Sonne, Strand und Fußball - noch gut zwei Wochen, dann beginnt die Party des Jahres. Sie wird über einen Monat dauern, hunderte Millionen Menschen werden sie vor den TV-Bildschirmen feiern, tausende vor Ort. Die Fußball-WM in Brasilien findet dort statt - zumindest nach dem Eigenverständnis der Brasilianer - wo sie am besten aufgehoben ist: im Land mit der größten Fußballbegeisterung weltweit. Fakt ist: Kein Land schickt so viele Fußballer in die weite Sportwelt wie Brasilien. Über 1.000 verlassen jedes Jahr das Land. Und die meisten kommen bald wieder zurück.

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Diese Tatsache ist nicht wirklich neu, darüber wurden schon zahlreiche Artikel verfasst, Kapitel in Büchern geschrieben und TV-Berichte gedreht. Doch ein Dokumentarfilm über das Fußball-Business im Land von Pelé, und das im Spielfilm-Format? Genau den haben Jens Hoffmann und Cleonice Comino abgedreht. "Mata Mata - Spiel des Lebens" feierte seine Premiere im Rahmen des Internationalen Dokumentarfilmfestivals in München. Im Fernsehen wird der 90-minütige Streifen am Samstag, 24. Mai, zu sehen sein, im Ersten ab 18:20 Uhr. Als Einstimmung auf das Champions-League-Finale am gleichen Abend? Wohl eher als Kontrast, denn die beiden Filmemacher zeigen auf, dass das Hochglanzprodukt Fußball, so wie es FIFA und UEFA gerne und vor allem ertragsreich verkaufen, für viele Menschen in Brasilien eher ein Spiel ums Leben ist. Ein großes Geschäft.

Humankapital - dieser Begriff aus der Filmbeschreibung des DOK.fest München fasst zusammen, was die jungen Fußballspieler sind. Alle Fußball-Romantik ist verflogen, wenn es ums Geld geht, ums "Business". Schließlich können bei Transfers Millionen von Real beziehungsweise Euro verdient werden. Das Ganze System basiert auf dem Traum eines fast jeden brasilianischen Jungen: Fußball-Profi werden. Am besten in Europa. Wegen der großen Auswahl an begabten und vor allem begeisterten jungen Kickern ist so über die Jahre ein eigener Wirtschaftszweig in Brasilien entstanden. Fußballer werden produziert und exportiert. Dass der Weg von den Favelas bis zu den Villen in Europa jedoch ein langer und harter ist, zeigt der Film deutlich. Dass viele der jungen Fußballer während dieses langen Weges aufgeben, zum Aufgeben gezwungen werden oder wegen anderer Gründe scheitern, ist allseits bekannt und auch nicht verwunderlich.

Der Filmtitel "Mata Mata" bedeutet so viel wie K.o.-Spiel. Alles oder nichts also. Fußballprofi werden oder weiter in der Favela leben. Ob der Aufstieg gelingt oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab. Disziplin, Talent, der Herkunft, der Umgebung, der Familie, dem Zufall. Und dem richtigen Manager. Natürlich kommt der Film nicht ohne die Spezies Spielerberater aus. Unvoreingenommen steht diesem Beruf kaum noch einer gegenüber, dafür hat er medial ein zu schlechtes Bild. Im Laufe des Films ergeben sich jedoch interessante neue Perspektiven zu diesen "Beruf".

Die Dokumentation begleitet sechs junge Fußballer aus Brasilien - vier Protagonisten fielen dem Cut zum Opfer -, die sich aufmachen, ihren Traum zu verwirklichen. Den Traum, den Dante vom FC Bayern München lebt. Dafür hat er vor Jahren viel aufgeben müssen, vor allem aber viel investiert. Wenn man allein Dante als Maßstab heranziehen würde, könnte man leicht meinen, nur aufgrund seiner positiven Einstellung habe er den Sprung zu einem der besten Klubs der Welt geschafft. Doch das ist natürlich viel zu kurz gegriffen. Zudem wird deutlich, dass zwischen Durchbruch und Scheitern keine Welten liegen, stattdessen oft nur Nuancen entscheiden.

So verlässt der junge Carlinhos Brasilien, um in Deutschland den Durchbruch zu schaffen - schließlich versauert er in der tiefen bayrischen Provinz in der 2. Liga, um dann reumütig in die Heimat zurückzukehren, zu fliehen. Sein Weg scheint zu Ende, doch Filmemacherin Comino erklärte bei der Film-Premiere, dass Carlinhos es noch einmal versuchen werde. Sie sei auch guter Hoffnung, dass er es schaffen werde. Ausgang offen.

Als Kontrast dazu steht Dante. Das fast schon zu perfekte Gegenbeispiel zu Carlinhos. Dante kam jung und mittellos - noch so ein Klischee - nach Europa, gab nie auf, lernte immer wieder neue Sprachen und biss sich schließlich durch. Jetzt lebt er so, wie es sich die meisten jungen Brasilianer erhoffen: Dante spielt für einen großen europäischen Verein, spielt in der Selecao, lebt in einer Villa mit seiner Familie. Und dazu sorgt er noch für die Familie in der Heimat. Diese Familien sind sowieso oft der Knackpunkt für die jungen Fußball-Träumer. Diesen Aspekt arbeiten die Filmemacher gut hervor. Denn sie sind vor Ort, nahe dran, wenn die jungen Männer Hilfe bei ihrer Familie suchen, weil der Traum nicht so einfach in Erfüllung gehen will. Dafür haben der Münchner Hoffmann und die Brasilianerin Comino die jungen Fußballer über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet, was schon erahnen lässt, welcher Aufwand für diese Doku betrieben wurde.

Der Film springt zwischen den sechs Protagonisten hin und her, dazu kommen die vielen Personen, die aus dem jeweiligen Umfeld auftauchen. Dennoch verläuft sich der Zuschauer nicht, Hoffmann und Comino schaffen es geschickt, den Zuschauer am Ball zu halten. Der Film ist weit von der typischen Doku-Film-Ästhetik entfernt, dafür sorgt die Kamera-Technik, der Stil. Das macht den Streifen als filmisches Erlebnis sehenswert, lässt jedoch die selbst traurigen Szenen fast ein wenig zu schön erstrahlen.

Ein kleines, wenn auch nur stilistisches Manko ist, dass zu viele Songs als Hintergrund-Musik angespielt werden. Das sorgt für Hektik, die nicht den Bildern entspricht. Denn diese und die Handlung sind schon allein stark genug. Hoffmann meinte zu diesem Kritikpunkt, dass das so momentan State of the Art wäre. Doch solange das der einzig wirkliche Kritikpunkt bleibt, führt kein Weg am Urteil sehr empfehlenswert vorbei. Deswegen: Zur besten Sportschau-Zeit die ARD einschalten. Und wer den Termin verpasst: Wiederholungen gibt es in den dritten Programmen. Diese 90 Minuten sind definitiv besser als viele Spiele, die man während der WM zu sehen bekommen wird.