Blöd gelaufen. Beim Start ins EM-Jahr hatte sich Turbo-Stürmer Timo Werner sehr viel mehr als eine kleine Nebenrolle in der Fußball-Nationalmannschaft ausgemalt.

13 Minuten gegen Island, 14 Minuten in Rumänien - mehr Einsatzzeit gewährte Joachim Löw seinem erfahrensten Angreifer im aktuellen DFB-Kader nicht.

Und auch vor dem dritten WM-Qualifikationsspiel am Mittwoch (20.45 Uhr/RTL) in Duisburg gegen Nordmazedonien mochte der Bundestrainer sich nicht festlegen, ob er Werner diesmal von Anfang an in seiner Besetzungsliste vorgesehen hat. «Da habe ich noch keine Entscheidung getroffen», beschied Löw am Dienstag vor dem Abschlusstraining.

Der 25-jährige Werner musste zweimal zusehen, wie das Bayern-Duo Serge Gnabry und Leroy Sané zusammen mit seinem Chelsea-Kollegen Kai Havertz die Offensivreihe besetzte - und das auch noch erfolgreich.

Werner ist erstmal Joker, auch wenn Löw bemüht war, der Personalie ein wenig Brisanz zu nehmen. «Timo wird seine Chance logischerweise wieder bekommen», versicherte der Bundestrainer. Nach dem 3:0 gegen Island wollte der 61-Jährige sein Siegerteam gegen Rumänien nicht verändern. «Timo war aber auch in meinen Überlegungen», sagte Löw nach dem 1:0. Zwei Tage später kündigte er an, auch gegen Nordmazedonien «größtenteils wieder so zu beginnen».

Zweieinhalb Monate vor dem EM-Ernstfall ist Werner also erstmal Joker und nicht mehr Stammkraft wie im bisherigen Verlauf der Saison, in der er mit vier Toren der erfolgreichste Schütze vor Gnabry (3) ist. Mit jeweils insgesamt 15 Länderspiel-Treffern sind beide auch die Topschützen im aktuellen DFB-Kader.

Für Löw besteht eine Mannschaft grundsätzlich aus mehr als den elf Spielern, die beim Anpfiff beginnen. Und auch seine grundsätzliche Wertschätzung für den schnellen Werner hat sich nicht geändert. «Timo ist ein brandgefährlicher Spieler, der eine unglaubliche Schnelligkeit hat. Er hat bei uns auch sehr viele Tore geschossen. Auch wenn er zweimal nicht von Anfang an gespielt hat, weiß ich, was der Timo kann. Mit Timo bin ich sehr zufrieden.»

Nach seinem Wechsel für 53 Millionen Euro von RB Leipzig zum FC Chelsea durchlebt Werner gerade eine neue Phase in seiner Karriere. Er muss sich in einer neuen Liga behaupten und in einem neuen Land einleben. Fünf Tore nach 28 Premier-League-Partien sind keine gute Quote für einen, der im Leipziger Trikot ein Torgarant war. «Es ist sein erstes Jahr in der Premier League», gab Löw zu bedenken. Er findet: «Der Timo hat das kleine Tief bei Chelsea überwunden.»

Schwächephasen sind für Werner auch nichts Neues. Er erlebte sie in Leipzig und auch schon im DFB-Trikot. Werner benötigt Vertrauen des Trainer und muss sich wohlfühlen, um Topleistungen abrufen zu können. Er ist inzwischen aber auch lange genug im Fußball-Business, um dessen Schnelllebigkeit zu kennen. Als er im vergangenen November erstmals nach seinem Wechsel nach England wieder in der Leipziger Arena auflief, traf er prompt in seinem «Wohnzimmer» beim 3:1 gegen die Ukraine in der Nations League zweimal.

«Fantastisch», schwärmte Werner hinterher. Damals war er noch Löws dritter Mann im deutschen Turbosturm mit Gnabry und Sané. «Wir drei haben alle sehr viel Tempo, sind sehr zielstrebig. Ich möchte nicht in der Haut unserer Gegner stecken», tönte Werner. Gute vier Monate später muss er sich seine Hauptrolle aufs Neue erkämpfen.

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