Verändert die Coronavirus-Krise Massenevents wie Olympia oder Fußball-Weltmeisterschaften? Wie wirkt sich diese Ausnahmesituation auf Sport-Fans aus?

«Wir werden vermutlich nach der Corona-Krise nicht mehr den gleichen Enthusiasmus, die gleiche Bereitschaft, uns diesen Events hinzugeben, sich bedingungslos für Sport zu interessieren, haben», sagte der emeritierte Professor für Philosophie und Sportsoziologie Gunter Gebauer der Deutschen Presse-Agentur im Interview. Er sprach außerdem über den FC Liverpool, Ideen von Uli Hoeneß und Zirkus-Elemente.

Frage: Der FC Liverpool wollte wegen der Coronavirus-Krise Kurzarbeitergeld für seine Mitarbeiter abseits des Rasens anmelden. So sollten den Angestellten keine finanziellen Nachteile entstehen. Der Verein von Jürgen Klopp rückte nach einem öffentlichen Aufschrei von diesen Plänen für seine Angestellten wieder ab. Wie passt so etwas in die Coronavirus-Krise?

Antwort: Es ist abstoßend, ganz eindeutig, wenn sich ein superreicher Verein schäbig gegenüber dem eigenen Personal verhält, das nicht zum Spielerpersonal zählt. Das zeigt das gierige Gesicht eines Kapitalismus, der im Sport und gerade auch im Fußball sehr ausgeprägt ist und sehr unverhältnismäßig erscheint. Das ist ein Zug des englischen Kapitalismus, wie man ihn aus der Geschichte kennt.

Frage: Für englische Verhältnisse also ein fast schon folgerichtiger Schritt?

Antwort: Man sollte denken, dass im Sport Großzügigkeit herrscht. Wir haben in Deutschland Spieler, die auf Teile des Gehalts verzichten oder spenden, damit Mitarbeiter nicht finanzielle Einbußen erleiden. Diese werden normalerweise nicht gut bezahlt. Da ist ein unglaubliches Gehaltsgefälle in solchen Vereinen. Und mit dem FC Liverpool ist da ein Verein, der von schwerreichen Menschen finanziert wird und es sich ohne Weiteres leisten kann, seine einfachen Arbeitskräfte zu bezahlen.

Frage: Der ehemalige Bayern-Patron Uli Hoeneß rechnet in einer Zeit nach der Corona-Krise vorerst nicht mit 100-Millionen-Euro-Transfers. Er sagte sogar: «Es wird sehr wahrscheinlich eine neue Fußballwelt geben.» Wird es die aus Ihrer Sicht wirklich geben?

Antwort: Ich fand das einigermaßen klug. Es zeigt, dass jemand versucht, den Wert des Profisports, in diesem Fall Fußball, in der Zeit nach einer ganz schweren Krise neu zu bestimmen. Das heißt, da ist ein Bruch. Wie tief der Bruch sein wird, das können wir im Augenblick überhaupt nicht ausloten. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken, auch etwas spekulativ. Diese Erkenntnis wird auch in der Firmenpolitik des FC Bayern deutlich. Der Verein hat Hansi Flick einen Cheftrainervertrag mit langer Laufzeit gegeben. Ich habe das so interpretiert: Man nimmt erst mal das Gut, das man hat, ist davon überzeugt, dass das jetzt sehr solide ist und dass es ausgezeichnete Arbeit ist. Man möchte also mit dem Bewährten, Guten, Soliden und Beliebten weiterarbeiten. Man verzichtet darauf, sich einen Trainer zu holen, der ganz viel Geld kostet, sehr viel Wirbel macht und Kunststücke fürs Publikum vollführt. Man fährt das ganze Unternehmen, das einmal FC Hollywood hieß, ein Stück runter, auf eine solide Basis und spekuliert nicht auf irgendwelche Zirkus-Elemente.

Frage: Ein Aspekt bei Hoeneß war die Ablösesumme. Kann die Krise mit Blick auf irrsinnige Ablösesummen und Millionen-Gehälter im Profifußball eine abschwächende Wirkung haben?

