Im verschärften Wettlauf um die Fördermillionen hat die deutsche Leichtathletik die besten Chancen, für die Basketballer sieht es schlecht aus.

In der Bewertung von Strukturen und Erfolgschancen, die bei der Vergabe der Bundesmittel künftig stärker Einfluss haben wird, erhielt der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) im Abschlussbericht einer Expertenkommission die besten Noten. Schon am 21. September wird die sogenannte Potenzialanalyse (Potas) Basis für Verhandlungen des Bundesinnenministeriums und des Deutschen Olympischen Sportbunds mit den Sommersportverbänden über Zuschüsse von 38 Millionen Euro sein.

Kritik am Potas-System

Während auch der Tischtennis-Bund und die Reiterliche Vereinigung ein besonders gutes Zeugnis erhielten, finden sich neben dem Deutschen Basketball Bund (DBB) auch der Fechter-Bund und die Taekwondo Union am Ende des Feldes wieder. «Die Ergebnisse sind nicht ganz so überraschend», sagte der DOSB-Leistungssportvorstand Dirk Schimmelpfenning bei der Potas-Präsentation in Berlin. Im Dachverband hatte es viel Kritik am Potas-System gegeben. «Es gibt Dinge, die man im Sport nicht berechnen kann, sonst gäbe es keine Sportwetten», warnte auch Schimmelpfennig.

DBB-Chef Ingo Weiss hält die Bewertung sogar für unfair. «Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses wissenschaftliche System den Mannschaftssportarten nicht gerecht wird», sagte Weiss, der auch Sprecher der DOSB-Spitzenverbände ist, der Deutschen Presse-Agentur. Er setzt nun darauf, dass die Förderkommission erkenne, «dass es beim Basketball anders läuft als in dieser Analyse dargestellt», und dem DBB keine Mittel streicht.

Grundlage für Verteilung der Fördergelder

Das Bundesinnenministerium machte jedoch deutlich, dass Potas künftig maßgebliche Grundlage für die Verteilung der Gelder sein wird. «Die Spreizung wird zunehmen, was Zuwächse und Verluste anbelangt», sagte Staatssekretär Markus Kerber. Die Zuteilung der Fördermillionen müsse sich stärker an messbaren Erfolgspotenzialen richten. Bislang habe es ein «weitgehend unstrukturiertes Fördersystem» gegeben.

Das Ziel der Politik ist nach den Enttäuschungen bei Olympia in Tokio mehr denn je klar. «Wir hätten gern noch mehr erfolgreiche deutsche Athletinnen und Athleten, weil das Vorbilder sind», sagte Kerber. Bei den Sommerspielen in Japan hatte das deutsche Team mit 37 Medaillen, davon zehn goldenen, das schwächste Resultat seit der Wiedervereinigung erreicht. Auch der Potas-Sieger DLV hatte mit einmal Gold durch Weitspringerin Malaika Mihambo und zweimal Silber die Erwartungen klar verfehlt.

Erfolgserwartungen und Medaillenchancen

Die Potas-Kommission war 2017 vom damaligen Innenminister Thomas de Maiziére berufen worden. Der CDU-Politiker hatte zuvor «mindestens ein Drittel mehr Medaillen» als Gegenleistung für die Fördermittel angemahnt. Im Zuge der Spitzensport-Reform werden die Gelder stärker anhand von Erfolgserwartungen und Medaillenchancen verteilt. In die Analyse fließen die sportlichen Bilanzen bei wichtigen Wettbewerben einschließlich Olympia, der Blick auf die Kaderathleten und Talente, die Trainingsmethodik und wissenschaftliche Begleitung sowie die Bewertung der Strukturen der Verbände ein.

Man wolle «das Momentum wieder umdrehen», sagte Kommissionschef Professor Urs Granacher. Seit Barcelona 1992 sei die Medaillenausbeute bei Olympia konstant rückgängig. Verbände mit einer schwächeren Potas-Gesamtnote würden sowohl bei ihren Strukturen wie auch bei den Erfolgsnachweisen Defizite zeigen. Basketball-Chef Weiss konterte, durch den Viertelfinal-Einzug des Männer-Teams bei Olympia habe man die Zielvorgabe «übererfüllt». Schwächen weist der DBB laut Potas aber vor allem bei den neuen Sportarten 3x3-Basketball und bei den Frauen auf.

Schwächen bei Mannschaftssportarten

Grundsätzlich ermittelten die Fachleute aus Sportwissenschaft und Praxis Schwächen vor allem bei den Mannschaftssportarten, die im Vergleich zu den Individual-Sportarten im Schnitt deutlich schlechtere Noten erhalten haben. Leichtathletik-Generaldirektor Cheick-Idriss Gonschinska warnte indes vor voreiligen Rückschlüssen: «Die Sportarten sind auf Grund ihrer teilweise völlig unterschiedlichen Wettbewerbssituationen, Anforderungen und Bedarfe nur bedingt linear vergleichbar.»

Einen schnellen Aufschwung in Form eines Medaillenregens bei Olympia 2024 in Paris könne man durch Sportreform und Potas allein ohnehin nicht erwarten, mahnte DOSB-Funktionär Schimmelpfennig. Die angestrebte Offensive bei Nachwuchsgewinnung und Talent-Entwicklung werde eher in Richtung Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 Früchte tragen können. Zu den Aussichten von Potas sagte Schimmelpfennig: «Es gibt eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit über dieses System, aber keine Garantie.»

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