Beim Deutschen Fußball-Bund platzen sie beinahe vor Stolz. Zum ersten Mal in der Geschichte der Champions League stehen mit Hansi Flick (Bayern München), Julian Nagelsmann (RB Leipzig) und Thomas Tuchel (Paris Saint-Germain) drei Trainer aus einem Land mit ihren Teams im Halbfinale.

Das gab es noch nicht einmal in den fünf Jahren zwischen 2000 und 2009, als jeweils drei Clubs aus einer Liga in die Runde der besten Vier einzogen. «Es ist ein wunderbarer, erfolgreicher Moment für den deutschen Fußball», sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. «Wir freuen uns sehr darüber, dass nicht nur zwei deutsche Vereine zu den Halbfinalisten zählen, sondern auch drei Trainer aus Deutschland und viele unserer Nationalspieler.» Bemerkenswert ist auch, dass der erfolgreichste deutsche Trainer der vergangenen Jahre daran ausnahmsweise gar keinen Anteil hat. Denn Jürgen Klopp schied mit dem Titelverteidiger FC Liverpool im Achtelfinale aus und macht jetzt Urlaub auf Sylt, statt beim Finalturnier in Lissabon in der Coachingzone zu stehen.

Als Klopp und seine «Reds» vor einem Jahr den begehrtesten Titel des europäischen Club-Fußballs holten, hatte es kein einziger Bundesligist in der Champions oder Europa League bis ins Viertelfinale geschafft. Und jetzt nur ein Jahr später dieser internationale Erfolg - wie konnte das so schnell gehen?

Den einen, einleuchtenden Grund gibt es dafür nicht. Klar, die deutschen und französischen Teams sind wegen des frühzeitigen Endes ihrer Meisterschaften deutlich ausgeruhter nach Lissabon gereist als ihre Gegner aus Spanien, England und Italien.

Aber das Champions-League-Halbfinale zwischen Leipzig und Paris ist zu allererst ein Spiel des Getränkekonzerns Red Bull gegen den Staatsfonds von Katar und erst weit dahinter ein Duell zwischen Nagelsmann und Tuchel. Beide Clubs wurden vom Geld ihren Investoren geprägt. Die haben PSG unter anderem den teuersten Spieler der Welt spendiert (Neymar) und die «Roten Bullen» in nur elf Jahren von der Gründung bis auf dieses Level gehievt.

Das italienische Portal «Sportmediaset» nannte die Bundesliga dafür in seiner Analyse «das Labor Europas». Hier seien ambitionierte Fußballlehrer über Jahre von starken Persönlichkeiten wie Klopp, Ralf Rangnick und Bundestrainer Joachim Löw geprägt worden. Und hier wird man mittlerweile auch dann als Trainer akzeptiert, wenn man keine Spielerlaufbahn mit mehr als 50 Länderspielen vorzuweisen hat.

Was macht einen guten Trainer aus? Das ist eine der prägenden Fragen dieses Fußball-Sommers. Denn nach Real Madrid (Zinedine Zidane) oder Manchester United (Ole Gunnar Solskjær) hat sich in der vergangenen Woche auch Juventus Turin mit der Verpflichtung von Andrea Pirlo dazu entschieden, sein Starensemble einer ehemaligen Spielerikone anzuvertrauen. Große Namen respektieren vor allem große Namen - das ist das Kalkül dahinter.

Dazu passt auch die Reaktion von Zlatan Ibrahimovic, als Rangnick im Frühsommer kurz davor stand, neuer Trainer seines AC Mailand zu werden. «Wer ist Rangnick? Ich weiß nicht, wer Rangnick sein soll», sagte der Starstürmer aus Schweden dazu. Seit diesem Wochenende sollte er wissen: Rangnick ist derjenige, der die Karrieren von Nagelsmann und Tuchel maßgeblich gefördert hat und einst auch die Aufbauarbeit von Hansi Flick bei der TSG Hoffenheim zum Erfolg führte. Jetzt stehen diese drei Trainer im Halbfinale der Champions League.

«Das ist schön für den deutschen Fußball. Auch mannschaftsmäßig ist es für den deutschen Fußball wichtig», sagte Nagelsmann dazu. Ein «Aber» setzte der 33-Jährige allerdings auch dahinter. «Grundsätzlich erinnere ich mich immer wieder an Worte zurück, dass der deutsche Fußball international auf den Deckel gekriegt hat, was auch meistens deutsche Trainer betraf. Und jetzt ist wieder alles gut, so ist es auch nicht. Wir sollten alle nicht in den Extremen leben.»

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