Es gibt Menschen, die glauben, in Deutschland werden im Jahr der Bundestagswahl zu viele Umfragen veröffentlicht. Theo Koll (55) gehört nicht dazu, was vermutlich auch seinem Beruf geschuldet ist. Er ist Leiter des ZDF-Politbüros. "Für eine mündige Wahlentscheidung ist es wichtig, über den aktuellen Stand Bescheid zu wissen", sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news. Sein Sender wird deshalb erstmals in diesem Jahr auch drei Tage vor der Wahl die Ergebnisse des "Politbarometers" veröffentlichen (Donnerstag, ab 21:45 Uhr).

Die ARD weigert sich dagegen weiter, in der Woche vor einer Wahl neue Meinungsumfragen zu veröffentlichen. WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, der den ARD-"Deutschlandtrend" moderiert, sagte Anfang des Jahres dem Magazin "Cicero", solche Zahlen könnten "einen Kreislauf zwischen taktischen Wahlentscheidungen und neuen Entscheidungsgrundlagen" in Gang setzen, der dem demokratischen Prozess nicht förderlich sei.

Koll teilt diese Meinung nicht. Er sagt: "Umfragen werden weithin überschätzt, der Einfluss von Demoskopie ist eher gering." Warum sie trotzdem so zahlreich veröffentlicht werden? "Es geht uns um Information und Transparenz für einen mündigen Wähler." Aufgrund fehlender Parteibindung würden sich die Menschen zudem immer später entscheiden, welcher Partei sie ihre Stimme geben, glaubt Koll. "Auf diese Entwicklung reagieren wir." Zumal gerne vergessen werde, "dass es die Selbstbeschränkung nur bei ARD und ZDF gab. Die Institute Forsa und Allensbach haben auch 2009 ihre Umfrageergebnisse in der Woche vor der Wahl veröffentlicht." Im Internet kann all das ohnehin bis wenige Minuten vor dem Urnengang eingesehen werden, insofern ist die Entscheidung des ZDF nachvollziehbar.

Die Wirkung von Umfrageergebnissen auf die Wähler ist umstritten. Koll beruft sich bei seiner Aussage auf die jüngsten Ergebnisse des Kommunikationswissenschaftlers Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Dieser sagte der "Welt": "Einen direkten Einfluss von Umfragen erkenne ich nicht." Allerdings gibt er zu bedenken, dass durch die Ergebnisse "die allgemeine Medienberichterstattung zu einer Partei einen neuen Tenor bekommt - und das kann wiederum die öffentliche Meinung durchaus beeinflussen".

Koll dagegen sieht die Medienberichterstattung auf einem guten Weg - auch bei ProSieben und Co, wo unter anderem ehemalige Castingshow-Kandidaten in Werbesports und Interviews mit Politikern Interesse wecken sollen. "Die Medien, auch die privaten Sender, leisten gute Arbeit bei der politischen Aufklärung und Mobilisierung von jungen Menschen, die vielleicht ansonsten eher weniger Interesse an Politik haben."