Antwort: Ja, ich denke, dass das erstmal dämpfend wirkt. Es gibt mehrere Gründe dafür. Das Virusgeschehen kann noch lange dauern und es kann auch sein, dass dann sehr viele Leute, die im Fußball tätig sind, Angehörige verloren haben. Das sind sehr elementare Erfahrungen, die man macht; Erfahrungen der Verunsicherung, des sich Ängstigens, vielleicht entwickelt man auch ein anderes Verhältnis zum eigenen Körper. Ich stelle das bei einigen Leuten fest, an mir selber natürlich auch, dass die Gesundheit, worauf man vorher vielleicht nicht primär geachtet hat, inzwischen das höchste Gut geworden ist. Das hat zur Folge, dass man auch eine etwas andere Sporteinstellung gewinnt. Diese Unbefangenheit und auch die Bereitschaft, Raubbau zu treiben am eigenen Körper, könnte durch diese Krise etwas gedämpft werden. Das wäre eine Vermutung, jedenfalls zunächst einmal im Breitensport. Einiges davon könnte auch im Spitzenfußball hängenbleiben. Dann sind diese irrsinnigen Ablösesummen eigentlich nichts mehr, was das Publikum besonders entzückt.

Frage: Wie könnten sich konkret Massenereignisse wie Olympische Spiele oder Fußball-Weltmeisterschaften durch die aktuelle Krise verändern?

Antwort: Die Unbefangenheit oder Sorglosigkeit, mit der man aufseiten des Publikums Massenevents bis jetzt begrüßt und verfolgt hat, wird auf jeden Fall sehr gedämpft sein. Wir werden vermutlich nach der Corona-Krise nicht mehr den gleichen Enthusiasmus, die gleiche Bereitschaft, uns diesen Events hinzugeben, sich bedingungslos für Sport zu interessieren, haben. Viele haben Sorge um das eigene geschäftliche Überleben. Jede Familie wird vermutlich davon betroffen sein, dass irgendjemand seinen Job oder Geld verliert. Das ist etwas, was die Hochphase, in der wir in den letzten 30 Jahren gelebt haben, auf jeden Fall nicht nur dämpfen, sondern auch weitgehend beenden wird. Ich glaube, dass diese Spontaneität als Folge einer Krise deutlich heruntergesetzt wird.

Frage: Könnte sich der Sport also wieder etwas in Richtung seiner Wurzeln entwickeln?

Antwort: Stellen Sie sich vor, diese Krise dauert bis zum Herbst. Diese in das Leben hineingefressene Sorge, die man hat, muss abgebaut werden, die können wir nicht von heute auf morgen abschütteln. Ich rechne nicht damit, wenn jetzt nach und nach alles wieder in Gang kommt, dass die Leute die Haustüren öffnen und in Massen in die Kneipen oder in die Stadien strömen. Natürlich werden sie dort hingehen, aber nicht mit derselben ungebremsten Freude und Sorglosigkeit und auch nicht in der großen Zahl und mit dem Enthusiasmus, mit dem man vorher Sport verfolgt hat.

Frage: Wird der Sport aufgrund der Krise eine größere gesellschaftliche Bedeutung erlangen als Ventil für solche Sorgen?

Antwort: Ich glaube nicht, dass der Sport ein Ventil ist, durch das sich Sorge entladen kann. Sorge ist etwas, was zwar einen inneren Druck hervorruft, aber sie ist nicht wie Aggression, die herausplatzen muss. Sondern sie hat sich tief in unsere Gewohnheiten, unser Denken und unsere Beziehung zu anderen und auch zu uns selbst eingenistet. Wir erleben eine Veränderung des Lebens in der Tiefe. Das können wir jetzt im Augenblick noch gar nicht ganz ermessen. Das merkt man nur daran, dass man sich ganz anders verhält, als man sich noch vor zwei Monaten verhalten hat. Setzt man sich auf eine Parkbank, auf der schon andere Menschen sitzen? Natürlich nicht, das ist uns vorher nicht so eingefallen. Das sind alles Dinge, die unser Leben nicht nur einengen. Das ist etwas, was sich in unsere Gewohnheiten, in unsere Bewegung geradezu körperlich eingeprägt hat. Das ist etwas, was uns hemmt und was zumindest vorübergehend zu einer zweiten Natur von uns geworden ist. Und die werden wir so schnell nicht los.

