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Istanbul
Im Grenzgebiet

Türkische Armee schießt russisches Kampfflugzeug ab

Russland hat den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei als "feindselige Handlung" verurteilt.
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Ein Kampfflugzeug der türkischen Luftwaffe vom Typ F-16 startet am 15.05.2014 auf dem Flugplatz in Wittmund (Niedersachsen). Foto: Ingo Wagner/dpa
Ein Kampfflugzeug der türkischen Luftwaffe vom Typ F-16 startet am 15.05.2014 auf dem Flugplatz in Wittmund (Niedersachsen). Foto: Ingo Wagner/dpa
Türkische Streitkräfte haben ein russisches Kampfflugzeug im syrisch-türkischen Grenzgebiet abgeschossen. Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte nach Angaben der Agentur Interfax am Dienstag mit, dass eine Maschine vom Typ Suchoi Su-24 in Syrien abgestürzt sei. Nach russischer Darstellung wurde sie vom Boden aus abgeschossen. Es ist der erste offiziell bestätigte Verlust der russischen Streitkräfte seit Beginn ihrer Intervention im syrischen Bürgerkrieg Ende September.


Angeblich zehn Warnungen ignoriert

Die türkischen Streitkräfte teilten mit, ein Flugzeug unbekannter Herkunft habe den türkischen Luftraum verletzt und innerhalb von fünf Minuten zehn Warnungen ignoriert. Zwei türkische F16-Kampfflugzeuge hätten den fremden Jet den Einsatzregeln entsprechend am Morgen in der Grenzregion Hatay abgeschossen.

Das Ministerium in Moskau widersprach der türkischen Darstellung, wonach der Jet türkischen Luftraum verletzt habe. Nachweislich sei das Flugzeug die ganze Zeit über syrisches Territorium geflogen.

Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu zeigte einVideo vom Moment des Absturzes. Darauf ist zu sehen, wie ein brennendes Kampfflugzeug zur Erde stürzt.

Der Sender CNN Türk berichtete, das Flugzeug sei auf der syrischen Seite etwa fünf Kilometer von der Grenze entfernt abgestürzt. Beide Piloten hätten sich mit Schleudersitzen retten können. Ein Pilot sei von syrischen Turkmenen gefangen genommen worden. Auch aus der moderaten Freien Syrischen Armee (FSA) nahestehenden Kreisen hieß es, einer der Piloten sei gefangen genommen worden. Aktivisten teilten mit, der zweite Pilot sei ums Leben gekommen.

In der Region kämpfen radikale und moderate Rebellen gegen Anhänger des Regimes. Dazu gehört neben Kämpfern der ethnischen Minderheit der Turkmenen auch die Al-Nusra-Front, der syrische Ableger des Terrornetzes Al-Kaida.


Zwischenfall überschattet geplanten Besuch des russischen Außenministers in Türkei

Der Zwischenfall überschattet einen für diesen Mittwoch geplanten Besuch des russischen Außenministers Sergej Lawrow in der Türkei. Russlands Unterstützung für die syrische Regierung belastet das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara. Die Türkei ist ein ausgesprochener Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Die russische Luftwaffe unterstützt mit ihren Angriffen die syrische Führung.

Das türkische Außenministerium hatte wegen russischen Luftangriffen auf turkmenische Rebellen in Syrien erst am vergangenen Freitag den russischen Botschafter in Ankara einbestellt. Aus Sicht des Ministeriums treffen die Russen mit ihren Luftschlägen nicht Terroristen, sondern Zivilisten. Die Türkei unterstützt die turkmenischen Rebellen, die gegen Assad kämpfen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte am Montag betont, die Armee werde auf Grenzverletzungen aus Syrien sofort reagieren.

Dem Verteidigungsministerium in Moskau zufolge wurden zudem drei russische Kriegsreporter bei Beschuss in Syrien verletzt. Die Journalisten hätten an vorderster Front die syrische Armee bei ihrer Offensive gegen Rebellen begleitet, meldete Interfax.


Nato-Sondertreffen: Türkei will über Abschuss informieren

Vertreter der Nato-Staaten kommen nach dem Abschuss zu einer Sondersitzung zusammen. Die Türkei wolle dabei die Verbündeten über den Abschuss informieren, teilte die Bündniszentrale am Dienstag in Brüssel mit. Das von Ankara beantragte Treffen werde um 17.00 Uhr beginnen.

Die Türkei hatte bereits im Juli nach Terroranschlägen ein Nato-Sondertreffen beantragt. Damals berief sie sich auf Artikel 4 des Nato-Vertrags. Dieser sieht Konsultationen vor, wenn ein Mitglied meint, dass die Unversehrtheit des eigenen Territoriums, die politische Unabhängigkeit oder die eigene Sicherheit bedroht sei. Am Dienstag war von Artikel 4 zunächst keine Rede.

Bei den Terroranschlägen im Juli hatte es Dutzende Tote gegeben. Die blutigste Attacke in Suruc mit mehr als 30 Opfern schrieb Ankara der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu. Die Türkei flog in der Folge erstmals Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien, aber auch auf das Hauptquartier der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK im Nordirak.

Bereits Anfang Oktober waren zudem aus Syrien kommende russische Kampfflugzeuge unerlaubt in den türkischen Luftraum eingedrungen. Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte damals von einer schwerwiegenden Verletzung gesprochen.


