Eine Explosion der Gewalt hat in Hamburg den politischen Auftakt des G20-Gipfels der großen Wirtschaftsmächte überschattet. Angesichts der anhaltenden linksautonomen Krawalle forderte die Polizei der Hansestadt am Freitag Verstärkung aus anderen Bundesländern an - und erhielt sie.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verurteilte die Ausschreitungen scharf: "Brutale Gewalt hat auf unseren Straßen nichts verloren. Sie hat keine Rechtfertigung und kann nicht mit Verständnis rechnen", sagte er der "Bild"-Zeitung (Samstag). Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, der gewaltsame Protest sei "nicht zu akzeptieren".

Die Krawalle beeinträchtigten den Ablauf des G20-Partnerprogramms. Die Ehefrau von US-Präsident Donald Trump, Melania Trump, saß stundenlang in ihrer Unterkunft an der Außenalster fest und verpasste den Auftakt mit Hafenrundfahrt und Klima-Vorträgen. Ein Termin im Deutschen Klimarechenzentrum, das mitten im Demo-Bereich liegt, musste kurzfristig umdisponiert und in ein Hotel verlegt werden.


Erneut Wasserwerfer im Einsatz

Demonstrationen und gewaltsame Auseinandersetzungen gab es auch am Nachmittag und Abend. Die Demonstranten versuchten über die Straßen und auf der Elbe in die Nähe der Elbphilharmonie zu gelangen, wo die Spitzen der G20-Länder am Abend ein Klassikkonzert hören wollten. Die immer wieder von Linksautonomen angegriffene Polizei verhinderte dies mit dem erneuten Einsatz von Wasserwerfern. Reporter vor Ort beschrieben die Situation mit Worten wie "Straßenschlacht" und "Jagdszenen". Die Gäste trafen am Abend unversehrt zum Konzert ein.

Seit 06.00 Uhr und bis Samstagnachmittag 17.00 Uhr gilt in Teilen der Innenstadt ein Versammlungsverbot. Dann etwa endet das G20-Treffen. Hamburgs Polizeipräsident Ralf Meyer schätzte, dass rund 21 000 Polizisten das G20-Treffen in den Hamburger Messehallen schützen. Er sprach von blinder Gewalt - einige Beamte seien mit Zwillen erheblich verletzt worden.

Der Polizei gelang es nur mit großen Kraftanstrengungen, die gewalttätigen Proteste aus der Sicherheitszone rund um das Gipfelgelände fernzuhalten. Nach ersten Ausschreitungen bei der Kundgebung "Welcome to Hell" vom Donnerstagabend war es auch in der Nacht und am Morgen an vielen Stellen der Stadt zu Krawallen und Brandstiftungen gekommen. Randalierer zündeten viele Autos an.


Zahlreiche Festnahmen und Verletzte

Trotz der Ausschreitungen sei die Sicherheit der Gipfelteilnehmer gewährleistet, betonte die Polizei. Kanzlerin Merkel begrüßte die Staats- und Regierungschefs sowie die EU-Spitze am Vormittag in der Hamburger Messe.
Bei den Ausschreitungen rund um den G20-Gipfel wurden nach Angaben der Polizei vom Mittag 160 Beamte verletzt. 70 Menschen seien festgenommen und 15 in Gewahrsam genommen worden, sagte ein Sprecher.

Auch Demonstranten wurden verletzt, elf von ihnen schwer. Wie die Feuerwehr mitteilte, stürzten sie am frühen Freitagmorgen auf der Flucht vor der Polizei bei dem Versuch, mit einer größeren Gruppe über eine Mauer mit Absperrgitter zu klettern, aus etwa vier Metern Höhe ab. Das Absperrgitter brach unter der Last zusammen. Wegen der Proteste rückte die Hamburger Feuerwehr seit Donnerstagabend zu 156 Einsätzen aus. 61 kleinere und größere Feuer wurden gelöscht.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) sagte: "Hochaggressive, gewalttätige Straftäter bringen Sicherheitskräfte in Bedrängnis und fordern unsere offene Gesellschaft in einer Weise heraus, die für niemanden akzeptabel sein kann." Vor dem Gipfel hatte Scholz noch eine Sicherheitsgarantie für Gäste und Bevölkerung abgegeben. Innensenator Andy Grote (SPD) betonte: "Die Polizei wird mit dieser Lage hier zurechtkommen." Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Wir sind von bürgerkriegsähnlichen Zuständen weit entfernt."


"Polizei hat Tote in Kauf genommen"

Vertreter der am Vorabend eskalierten "Welcome to Hell"-Demonstration verlangten wegen der gewaltsamen Auflösung den Rücktritt von Scholz und Grote. "Natürlich müssten aus diesen Vorkommnissen personelle Konsequenzen gezogen werden", sagte Christoph Kleine von der G20-Plattform. Er nannte auch den G20-Polizeieinsatzleiter Hartmut Dudde. "Die Polizei hat Tote in Kauf genommen." Polizeipräsident Meyer verteidigte dagegen den Einsatz. Er sei sich "absolut sicher", dass dieser verhältnismäßig gewesen sei.

Der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl kritisierte am Freitag die Entscheidung, das Spitzentreffen in die Hansestadt zu vergeben. "Man hätte den G20-Gipfel nie in einer Millionenstadt wie Hamburg veranstalten dürfen. Die Sicherheitslage ist dort viel zu schwer zu kontrollieren", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Bundespräsident Steinmeier betonte in der "Bild"-Zeitung: "Meinen Respekt haben diejenigen, die - wie von unserer Verfassung garantiert - auch ihren Protest zum Ausdruck bringen, und die Polizisten, die es mit ihrem Einsatz ermöglichen, dass Deutschland ein guter Gastgeber für wichtige und notwendige Gespräche sein kann."
Der im Gästehaus des Hamburger Senats festsitzenden Melania Trump habe die Polizei keine Sicherheitsfreigabe erteilt, sagte ihre Sprecherin der dpa. Der "First Lady" der USA blieb nur das Twittern: "Meine Gedanken sind bei denen, die bei den Protesten in Hamburg verletzt wurden. Ich hoffe, dass alle sicher bleiben." Für Melania Trump gelten schärfere Sicherheitsregeln als für andere Lebens- und Ehepartner von Politikern.