Frankreich sieht sich nach der verheerenden Anschlagserie von Paris im Krieg gegen den islamischen Terrorismus. Die Massaker mit 129 Toten und mehr als 350 Verletzten waren nach ersten Ermittlungen eine minutiös koordinierte Kommandoaktion von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Erste Spuren weisen nach Belgien: Zwei der getöteten Attentäter lebten zuletzt im Großraum Brüssel. Es handele sich um zwei Personen mit französischem Pass, wie die Brüsseler Staatsanwaltschaft am Sonntag nach Angaben der belgischen Nachrichtenagentur Belga mitteilte.

Womöglich wollten die Attentäter von Paris sogar ein noch größeres Blutbad anrichten. Nach Medienberichten könnte ein Anschlag auf das mit knapp 80.000 Fans besetzte Stadion versucht worden sein, in dem die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte.

Link: Videoberichte zum Terror in Paris


Ein Deutscher unter den Toten

Wie das Auswärtige Amt am Sonntag mitteilte, ist bei den Attentaten ein deutscher Staatsangehöriger getötet worden. Ob auch Verletzte unter den Opfern sind, konnte das Auswärtige Amt am Sonntag in Berlin zunächst nicht sagen.

Der bei den Terroranschlägen in Paris getötete Deutsche stammt aus München. Der 28-Jährige habe seit längerem in der französischen Hauptstadt gelebt, teilte der fachliche Leiter des Kriseninterventionsteams München, Andreas Müller-Cyran, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur mit. Noch ist unklar, ob es weitere deutsche Opfer gab.


Polizei stellt Auto von Paris-Attentätern sicher

Östlich von Paris hat die Polizei am Sonntagmorgen ein Auto gefunden, aus dem am Freitag mitten in der Hauptstadt vermutlich auf Passanten geschossen wurde. Im Fahrzeug seien drei Kalaschnikows entdeckt worden. Diese Sturmgewehre hatten die Terroristen bei den Überfallen in Paris verwendet.

Offenbar scheint mindestens einem Terrorkommando zunächst die Flucht gelungen zu sein. Der schwarze Seat soll nach Einschätzung der Ermittler von den Terroristen benutzt worden sein, die vor mehreren Cafés und Restaurants wahllos Menschen erschossen. Unklar blieb, ob der oder die Täter weiter auf der Flucht sind, oder bereits am Samstag in Belgien gefasst wurden.

Mehrere Angehörige eines der Selbstmordattentäter aus dem Pariser Konzertsaal "Bataclan" haben Ermittler in Polizeigewahrsam genommen. Das berichtet der französische Fernsehsender BFMTV. Die Befragung von Angehörigen gehört in solchen Fällen zu den Ermittlungen.


Frankreichs Premier: "Ja, wir sind im Krieg" - drei Monate Ausnahmezustand

Der französische Präsident François Hollande sprach von einem "Kriegsakt" des IS und kündigte "angemessene Entscheidungen" an. Premierminister Manuel Valls sagte am Samstagabend dem Sender TF1: "Ja, wir sind im Krieg." Frankreich werde handeln, um diesen Feind zu zerstören. "Wir ergreifen daher außergewöhnliche Maßnahmen. Und diesen Krieg werden wir gewinnen", schrieb Valls auf Twitter.

Frankreichs Präsident François Hollande will den nach den Anschlägen verhängten Ausnahmezustand auf drei Monate verlängern. Dies berichtete die französische Nachrichtenagentur AFP am Sonntag unter Berufung auf Parlamentskreise. Das Parlament müsste für eine Verlängerung über zwölf Tage hinaus ein Gesetz beschließen.

Im Internet war eine zunächst nicht verifizierbare Erklärung aufgetaucht, in der sich der IS zu den Anschlägen von Freitagabend bekennt. Darin hieß es: "Eine treue Gruppe der Armee des Kalifats (...) griff die Hauptstadt der Unzucht und Laster an." Frankreich wird außerdem angedroht: "Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung."

Der Pariser Staatsanwalt François Molins sagte, die Terroristen hätten bei ihren Taten Syrien und Irak erwähnt. In beiden Ländern beherrscht der IS große Gebiete. Frankreich fliegt Angriffe gegen Stellungen der Extremisten. Das Weiße Haus teilte mit, Sicherheitsberater von Präsident Barack Obama sähen nichts, was der französischen Einschätzung widersprechen würde, dass der IS für die Terrorserie verantwortlich sei.


Die Terroristen gingen koordiniert vor

Bei den etwa eine halbe Stunde andauernden Anschlägen stimmten sich mehrere Terror-Teams ab. "Wahrscheinlich sind es drei koordinierte Teams von Terroristen, auf die diese Barbareien zurückgehen." Sieben Terroristen seien gestorben, sechs davon hätten sich in die Luft gesprengt. Der siebte wurde erschossen. Zunächst war von acht getöteten Angreifern die Rede gewesen. Sie benutzten Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow. Außerdem hätten sie die absolut gleiche Art von Sprengstoffwesten getragen, sagte Molins - "darauf ausgelegt, ein Maximum an Opfern zu erzeugen durch den eigenen Tod".

Allein in der Konzerthalle "Bataclan" richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Der Vater und der Bruder eines Attentäters aus dem Veranstaltungsort wurden am Samstagabend in Gewahrsam genommen, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Ermittlungskreise meldete. Der Bruder des 29-jährigen Attentäters lebt demnach in einem Ort südlich von Paris, der Vater gut 100 Kilometer weiter östlich.


