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Fußball

1. FC Nürnberg: Ungültige Karten über "Viagogo" verkauft - das sagt der Club dazu

Für Heimspiele des 1. FC Nürnberg wurden von Fans in jüngster Vergangenheit ungültige Eintrittskarten zu intransparenten Preisen erworben. Die Ticket-Plattform "Viagogo" hat dadurch die Verbraucherzentrale auf den Plan gerufen. Die Beschwerden häufen sich.
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Wie hier auf der Viagogo-Webseite zu sehen ist, werden Tickets für das Spiel des 1. FC Nürnberg gegen den FC Bayern München zu hohen Preisen verkauft. Screenshot: viagogo.de
Wie hier auf der Viagogo-Webseite zu sehen ist, werden Tickets für das Spiel des 1. FC Nürnberg gegen den FC Bayern München zu hohen Preisen verkauft. Screenshot: viagogo.de

Martin Steinberger (Name von der Redaktion geändert) ist verärgert - weil er sich getäuscht und hintergangen fühlt. Steinbergers Unmut richtet sich gegen die digitale Ticket-Plattform "Viagogo", über die er kurzfristig zwei Eintrittskarten für die Heimpartie des 1. FC Nürnberg gegen den FC Schalke 04erworben hat. Es sollte ein Geburtstagsgeschenk für seinen Schwager sein, einen eingefleischten Schalke-Anhänger. Doch der Spielabend verläuft zunächst anders, als sich die beiden das vorgestellt haben: Ihnen wird vor dem Spiel der Zutritt verwehrt - weil der Scanner am Einlass die gedruckten Tickets als "ungültig" definiert.

"Uns wurde dann gesagt, dass wir zum Service-Point müssen", erinnert sich Steinberger. Dort tummelten sich bereits zahlreiche andere "Viagogo"-Geschädigte, die ebenfalls keinen Einlass gewährt bekamen. Mit der Option, Original-Eintrittskarten ohne Aufpreis in der gleichen Kategorie zu erwerben, ging es für den Franken und seinen Schwager mit reichlich Verspätung ins Max-Morlock-Stadion. Die "Viagogo"-Tickets verblieben hingegen bei den zuständigen Mitarbeitern des 1. FC Nürnberg - mit der Begründung, dass diese Tickets von einem Schwarzmarkt-Händler und somit ungültig seien.

Fan stufte "Viagogo" als seriös ein: Rückerstattung und Gutschein von "Viagogo" in Aussicht gestellt

Aus dem so freudig erwarteten Fußballabend wurde somit ein Ärgernis, das den Fan lange beschäftigt - zumal er davon ausgegangen war, dass es sich bei "Viagogo" um einen "seriösen Anbieter" handle. Er habe, sagt Steinberger, von "Viagogo" vorher noch nichts gehört gehabt. Da das Unternehmen aber als erste Ticketbörse in der Suchmaschine auftauchte, habe er sich nichts dabei gedacht.

Nach dieser unschönen Erfahrung und mit der festen Erwartung, seine Auslagen für den Erwerb zweier ungültiger Tickets erstattet zu bekommen, nimmt Steinberger Kontakt zu "Viagogo" auf - was nur über ein entsprechendes Formular auf der Website möglich ist.

In der Antwort, die er in teils radebrechendem Deutsch erhält ("Wir tut uns sehr leid zu hören, dass Ihnen am Veranstaltungsort der Eintritt verweigert wurde"), erfährt der Geschädigte, dass "Viagogo" eine "Rückerstattung beantragt hat" und "zusätzlich zur Erstattung als Entschädigung einen Gutschein in Höhe von 60 EUR verlangt hat".

1. FCN-Fan erhält sein Geld plus einen Gutschein - andere Opfer erhielten nichts

Steinberger ist zuversichtlich, doch die Erfahrungen anderer "Viagogo"-Geschädigter dämpfen seinen Optimismus. Doch er wird eines Besseren belehrt: Er erhält zunächst per Mail den versprochenen Gutschein in der avisierten Höhe; dann teilt ihm seine Bank mit, dass seine Auslagen zurücküberwiesen wurden.

Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt die Aussage von Susanne Baumer, Teamleiterin des Marktwächters "Digitale Welt" bei der Verbraucherzentrale Bayern, die in der "Frankfurter Rundschau" wie folgt zitiert wird: "Ich kenne niemanden, der sein Geld zurückbekommen hat." Baumer hat in ihrer Funktion täglich mit "Viagogo" zu tun.

Denn die nach eigenen Angaben größte Ticketbörse der Welt für Privatpersonen steht in der Kritik. Was auf den ersten Klick und Blick wie eine offizielle Verkaufsstelle aussieht, entpuppt sich als Umschlag- und Handelsplatz, auf dem Verkäufer Tickets aller Couleur anbieten. Die Bandbreite reicht dabei vom Sport über andere Events bis hin zu Konzerten oder sonstigen Veranstaltungen. Wer jedoch die Anbieter sind, ist nicht bekannt.

Versteckte Zusatz-Gebühren: "Viagogo schlägt ordentlich beim Preis drauf

Hinzu kommt, dass die Plattform bei der Abwicklung kräftig mitverdient - was dem Käufer aufgrund einer künstlich erzeugten Drucksituation bis zum Schluss nur rudimentär gewahr wird. Laut Verbraucherzentrale gehört es zur Strategie, dass diverse Grafiken dem potenziellen Käufer eine Knappheit an Tickets vorgaukeln.

So kosten Steinbergers Tickets statt der avisierten 79,20 Euro tatsächlich 112,95 Euro. Neben der Buchungsgebühr (23,36 Euro) kommen noch 5,95 Euro Bearbeitungsgebühr und 4,44 Euro Mehrwertsteuer hinzu. "Ich war schon etwas überrascht", gibt der Franke zu, "dass so viele Gebühren anfallen."

Beschwerden über "Viagogo" häufen sich bei Verbraucherzentrale

Auch andere Käufer murren ob der nicht klar erkennbaren Zusammensetzung des Gesamt-Preises und sprechen in verschiedenen Printmedien von "Abzocke" - weil sie durch die Abwicklung über "Viagogo" letztlich deutlich tiefer ins Portemonnaie greifen mussten. Bei der Verbraucherzentrale häufen sich dementsprechend die Beschwerden über die intransparenten Geschäftspraktiken.

Auf ihrer Internetseite schreibt die Verbraucherzentrale, "dass während des gesamten Kaufvorgangs nicht deutlich wird, dass "Viagogo" nicht Verkäufer der Tickets ist, sondern zwischen privaten Verkäufern und Käufern vermittelt". Und weiter: "Das Risiko, dass das Ticket nicht geliefert wird oder die Preise höher sind als bei direkter Bestellung, tragen somit Sie als Käufer."

Online-Plattform abgemahnt: "Viagogo" soll Preise in Zukunft transparenter machen

Zudem weise das Unternehmen nicht ausreichend darauf hin, dass noch weitere Kosten hinzukommen. Das verstoße nach Ansicht der Verbraucherschützer gegen den Grund der Preisklarheit. Aus diesem Grund wurde "Viagogo" von den Verbraucherschützern per Mahnschreiben aufgefordert, die "Dienstleistung als Ticketbörse auf seiner Seite deutlich und die Preise transparent zu machen".

Ungültige Tickets, Garantien, die irreführend und nicht bindend sind, und zum Teil abstruse Zusatzkosten: "Viagogo" lässt das offensichtlich alles an sich abperlen. Dabei ist es unerheblich, wer gegen das Unternehmen vorgeht: ob die Verbraucherzentrale oder der Fußball-Weltverband FIFA - "Viagogo" ficht das offenbar alles nicht an. Selbst Parlamentarier im Londoner Unterhaus, die "Viagogo"-Vertreter geladen hatten, bekamen keine Antwort - weil niemand von "Viagogo" der Ladung gefolgt war.

