnuppert sich hoch, so lange, bis es schon nicht mehr lustig ist. Sein Herrchen steht daneben. Teilnahmslos. Tatenlos. Dann: der scharfe Geruch von Hundeharn. Mein Kostüm ist durchgeweicht, meine Borke juckt. Die Tarnung hält. So soll es mir noch häufiger gehen an diesem kalten Novembertag, an dem ich mein Experiment beginne." Mehr Wallraff geht nicht.