Russland verurteilt Flugzeugabschuss als "feindselige Handlung"

Russland hat den Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei als "feindselige Handlung" verurteilt. "Das ist absolut unerklärlich", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag in Moskau. Präsident Wladimir Putin "hat nicht über irgendwelche militärischen Folgen gesprochen", betonte Peskow. "Trotzdem ist es klar, dass es unausweichlich Folgen geben muss."

Für die Behauptung, die Suchoi Su-24 habe den türkischen Luftraum verletzt, habe Ankara keine Beweise präsentiert, sagte der enge Vertraute von Kremlchef Putin. Über das Schicksal der russischen Piloten sei ihm nichts bekannt.

Russland sei gespannt auf die Ergebnisse der für Dienstagabend angekündigten Nato-Sondersitzung - einschließlich der Reaktion auf die "Provokation der türkischen Seite". Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wird im Dezember in Moskau erwartet. Peskow sagte, bislang sei nicht entschieden, ob der Besuch stattfinde.


Moskau und Ankara streiten nach Jet-Abschuss

Vor den Fernsehkameras ist Kremlchef Wladimir Putin sichtlich um Fassung bemüht. Die Wut über den Abschuss eines russischen Kampfjets im Syrien-Konflikt durch das Nato-Mitglied Türkei ist gerade wegen seiner ruhigen Stimme und der sorgfältig gewählten Worte kaum zu übersehen.

"Dieser Fall geht über den normalen Kampf gegen den Terrorismus hinaus", sagt Putin. Er verurteilt den Angriff als "Stoß in den Rücken, begangen von Helfershelfern von Terroristen". Experten befürchten eine Eiszeit zwischen Russland und der Türkei, die sich auch negativ auf den internationalen Kampf gegen die Mordbrenner des Islamischen Staates (IS) auswirken könnte.

Nach mehrfacher Warnung - so Ankaras Darstellung - holen türkische F-16-Jagdflieger am Dienstagmorgen im Grenzgebiet zu Syrien einen russischen Su-24-Bomber vom Himmel. Der Abschuss dürfte die diplomatische Agenda dieser Woche im Ringen um eine Annäherung zwischen Russland und dem Westen schwer belasten. In Brüssel ruft der Fall die Nato mit einer Sondersitzung auf den Plan. Ein für diesen Mittwoch geplantes Treffen der Außenminister Russlands und der Türkei fällt prompt aus.

Kann Frankreichs Präsident François Hollande bei dem für Donnerstag erwarteten Gespräch mit Putin die Basis für eine große Koalition gegen den IS schaffen? Der russische Staatschef jedenfalls betont, im Kampf gegen den Terrorismus müssten alle Kräfte vereint werden.

"Ich weiß nicht, wer das braucht, was heute passiert ist", sagt Putin konsterniert. Mit "ernsthaften Auswirkungen" auf die Beziehungen droht Putin der Türkei, die er in den vergangenen Monaten vor allem aus wirtschaftlichen Motiven so stark umworben hat. Bislang habe Russland die Türkei als Freund betrachtet, sagt er.
Eigentlich können der russische Präsident und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan ganz gut miteinander. Mit einem milliardenschweren Deal für die geplante Gaspipeline Turkish Stream durch das Schwarze Meer will Russland die Türkei eng an sich binden.

Doch besonders in einem Punkt vertreten Putin und Erdogan diametral entgegengesetzte Positionen: beim Thema Syrien. Die Türkei fordert die Ablösung von Machthaber Baschar al-Assad. Noch beim G20-Gipfel in der Südtürkei - an dem auch Putin teilnahm - hatte Erdogan vor gut einer Woche betont: "Assad hat keinen Platz in der Zukunft Syriens. Er hat sein eigenes Volk abgeschlachtet."

Russland hält dagegen an Assad fest und unterstützt seit Ende September eine Offensive der syrischen Armee mit Luftangriffen. Bereits im Oktober hatten russische Kampfjets aus Syrien kommend nach Darstellung der Regierung in Ankara türkischen Luftraum verletzt.

Ministerpräsident Ahmet Davutoglu hatte damals gewarnt, die türkischen Einsatzregeln würden auch für russische Kampfflugzeuge gelten. Das Militär werde gegen jeden vorgehen, der türkischen Luftraum verletze - "sollte es auch nur ein fliegender Vogel sein". Dass Ankara Ernst machen würde, hatte in Moskau wohl niemand so recht erwartet.

Zudem eskaliert seit Tagen ein im Westen weniger beachteter Konflikt zwischen der Türkei und Russland im Bürgerkriegsland Syrien. Ankara wirft Moskau vor, turkmenische Rebellen nahe der Grenze zur Türkei zu bombardieren - genau in jenem Gebiet, in dem am Dienstag das russische Kampfflugzeug in einem Feuerball zur Erde stürzte.

Die Türkei betrachtet die Minderheit der Turkmenen in Syrien nicht nur als Alliierte im Kampf gegen Assad, sondern fühlt sich ihr auch ethnisch verbunden. Den UN-Sicherheitsrat forderte die Türkei der Agentur Anadolu zufolge schriftlich auf, Maßnahmen gegen die russischen Luftangriffe zu ergreifen.

Von einem "Wendepunkt in Moskaus ohnehin gespannten Beziehungen zu Ankara" spricht Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Centre. "Russland wird jetzt keine Luftangriffe gegen die Türkei fliegen, aber sie als "Komplizen des IS" behandeln", meint der Experte im Kurznachrichtendienst Twitter.