Was ist los in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen? Müssen Patienten sterben, weil das Personal überfordert und die medizinische Versorgung deshalb schlecht ist? Das jedenfalls ist das Ergebnis einer bisher unveröffentlichten Studie, die gerade unter dem Sachbuchtitel "Tatort Krankenhaus" in Berlin vorgestellt wurde.
Mehr als 5000 Beschäftigte in Gesundheitsberufen hat Professor Karl H. Beine, Chefarzt am St. Marien-Hospital Hamm befragt. Die Ergebnisse, so der Mediziner, seien schockierend.

Gestresste Ärzte und Pfleger, Unzufriedenheit, Behandlungsfehler und zunehmende Resignation seien die Folge eines Systems, in dem nicht der Mensch, sondern Profit im Mittelpunkt stünden. Einige Mitarbeiter reagierten gewalttätig auf ihre Überforderung. Und Tausende Patienten bezahlten das mit ihrem Leben.


Deutschland ist Schlusslicht

Beine spricht von 21 000 Patienten pro Jahr in Deutschland, deren Tod bewusst herbeigeführt oder in Kauf genommen würde. Gemeinsam mit Jeanne Turczynsk, Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk, beschreibt er in dem Buch die dramatische Situation und was sich politisch ändern muss, um dem entgegenzuwirken.

Tatsächlich ist Deutschland im internationalen Vergleich Schlusslicht, was die Patientenversorgung angeht. Eine Fachkraft muss hier durchschnittlich 14 Patienten versorgen, in Finnland sind es sieben Patienten, in Amerika fünf.

Beim Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin heißt es auf Anfrage dieser Redaktion, dass man genau deshalb die gemeinsamen Pläne von Bund und Ländern begrüße, eine Personaluntergrenze festzulegen.


Erlebnisberichte statt Daten

"Insbesondere die hohe Arbeitsbelastung - wegen der im internationalen Vergleich sehr niedrigen Personalbemessung - machen Pflegefachpersonen krank, vertreiben sie aus dem Beruf und stellen ein hohes Risiko für die Patientinnen und Patienten dar", so Bundesgeschäftsführer Franz Wagner. Zu einem ganz anderen Schluss ist indes eine Nürnberger Studie "Medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnern" gekommen, die das Klinikum Nürnberg jetzt vorstellte. Sie bescheinigt Pflegeheimen eine gute medizinische Versorgung. Die Klischees über Pflegeheime hätten sich nicht bestätigt.

Negative Berichte über medizinische Zustände in Alten- und Pflegeheimen basierten häufig nicht auf Daten, sondern Erlebnisberichten. Für die dreijährige Studie wurden rund 80 000 Daten von stationären Patienten des Klinikums über 65 Jahren ausgewertet. Zudem wurden die Bewohner zweier städtischer Pflegeheime zu ihrer Selbsteinschätzung befragt.

Der Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Würzburg, Christian Potrawa, der seit vielen Jahren regelmäßig seine Patienten im Pflegeheim besucht, findet seine Erfahrungen weder in der einen noch der anderen Studie wieder. "Es ist nicht so dramatisch wie beschrieben, aber es ist auch beileibe nicht alles gut." Der Hausarzt sieht im knapp bemessenen Personal und im zähen Ringen um finanzielle Mittel den Knackpunkt der Misere. "Es ist ja nicht so, dass die Heime nicht bemüht wären - oder dass es keine Verbesserungen gäbe. Aber es reicht oft eben nicht."

Viele Kliniken entließen zudem aus finanziellen Gründen die alten Menschen viel zu früh und stellten damit die Angehörigen und die Verantwortlichen in Pflegeheimen vor zusätzliche Herausforderungen. Für Potrawa ist klar: Pflegepersonal und Angehörige müssen eng zusammenarbeiten. Konstruktive Kritik sei wichtig, Ärger dürfe aber nicht auf dem Rücken der Schutzbefohlenen ausgetragen werden.