Zwei Attentäter wollten offenbar ins Stadion

Einem Bericht der französischen Sportzeitung "L'Équipe" zufolge haben zwei Attentäter versucht, ins Stadion beim Fußball-Testspiel Frankreich gegen Deutschland zu gelangen. Beide sollen aber entgegen anderslautender Berichte keine Tickets für die Partie gehabt haben und deswegen auch nicht ins Stade de France gekommen sein, schrieb das Blatt am Sonntag. Um 21.05 Uhr am Freitagabend und damit etwa fünf Minuten nach Anpfiff soll dem Bericht zufolge einer der Attentäter im Sektor Ost, der andere im Sektor Nord vergeblich versucht haben, in den Stadionbereich zu kommen.

Das "Wall Street Journal" hatte dagegen am Samstag berichtet, dass mindestens ein Attentäter ein Ticket für das Spiel gehabt haben sollte. Er sei von einem Ordner beim Sicherheitscheck aber aufgehalten worden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf einen anderen Ordner und einen Polizisten. Beim Versuch zu entkommen, habe der Mann den Sprengstoff zur Explosion gebracht.

Die Anschläge sind die schlimmste Terrorserie in Europa seit mehr als zehn Jahren. Im März 2004 waren bei mehreren Anschlägen auf Züge in Madrid 191 Menschen getötet und annähernd 2000 verletzt worden - auch diese Anschläge gingen auf das Konto islamistischer Terroristen.

Die Anschläge von Paris ereigneten sich nur zehn Monate nach dem Attentat auf die Satirezeitung "Charlie Hebdo".


Razzia in Belgien - mehrere Festnahmen

In Belgien wurden bei einer Razzia der Polizei im Brüsseler Stadtteil Molenbeek mehrere Menschen festgenommen. Einer soll am Freitagabend in der französischen Hauptstadt gewesen sein. Details nannte die Staatsanwaltschaft nicht. Die Pariser Behörden hätten in vier konkreten Fällen um Amtshilfe gebeten. Unter anderem sei es dabei um Informationen zu einem in Belgien angemeldeten Mietwagen gegangen, der in der Nähe des Pariser "Bataclan" gefunden wurde.

Bei einem der Attentäter von Paris wurde ein syrischer Pass gefunden, berichtete die AFP unter Berufung auf Polizeikreise. Nach offiziellen Angaben aus Athen soll er Anfang Oktober als Flüchtling aus der Türkei nach Griechenland gekommen sein. Durch welche anderen Länder er weiterreiste, war nicht bekannt, wie das Athener Ministerium für Bürgerschutz mitteilte.

Wie der staatliche griechische Rundfunk (ERT) unter Berufung auf Kreise der Polizei weiter berichtete, könnte auch ein zweiter Mann, der an den Terroranschlägen beteiligt gewesen sein soll, aus der Türkei nach Griechenland in die EU eingereist sein. Eine offizielle Stellungnahme dazu lag jedoch am späten Abend nicht vor.

Staats- und Regierungschefs in aller Welt richteten sich auf einen verstärkten Kampf gegen den Terror ein. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem Nachbarland "jedwede Unterstützung" zu. US-Präsident Barack Obama verurteilte die Anschläge als "abscheulichen Versuch", die Welt zu terrorisieren. "Wir werden tun, was immer auch getan werden muss, um diese Terroristen zur Verantwortung zu ziehen." Syriens Machthaber Baschar al-Assad machte indes den Westen für die Ausbreitung des Terrors mitverantwortlich.

Die deutschen Behörden gehen nach Angaben von Bundesinnenminister Thomas de Maizière mit Hochdruck möglichen Bezügen nach Deutschland nach. Der CDU-Politiker verwies auf den Fall eines 51 Jahre alten Autofahrers, der möglicherweise auf dem Weg nach Paris vor gut einer Woche in Oberbayern mit einem großen Waffen-Arsenal aufgeflogen war. Der Fall werde gerade aufgeklärt, betonte der Minister nach einer Krisensitzung im Kanzleramt. "Es gibt einen Bezug nach Frankreich, aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag gibt." De Maizière betonte, die Lage sei ernst: "Auch Deutschland steht unverändert stark im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus."

Die großen Industrie- und Schwellenländer (G20) wollen bei ihrem Gipfel am Sonntag in der Türkei ebenfalls Front gegen den Terrorismus machen. Der türkische Staatspräsident und G20-Gastgeber Recep Tayyip Erdogan forderte einen internationalen Konsens dafür. Der Gipfel findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen im Küstenort Belek nahe Antalya statt. 12.000 Sicherheitskräfte sind im Einsatz.
 


Alle Infos auf inFranken.de

Einen Bericht unserer Korrespondentin Birgit Holzer zur Lage in Paris am Tag nach dem verheerenden Anschlag lesen Sie hier: Link

Ihren persönlichen Erfahrungsbericht aus der Schreckensnacht in Paris finden Sie hier: Link

Linkzur Bildergalerie: Die Welt trauert mit Frankreich

Link zur Bildergalerie: Terror in Paris

Eine aktuelle Übersicht der Lage und die neuesten Entwicklungen können Sie im Live-Ticker nachlesen!