Frage: Es gibt Pläne, die Bundesliga, die ja auch ein wichtiger Wirtschaftszweig ist, wieder hochzufahren. Wie bewerten Sie das?

Antwort: Ich kann das verstehen, ökonomisch jedenfalls. Das ist ein Wirtschaftszweig, der in Abhängigkeit von seinem Geldgeber, in diesem Fall den Fernsehanstalten, steht. Diese überweisen Geld auch schon aus Eigeninteresse nur, wenn Spiele stattfinden. Wenn die Vereine dieses Geld nicht bekommen, bedeutet das, dass die Kassen solcher Vereine, die deutlich weniger wohlhabend sind als zum Beispiel der FC Bayern, und auch kein finanzielles Polster haben, leer sein werden. Von diesen Vereinen haben wir eine ganze Menge in der Bundesliga.

Frage: Wie kann sich das auf den Transfermarkt auswirken?

Antwort: Ein Fußballverein bewegt sich notgedrungen auf dem Transfermarkt. Wenn dieser Verein nicht so wohlhabend ist, hat er Probleme, seine guten Spieler zu halten. Ein Verein, der fast pleite ist, wird seine Starspieler wohl kaum halten können. Das kann dazu führen, dass die Vereine, die sehr viel Geld haben oder zumindest einigermaßen gefüllte Kassen haben, die guten Spieler aus den finanziell klammen Mannschaften herauskaufen. Und dann haben wir eine noch tiefer gespaltene Bundesliga.

Frage: Werden die Olympischen Spiele künftig bescheidener?

Antwort: Bei den Olympischen Spielen gibt es Nationen, die die Spiele nutzen, um Prestige zu gewinnen, um ihre eigene Bevölkerung einzulullen oder sie für sich zu gewinnen. Wir haben 2021 Sommerspiele in Japan, anschließend die Winterspiele in Peking. Ich denke, wir sehen jetzt schon, dass China alles macht, um sich zu inszenieren als vielleicht sogar kommende Weltmacht Nummer eins. Sie haben die Coronakrise, behauptet die chinesische Führung jedenfalls, überstanden. Sie fangen an, anderen zu helfen und sich als Mäzen der Welt aufzuspielen. Manches davon mag sehr nützlich sein, ich will das alles nicht bestreiten. Es gibt aber Projekte wie die neue Seidenstraße, die von China gestartet werden und die ganz klar darauf zielen, den Einfluss Chinas in der Welt deutlich zu vergrößern.

Frage: Wie haben Sie die Rolle von IOC-Boss Thomas Bach als Krisenmanager wahrgenommen?

Antwort: Das war fast ein totaler Fehlschlag. Er hat sehr lange gezögert, und zwar länger gezögert, als die Wünsche und die Ausdauerfähigkeit seiner eigenen Sportler angehalten haben. Normalerweise sind die Sportler die letzten, die die Hoffnung aufgeben, gerade wenn sie schon qualifiziert sind. Dass Bach so lange gezögert hat, als eigentlich für alle klar war, dass die Spiele auf keinen Fall stattfinden können wegen des Coronavirus, ist ein Zeichen von eklatanter Führungsschwäche. Bach ist aber nicht derjenige, der darüber bestimmt, wie Olympische Spiele stattfinden. Er ist angewiesen auf den japanischen Gastgeber, dem erhebliche finanzielle Verluste entstehen. Er ist angewiesen auf das Einlenken des TV-Rechteinhabers NBC, der in diesem knallharten Geschäft Werbeeinnahmen erlösen will. Das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Ich sage das nicht, um Thomas Bach zu entschuldigen oder meine Enttäuschung über ihn kleinzureden. Das bleibt alles. Das hätte man aber alles im Vorfeld schon so tiefensondieren können, so dass die Entscheidung deutlich früher hätte fallen können.

ZUR PERSON: Gunter Gebauer (76) ist emeritierter Professor für Philosophie und Sportsoziologie an der FU Berlin. Er wuchs in Kiel auf, lebt heute in Köln. Sein neues Buch heißt: «Olympische Spiele».