München
Bildung

Studie: Schülerboom bis 2030

Was kommt da auf Deutschlands Schulen zu? Eine neue Prognose lässt erwarten, dass es mit der "demografischen Rendite" nichts wird.
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Foto: Peter Steffen/dpa
Foto: Peter Steffen/dpa
In Deutschland gehen nach einer neuen Studie der Bertelsmann-Stiftung bis 2030 viel mehr Kinder zur Schule als bislang angenommen - mit vermutlich massiven Konsequenzen für den Finanzbedarf des Bildungssystems. Den gestern vorgestellten Berechnungen zufolge steigt die Schülerzahl von knapp 8 Millionen (2015) um acht Prozent auf fast 8,6 Millionen in 13 Jahren. Im Gegensatz dazu wurde bisher ein Absinken auf gut 7,2 Millionen Schüler bis 2025 prognostiziert.

Laut Studie müssten Länder und Kommunen mit jährlich 4,7 Milliarden Euro höheren Bildungskosten rechnen. Gewerkschaften und Bildungsexperten warnen vor einer Überforderung des Schulsystems und rufen zum Gegensteuern auf. Bislang basieren die Berechnungen der Kultusministerkonferenz der Bundesländer (KMK) auf Schülerzahlen aus dem Jahr 2012. Seitdem aber ist die Geburtenrate fünfmal in Folge gestiegen, und der Flüchtlingszustrom 2015/16 hat bis zu 300 000 zusätzliche Schüler nach Deutschland gebracht.

Beim Abgleich der KMK-Prognose und der neuen Zahlen ergeben sich große Differenzen. Laut Bertelsmann-Stiftung würde es schon im Jahr 2020 mit 7,87 Millionen Schülern im Gegensatz zur alten Prognose (7,39) ein erhebliches Plus von fast 480 000 geben. 2025 steigt die Schülerzahl der Studie zufolge auf 8,26 Millionen an, die Prognoselücke würde sich dann auf rund eine Million vergrößern. 2030 könnte es 8,59 Millionen Schüler geben - da die KMK-Prognose 2025 endet, ist hier kein Abgleich mehr möglich. Der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart warnt gleichwohl vor einem Vergleich der alten und heute problematischen KMK-Zahlen mit unsicheren Prognosen. "Die Studie ist gut, aber wir müssen auch die Lücken und Grenzen sehen", sagte der Professor der Uni Münster. Die Mischung aus höheren Geburtenzahlen und Zuwanderung macht sich nach seiner Einschätzung erst ab 2022 an den Grundschulen bemerkbar.

Für den Bertelsmann-Report "Demographischer Wandel adé - Aktuelle Bevölkerungsentwicklung und Folgen für die allgemeinbildenden Schulen" haben die Autoren die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes mit der "Milupa-Geburtenliste" aktualisiert. Das Babynahrungsunternehmen verfügt über Geburtenzahlen aller deutschen Geburtsstationen der Krankenhäuser des Jahres 2016. Angesichts möglicher Folgen für das Bildungssystem macht sich die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack für eine Bund-Länder-Offensive für die Schulen in Deutschland stark. "Unser Schulsystem ist drastisch unterfinanziert", sagte sie der dpa. Die Länder allein seien "mit der Finanzierung eines zukunftsfesten Schulsystems überfordert". Das sogenannte Kooperationsverbot müsse daher "für das gesamte Bildungswesen fallen", so Hannack.

Die Gewerkschaften, aber auch SPD, Linke, Grüne und FDP fordern angesichts großer Herausforderungen für die Schulpolitik, das 2006 ins Grundgesetz geschriebene Kooperationsverbot zu kippen. Der Bund darf den Länder seitdem nur in Ausnahmefällen finanziell helfen. Die Befürworter wollen damit die Bildungsautonomie der Länder sichern.
Der bayerische Lehrerverband BLLV hat angesichts der Prognose steigender Schülerzahlen vor erheblichem Lehrermangel gewarnt. "Wir brauchen dringend mehr Personal", sagte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann in München.

