Wenn Markus Rehm irgendwo auf der Welt unterwegs war, wurde er oft als «Bladejumper» empfangen. War ja auch logisch. Prothesen-Sprinter Oscar Pistorius, der bei Olympia startete, war der «Blade Runner». Also wurde Weitspringer Rehm zum «Bladejumper».

In Deutschland kannte man ihn bisher nicht wirklich unter diesem Namen. Bis Robert Harting kam. Der London-Olympiasieger im Diskuswurf managt Rehm inzwischen. «Als Markenentwickler habe ich drauf gedrängt und finde es nur logisch», sagt Harting. «Robert sagte: Wenn das eh dein Nickname ist, musst du dich auch so nennen», berichtet Rehm. Und nennt gleich den Vorteil des Namens. «Wenn ein olympischer Athlet gegen den 'Bladejumper' verliert, ist das nicht so schlimm, als wenn er gegen den Behindertensportler Markus Rehm verliert.»

Die Wahrscheinlichkeit, dass in Tokio alle olympischen Athleten gegen Rehm verloren hätten, ist hoch. Gold ging bei Olympia mit 8,41 Metern an den Griechen Miltiadis Tentoglou. Rehm war bei seinem Para-Weltrekord im Juni 8,62 Meter gesprungen. Der weiteste Sprung wäre sein Antrieb gewesen. Doch als Politikum wollte er eigentlich nur außer Konkurrenz springen. «Meine Medaille will ich bei meinen Spielen gewinnen, den Paralympics», sagt er.

Gang zum Cas nicht erfolgreich

Nach der erfüllten Norm meldete ihn der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) für Olympia, das Internationale Olympische Komitee (IOC) reichte den Fall an den Leichtathletik-Weltverband World Athletics weiter. Der erklärte Rehm für nicht startberechtigt. Der internationale Sportgerichtshof Cas bestätigte die Entscheidung.

Bei der Mitteilung des Cas sei «erst einmal das Handy durch den Raum geflogen», gesteht Rehm: «Das Ganze hat mich viele Körner gekostet, mir ein paar schlaflose Nächte beschert und mich einige Tage richtig runtergezogen.» Auf die bis 5. August zugesagte Begründung des Cas wartet er immer noch. «Wenn es so schwer ist, sie zu verschriftlichen, muss ich das Urteil selbst wieder anzweifeln», sagt der dreimalige Paralympics-Sieger.

Schon 2016 in Rio de Janeiro hatte er vergeblich den Doppelstart angestrebt. Doch bis heute konnte ihm kein Vorteil durch die Prothese nachgewiesen werden. Deshalb hatte er schon irgendwie «die Erfahrung, dass die mich nicht wollen und alles tun werden, damit ich nicht starte». Dennoch rechnete er diesmal fest mit einer Zusage. «Ich habe schon dran geglaubt, weil ich dachte, die können gar nicht anders entscheiden.»

Ärger über das IOC

Der Verdacht, dass Rehm einfach zu weit springt und die Olympia-Springer nicht vorgeführt werden sollten, erscheint zumindest nicht abwegig. Und genau deshalb ärgert sich der Leverkusener über das IOC. «Da wurde eine Chance vergeben, ein Zeichen für Inklusion zu setzen», sagt er: «Und das ist schade, weil sich das IOC und auch World Athletics das auf die Fahne geschrieben haben.»

Rehm beklagt eine Art Doppelmoral beim IOC. «Man lässt Prothesenträger die Nation ins Stadion führen, schön mit kurzer Hose, damit man die Prothese sieht. Man lässt Rollstuhlfahrer das olympische Feuer tragen. Man nutzt das schöne Image aus, das einem paralympische Athleten geben», sagt er: «Wenn es aber darum geht, dieses Image zu leben, scheint es zu viel des Guten zu sein. Dann ist es vorbei mit der Inklusion. Vor allem, wenn der Athlet, der das schöne Image geben könnte, genauso gut ist wie die olympischen Athleten.»

Bei den Paralympics scheint ihm Gold nicht zu nehmen. Bei der EM gewann er mit 1,64 Meter Vorsprung. Die Japaner erwarten von ihm als einem der größten Stars der Spiele noch einen Weltrekord. «Aber das nochmal zu toppen, wird schwer», sagt Rehm: «Irgendwann wird die Luft dünn. Aber unmöglich ist es nicht.» Für einen «Bladejumper» wahrscheinlich nicht.

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