Frankfurt/Main

Winzer & Lollilutscher: Keller ein Lehrbuch-Kandidat

Joachim Löw und Uli Hoeneß gleichermaßen zu überzeugen, gelingt derzeit nur wenigen. Fritz Keller hat das schon geschafft.
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Winzer Keller
Fritz Keller soll am Freitag zum DFB-Präsidenten gewählt werden. Foto: Patrick Seeger

Wenn der Präsident des SC Freiburg am Freitag in Frankfurt zum neuen DFB-Boss gekürt wird, ist ihm nicht nur die Zuneigung des Bundestrainers und des Bayern-Chefs, sondern die aus dem ganzen Fußball-Land gewiss. Die Sehnsucht nach einer starken und doch moderaten Persönlichkeit ist beim Deutschen Fußball-Bund nach dem Scheitern von Reinhard Grindel als viertem Präsidenten seit der Jahrtausendwende riesig. Der 62 Jahre alte Keller scheint die Kriterien perfekt zu erfüllen.

Keller wird sich aber umstellen müssen. Die jüngsten Bilder des mit dem Fahrrad zum Fußball fahrenden Club-Chefs, der lässig seinen roten Lolli auf der engen Freiburger VIP-Tribüne lutscht, übermittelten Eindrücke aus der heimeligen Provinz. Beim DFB wird Keller als Krisenmanager und Reformer gefragt sein. Geschick als Unternehmensführer hat der preisgekrönte Spitzenwinzer und Top-Gastronom in seinem Metier viele Jahre bewiesen.

An der Liebe zum Fußball wird es Keller bei der für ihn selbst unerwarteten Karrierewendung kurz vor dem Rentenalter nicht mangeln. «Weil Fußball eine Herzenssache ist, wenn man auf den Platz geht, eine Schorle trinkt und eine Wurst isst, mit den Menschen spricht», beschrieb er sein Selbstverständnis. Von seinem Vater Franz Keller erbte er nicht nur das mehrfach prämierte Familien-Weingut im Kaiserstuhl, sondern auch diese Begeisterung für den Sport.

Keller senior war glühender Fan der 54er-Weltmeister, hatte Kontakt zu Sepp Herberger und Fritz Walter, der schließlich Patenonkel von Friedrich Walter (kurz Fritz) Keller wurde. «Was in meiner eigenen Fußballkarriere eher zum Hindernis wurde, weil die Erwartungshaltung natürlich viel zu hoch war», erzählte Keller vor mehreren Jahren im Interview «fudder.de», dem Portal der «Badischen Zeitung». Selbst Fußball im Verein zu spielen, war für den jungen Fritz nicht drin. Im Gastronomiebetrieb der Eltern stand er auch an Wochenenden am Buffet.

Der langjährige Freiburg-Präsident Achim Stocker holte Keller in den 90er Jahren als Marketingfachmann zum SC. Nach Stockers Tod wurde Keller 2010 dessen Nachfolger und lebte die Freiburger Erfolgstradition in der beschaulichen südwestdeutschen Fußball-Nische fort. Christian Streich wurde unter seiner Führung Chefcoach. 2014 gab Keller die operativen Aufgaben mehr oder weniger freiwillig ab, wirkte nur noch repräsentativ. Das soll ihn oft gewurmt haben.

Eine «kurze Lunte» habe Keller, hört man aus Freiburg, wenn ihm etwas gegen den Strich geht. Zu emotionales Handeln wurde ihm in Breisgau verziehen. In der als Schlangengrube verschrieenen DFB-Welt wird er Vertraute brauchen, die ihm auch mal zur Beruhigung auf die Schulter fassen. «Ich werde mich bemühen, etwas staatsmännischer aufzutreten», versprach Keller.

Zwei Themen liegen ihm am Herzen. Starke Vereinsstrukturen sind für Keller wichtig. «Für mich sind die Vereine die Grundlage. Sie waren die ersten Orte der Demokratie. Sie geben den Menschen mehr mit, als wenn man ins Fitnessstudio kommt», sagte er. Und den Frauen-Fußball will er, wie in Freiburg demonstriert, fördern. Ein konservatives Weltbild klingt da durch: «Die Mädchen und Frauen, die heute kicken, das sind die Mütter der Kinder, die wir morgen auch wieder auf unseren Fußballplätzen haben möchten.»

Nach «schlaflosen Nächten» hatte er der Findungskommission für den DFB-Chefposten zugesagt. Das erfreute praktisch die ganze deutsche Fußball-Prominenz. Auch der Branchenprimus aus München gab sein Einverständnis. «Dass die Wahl auf Fritz Keller gefallen ist, halte ich für eine sehr gute Entscheidung», sagte Bayern-Präsident Hoeneß.

In Frankfurt wird Keller zwar der erste Verbandsboss ohne Richtlinienkompetenz, so sieht es die Strukturreform des DFB vor, aber sein Gestaltungsspielraum in einem Verband in enormer Schieflage ist immer noch groß. Dennoch macht Keller klar: «Es wird mit mir keine One-Man-Show geben.»

Die Wein-Geschäfte führt sein Sohn Friedrich schon in der nächsten Generation fort. Gemeinsam wurden sie im Vorjahr vom Gault&Millau Weinguide als «Winzer des Jahres» geehrt. Zum Geschäft der Familie gehört auch das mit einem Stern ausgezeichnete Restaurant «Schwarzer Adler». Im Schild vor dem Eingang hängt das Wappentier, nicht unähnlich dem Bundesadler auf den DFB-Trikots mit seinen vier Weltmeister-Sternen.

Bundestrainer Löw muss nicht so viel Einmischung in die Belange der Nationalmannschaft befürchten, wie unter manchem Vorgänger. «Ein Präsident ist nicht dafür da, dass er die Aufstellung macht», sagte Keller. Das Verhältnis der beiden Freiburger ist ohnehin entspannt. «Der DFB war schon die letzten Monate in einem unruhigen Fahrwasser, und wer den Fritz Keller kennt, der weiß, dass er für gewisse Werte steht: Offenheit, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit. Er ist wahnsinnig erfolgreich und was ich finde, dass er einfach eine große Menschlichkeit hat, und das ist seine große Stärke», sagte Löw.