Hamburg
ARD-Talkshow

Talk bei Anne Will: Holocaust-Überlebende (93) appelliert an junge Generation

Sie überlebte Auschwitz und Ravensbrück: Esther Bejarano. Warum ihr Auftritt so beeindruckend war, erklärt unser Autor im Kommentar.
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Esther Bejarano (93) berichtete in Anne Wills ARD-Talkshow von ihren Erlebnissen zu Zeiten des Nazi-Regimes. Foto: Wolfgang Borrs/NRD/dpa
Esther Bejarano (93) berichtete in Anne Wills ARD-Talkshow von ihren Erlebnissen zu Zeiten des Nazi-Regimes. Foto: Wolfgang Borrs/NRD/dpa
Sie redet und singt über den Holocaust: Esther Bejarano (93) war am Sonntag (28. Januar 2018) zu Gast bei Anne Will. Ebenfalls Teil der Runde waren Julius H. Schoeps (Politikwissenschaftler/Historiker), Sawsan Chebli (SPD, Berliner Staatssekretärin), Wenzel Michalski (Direktor Human Rights Watch Deutschland) sowie Monika Grütters (CDU, Bundesbeauftragte für Kultur/Medien). Die prägende Person in der illustren Runde war jedoch Bejarano, die völlig zu Recht viel Redezeit zugesprochen bekam.


"Wie kann es sein, dass wir heute wieder Nazis haben?"

Denn mit ihren Erzählungen über die NS-Zeit wusste Esther Bejaranos zu beeindrucken: Trotz ihrer 93 Jahre hat ihr Gedächtnis kaum gelitten, zu tief haben sich die Erlebnisse der Nazi-Zeit in die Erinnerung der Holocaust-Überlebenden eingebrannt.

Dabei beschäftigt Bejaranos vor allem die Frage, ob Antisemitismus wieder salonfähig werden wird, wenn auch die letzten Überlebenden des Nazi-Terrors gestorben sind. Wie wird sich die Erinnerungskultur verändern, wenn niemand mehr aus erster Hand die Geschichte des Dritten Reichs erzählen kann?

Neben ihrem Engagement als Rednerin und Sängerin hält die 93-Jährige deshalb ihre Erinnerungen in Videos fest, um sie für die nächsten Generationen zu bewahren. Denn sie habe durchaus die Hoffnung, dass sich der Antisemitismus stoppen lasse. Hoffnung, so Bejaranos, mache ihr der "Kontakt zu jungen Menschen".

Die in Saarlouis (Saarland) geborene Deutsch-Jüdin warnt indes davor, der jungen Generation eine Schuldlast aufzubürden. Aber sie mache sich schuldig, wenn sie davon nichts wissen wolle. Dabei zitiert sie ihren Vater, der 1941 von den Nazis ermordet wurde: "Hitler hält sich nicht lange, die Deutschen werden das nicht erlauben". Zitate wie dieses, beschreiben Bejaranos Intention am eindrucksvollsten.


Aus welcher gesellschaftlichen Ecke kommt Antisemitismus?

Antisemitismus wird häufig mit rechter Ideologie gleichgesetzt. Insbesondere Sawsan Chebli (SPD) äußerte sich mehrfach zu rechtem Antisemitismus: 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten kämen von Rechts. Moderatorin Anne Will betonte jedoch immer wieder, dass auch andere Gruppierungen antisemitische Tendenzen besitzen. In diesem Zusammenhang sprach sie auch den "zugezogenen Antisemitismus" an: In vielen Herkunftsländern von Flüchtlingen gehört Antisemitismus zum Alltag, wie Sawsan Chebli ergänzte.


Cheblis Vorschlag stößt auf Kritik

Sawsan Chebli (SPD, Berliner Staatssekretärin) machte erst kürzlich auf sich aufmerksam, als sie verpflichtenden Besuche in KZ-Gedenkstätten forderte. Dem Widersprach Wenzel Michalski und war sich dabei mit Ester Bejarano einig: "Mit Pflicht kann man das nicht machen." Stattdessen sprachen sich Michalski und Bejarano für pädagogische Bemühungen aus.

Dass in sozialen Netzwerken "wieder mehr erlaubt sei", sei der Grund, dass pädagogischen Bemühungen zunehmend ins Leere laufen würde, fügte Monika Grütters (CDU) hinzu. Doch Grütters Argumentation greift zu kurz: Statt konkreten Vorschlägen lieferte sie nur eine allgemeine Kritik am technischen Fortschritt und der Digitalisierung.
Wenzel Michalski, Direktor bei "Human Rights Watch Deutschland", berichtete von zahlreichen Anrufen von Lehrern, die sich Sorgen über einen ausbreitenden Antisemitismus machen würden. Viele dieser Lehrer hätten einen Gedenkstättenbesuch bereits hinter sich - geändert habe sich nichts. Nur der Kontakt mit Überlebenden des Holocaust könne das wachsende Problem des Antisemitismus lösen.

"Wir müssen überleben. Wir müssen uns rächen", sagt Esther Bejarano zum Abschluss: Das hätte sie sich damals immer wieder selbst gesagt. Ihre "Rache" sind ihre Erzählungen über die Verbrechen des Nazi-Regimes: Indem sie das Bewusstsein über die Verbrechen am Leben erhält, hilft sie heute, Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen.
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