Info über "Viagogo":

"Viagogo" wurde 2006 von Eric Baker, der an Elite-Universitäten studierte, gegründet.

Interview mit FCN-Vorstand Niels Rossow: "Wir sperren die Kundenkonten von Ticket-Schwarzhändlern"

Der Zweitmarkt für Fußballtickets ist nicht immer ein Segen - weil sich dort mitunter schwarze Schafe tummeln, die das große Geschäft wittern. Wie der 1. FC Nürnberg dagegen vorgeht, was er potenziellen Käufern rät und warum er kurzfristig eine Kooperation mit "Viagogo" eingegangen ist, erklärt Niels Rossow, kaufmännischer Vorstand beim 1. FC Nürnberg im Interview..

Was war der Grund, mit "Viagogo" zu kooperieren?

Niels Rossow: Zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses zur Saison 2012/13 gab es keine Möglichkeit, rechtlich gegen Zweitmarkt-Plattformen vorzugehen. Der Ansatz des 1. FC Nürnberg war damals, mit "Viagogo" zu kooperieren, um somit eine autorisierte Möglichkeit für den Zweitmarkt seiner Fans anbieten zu können und gleichzeitig die Preise dort durch diese Kooperation zu kontrollieren.

Hat sich der Verein blenden lassen?

Rossow: Nein. Zu diesem Zeitpunkt waren die Vertragsgespräche mit "Viagogo" konstruktiv, zielführend und verbindlich. Es wurden alle besprochenen Inhalte eingehalten. Auch weitere Vereine haben sich nach uns noch mit "Viagogo" kooperativ zusammengeschlossen.

Wie lange sollte die Kooperation dauern?

Rossow: Die Kooperation endete nach der Saison 2013/14.

Aus welchem Grund wurde die Zusammenarbeit beendet?

Beide Parteien haben nach der Entwicklung ab 2014 keinen Grund für eine Verlängerung gesehen. Der 1. FC Nürnberg ist im Anschluss auf 'Fansale' als Zweitmarkt-Plattform für seine Tickets umgestiegen.

Gab es von den Fans Beschwerden über die "Viagogo"-Praxis?

Rossow: Zur damaligen Umsetzung sind keine Beschwerden bekannt geworden.

Wie wird das Ticketing beim 1. FC Nürnberg aktuell gehandhabt und wie geht der Verein vor, wenn Fans mit Tickets, die sie über "Viagogo" geordert haben, ins Stadion wollen?

Rossow: Zur Bekämpfung des nicht autorisierten Ticket-Marktes kooperiert der Club mit einer Kanzlei. Dabei gehen wir insbesondere gegen Verkäufe auf nicht autorisierten Plattformen wie "Viagogo", Ebay oder Ebay-Kleinanzeigen vor. Tickets sowie Kundenkonten von Ticket-Schwarzhändlern werden gesperrt, juristische Schritte geprüft. Das bedeutet auch, dass die Tickets nicht mehr zum Zutritt zum Stadion berechtigen. Fans mit potenziellen Schwarzmarkt-Tickets sollten sich frühzeitig an das FCN-Service-Center wenden. Bei einer aktiven Mitarbeit zur Identifizierung der Schwarzhändler gibt es eine Bestätigung, dass das Ticket nicht zum Zutritt ins Stadion berechtigt. Mit dieser Bestätigung kann der Fan in der Regel beispielsweise bei PayPal oder seinem Kreditkartenunternehmen beziehungsweise der jeweiligen Ticket-Plattform, darunter "Viagogo", die Rückzahlung des Kaufpreises beantragen. Zudem bieten wir - je nach Verfügbarkeit - ein neues, gültiges Ticket zum Tageskartenpreis an.

Was raten Sie potenziellen Ticketkäufern, die den Club sehen wollen?

Rossow: Wir raten dringend, Tickets nur über offizielle Verkaufsstellen zu beziehen oder den autorisierten Ticket-Zweitmarkt zum An- und Verkauf von Tages- und Dauerkarten zu nutzen.

Die Fragen stellte unser Mitarbeiter Dirk Kaiser.

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