Bayern setzt auf eigene Schülerprognosen

Nicht überrascht von den Ergebnissen der Bertelsmann-Studie gibt sich der Sprecher des Bayerischen Kultusministeriums, Ludwig Unger. Weil Bayern seit Jahren neben den Prognosen der Kultusministerkonferenz (KMK) mit eigenen Zahlen arbeite, die jährlich aktualisiert würden.

So war für den Freistaat schon 2014 absehbar, dass die Schülerzahlen in den Grundschulen wieder ansteigen. Entsprechend seien die Schulen mit Lehrkräften versorgt worden. Mit Blick auf den Zuzug junger Zuwanderer seit Herbst 2015 habe man ebenfalls zeitnah reagiert. Um für diese jungen Menschen den Unterricht zu sichern, habe man im Jahr 2016 rund 1700 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. In seiner eigenen Schülerprognose geht das Kultusministerium davon aus, dass die Schülerzahl von derzeit insgesamt 1,69 Millionen bis zum Jahr 2025 um rund 70 000 auf dann 1,76 Millionen steigen wird.

Eine Zahl, die auch in der jährlich zu erstellenden Lehrerbedarfsprognose zu berücksichtigen ist. Bislang hatten die Kultusminister immer mit der "demographischen Rendite" gerechnet. Heißt: Trotz sinkender Schülerzahlen keine Budgetkürzungen, statt dessen kleinere Klassen und mehr Qualität der Bildung. Angesichts der neuen Zahlen dürfte das wohl ein Traum bleiben.


Kommunen und Länder

Mehr Schüler - höhere Kosten. Die Autoren des Bertelsmann-Reports machen kein Hehl daraus, dass auf Kommunen und Länder deutlich höhere Bildungsausgaben zukommen werden. Gegenüber dem Iststand soll der Schülerboom im Jahr 2030 jährlich 4,7 Milliarden Euro höhere Bildungsausgaben verursachen. Ländern, Kreisen, kreisfreien Städten und Gemeinden wird empfohlen, ihre Prognosen zu überprüfen und anzupassen. Im Jahr 2025 fehlen gegenüber heute allein in den Grundschulen rund 24 000 Lehrer. Bis 2030 sollen rund neun Prozent mehr Schüler in den Klassenräumen der Sekundarstufe I sitzen. Auch hier benötigt man zusätzlich 27 000 Lehrer. Natürlich braucht es auch mehr Schulen. Hier sind in erster Linie die Kommunen mit Planung und Durchführung gefordert. Bis 2025 braucht es laut Studie 2400 neue Grundschulen.


Kommentar

Noch ist Zeit zum Handeln

Nein, mehr Schüler im Land als ursprünglich geplant, da handelt es sich beileibe um kein Schreckensszenario, im Gegenteil: Wir brauchen junge Menschen, der derzeitige Baby-Boom kommt eigentlich wie gerufen. Klar ist aber auch, dass angesichts der steigenden Schülerzahlen die Politik handeln muss. Die Zeiten, zu denen man dachte, bei sinkenden Schülerzahlen und gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Höhe der Bildungsbudgets die Qualität steigern zu können, sie sind definitiv vorbei. Um das derzeitige Niveau auch nur zu halten, braucht es kräftige Investitionen in Bildung.

Noch ist Zeit. Die Auswirkungen des Schülerbooms zeichnen sich erst für die Jahre nach 2020 ab. Aber jetzt schon müssen die dann benötigten Lehrer ausgebildet werden. Und die für den Schulbau zuständigen Kommunen müssen ihre Hausaufgaben ebenfalls zeitnah erledigen. Wobei die Länder und der Bund angehalten sind, klamme Kommunen bei der Realisierung notwendiger Bauvorhaben finanziell zu unterstützen.

Die Studie wurde im übrigen rechtzeitig vor der Bundestagswahl veröffentlicht. Unsere Parteien sollten sich in den nächsten Wochen die üblichen Wahlversprechen verkneifen und statt dessen die so frei werdenden Milliarden lieber in den Ausbau unseres Bildungssystems stecken. Das wäre dann mal Politik mit Weitblick.