Mit der Vergangenheit ist es selten einfach. Weder im persönlichen Bereich noch in den großen, historischen Kontexten - und schon gar nicht, wenn es um die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht. Mit dem Doku-Drama "George" haben sich die Macher an eine schwieriger Vergangenheitsbewältigung gewagt: Denn hier verkörpert Götz George (74, "Der Sandmann") nicht nur seinen eigenen Vater, den legendären Schauspieler Heinrich George, sondern auch ein Stück exemplarische Geschichte. Heinrich George nahm als berühmter Darsteller im Deutschland der NS-Zeit eine zwiespältige Position ein. Das ergibt eine ganze Menge Aufarbeitungsarbeit für einen Fernsehabend.

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Da verwundert es auch gar nicht, dass Götz George höchstpersönlich noch vor der Ausstrahlung Kritik übte: Es sei zu viel Material gekürzt worden, monierte er unlängst. Klar, da spricht der Sohn, der die historische Rolle seines Vaters fair verhandelt sehen will. Ob 113 Minuten Film aber wirklich noch zu wenig sind? Fraglich.

Denn "Verhandlung" ist genau das Stichwort: Dreh- und Angelpunkt des Films sind Verhörszenen, in denen ein sowjetischer Offizier die Wahrheit über die politische Haltung des Heinrich George herausfinden will. Er spielte immerhin in Nazi-Propagandafilmen wie "Jud Süß" oder "Hitlerjunge Quex" mit, rettete aber als Intendant des Berliner Schillertheaters auch Schauspielkollegen vor der Verfolgung. Kläger und Angeklagter kommen also zu Wort. Ganz buchstäblich. Dazwischen gibt es historische Aufnahmen, weitere nachgespielte Szenen aus dem Leben Heinrich Georges und Gespräche mit Zeitzeugen - darunter natürlich auch Götz George selbst.

Diese Mischung macht den Film immerhin recht abwechslungsreich. Es ist eine interessante Art der Suche nach der Wahrheit über Heinrich George. Aber eben auch genau das und nichts anderes: eine filmische Nachforschung zum recht spezifischen Schicksal des Künstlers Heinrich George. Echte Spannungsmomente bleiben bei all der Aufklärungsarbeit rar. Auch die dramatischen Ereignisse im NS-Deutschland bleiben eher Hintergrundrauschen. Da muss der Zuseher schon wirklich an den Beweggründen des Mimen interessiert sein, um dran zu bleiben. Wie viele Zuschauer das sein werden, knapp 70 Jahre nach dem Ableben Heinrich Georges, wird sich zeigen.

Aber dann also wenigstens die Frage: Wusste Heinrich George denn, was er und warum er es tat, als er in Propagandafilmen mitspielte? Das Dokudrama gibt eine ehrliche, menschliche, aber vielleicht auch zu harmlose Antwort: Man weiß es nicht. "Ich wollte doch nur spielen", darf Heinrich George mit Blick auf seine mehr als problematischen Engagements im Verhör sagen. Und Rolf Kanies in der Rolle als Schauspielkollege Ernst Stahl-Nachbaur erwidert auf die Feststellung, George sei Faschist gewesen: "Er war Schauspieler! Man wusste auch im richtigen Leben nie, was er wirklich war." Vermutlich wahr - aber filmisch wenig befriedigend.

Für Staunen sorgen immerhin, und das kann den geduldigen Zuschauer entlohnen, einige bemerkenswerte Episoden aus dem Leben Heinrich Georges: Dass der Schauspieler etwa noch kurz vor seinem Tod in Gefangenschaft im "Speziallager Sachsenhausen" der Sowjets Russisch lernte, um weiter - nun vor Soldaten - Theater spielen zu können. Auch die Rückkehr Götz Georges in sein Elternhaus und an Wirkungsstätten seines Vaters für den Doku-Part des Films und Original-Filmszenen aus den 1920ern und 30ern sind einige Blicke wert. Ob es diese Momente rechtfertigen, bis kurz vor Mitternacht dem Sohn Götz George auf den Spuren seines Vaters Heinrich zu folgen - das bleibt wohl dem Urteil des Zuschauers überlassen.

Arte zeigt "George" am Montag um 20.15 Uhr. Im Ersten wird der Film dann am Mittwoch um 21.45 Uhr zu sehen sein.