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Frankfurt/Main

Ultras im Fokus des Fußballgeschehens

Schöne Tore und Ergebnisse gerieten zuletzt in der Hintergrund vieler Fußballberichte. Der Konflikt zwischen einigen Fans und dem DFB bestimmt häufig die Bundesliga-Debatten. Im Zentrum der Diskussionen stehen die Ultras. Doch wer ist das überhaupt?
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Schmäh-Plakat
Die Fans des FC Bayern München hatten mit ihrem Banner gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp für viel Ärger gesorgt. Foto: Tom Weller/dpa

Für die einen sind sie das personifizierte Böse im Fußballstadion. Für die anderen die einzigen Bewahrer der guten alten Fußballkultur - und ein Schutzschild gegen Kommerzialisierung und Untergrabung des Vereinswesens.

Spätestens seit den jüngsten Protesten und Beleidigungen gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp stehen Ultras wieder im Zentrum der Fußballdiskussionen. Der neu aufgeflammte Machtkampf zwischen den auffälligsten Gruppen im Stadion und dem DFB hat zahlreiche Facetten - genau wie die Szene selbst.

Die Ultras der Bundesligaclubs unterscheiden sich hinsichtlich ihrer politischen Einstellung, ihrer Toleranzschwelle in Bezug auf Gewalt und ihrer Nähe zu den Vereinen und deren Gremien, und das teilweise sogar innerhalb einer Fankurve.

Wenn Ultras durch ihre Aktionen negativ auffallen, bei Schmähplakaten, Beleidigungen oder auch beim Einsatz von Pyrotechnik, ist anschließend immer wieder zu hören: «Das sind doch keine Fans!» Das Gegenteil ist der Fall. Dem Wortsinn nach gibt es sogar kaum größere Fans, also Fanatiker. «Ultra sein - das ist die extreme Form von Fan-Dasein, weg auch vom Spieltag, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche», sagt Autor Christoph Ruf, der sich in seinem Buch «Kurvenrebellen» intensiv mit der Subkultur auseinandersetzt.

Die bedingungslose Hingabe für ihren Verein und das Auflehnen gegen tatsächliche oder vermeintliche Missstände bewegt sich bei den Ultras immer wieder an den Grenzen der Legalität, des guten Geschmacks und geht zum Teil darüber hinaus. Die Verwendung verbotener Pyrotechnik, Überfälle auf gegnerische Ultragruppen oder massive Beleidigungen wie am vergangenen Wochenende sind Beispiele dafür.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Die Ultrabewegung, die ursprünglich aus Italien stammt und die sich in den 1990er und frühen 2000er Jahren in Deutschland etablierte, hat gemeinsam mit anderen aktiven Fans in den Kurven keinen unwesentlichen Anteil daran, dass Hooliganismus und offener Rassismus in den Stadien in den vergangenen Jahrzehnten deutlich weniger geworden sind.

«In ganz vielen Stadien sind es die Ultras, die ganz massiv dagegen vorgehen, wenn sie im Stadion oder irgend woanders rechtsradikale, rassistische, sexistische Aktionen bemerken», sagt Harald Lange der Deutschen Presse-Agentur. Der Fanforscher von der Universität Würzburg meint: «In den 80er, 90er und frühen 2000er Jahren gab es regelmäßig Schlägereien im, vor und nach dem Spiel. Dieses Phänomen ist nahezu verschwunden aus der Fankultur. Die Stadien waren noch nie so sicher wie zurzeit - und sie werden immer sicherer.»

Wie schwierig die Bewertung des Ultra-Phänomens ist, zeigt unter anderem ein Blick auf die Münchner Gruppe Schickeria, die mit ihrer entscheidenden Teilnahme am Protest und an den Beschimpfungen gegen Hopp in der Partie des FC Bayern bei der TSG 1899 Hoffenheim am Samstag fast einen Spielabbruch mitprovoziert hätte.

«Die Ultras der Schickeria haben über Jahrzehnte eine unglaublich intensive Aufarbeitung der Nazi-Zeit des FC Bayern geleistet», erklärt der Chef der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS), Michael Gabriel. Die Gruppe rief die Geschichte des ehemaligen von Nazis verfolgten jüdischen Bayern-Präsidenten Kurt Landauer mit mehreren Aktionen wieder in Erinnerung und erhielt dafür 2014 den renommierten Julius-Hirsch-Preis. Zudem engagiere sich die Fanszene oft auch sozial, zum Beispiel in der Flüchtlingsarbeit, erklärt Gabriel.

Derartiges Engagement kann natürlich keinesfalls persönliche Beleidigungen oder andere Verfehlungen der Ultras rechtfertigen. Es gehört jedoch zur Gesamtbetrachtung der Szenen. Und ist ein Grund dafür, dass es schwierig ist, in der festgefahrenen Situation, in der es den Fans vor allem um die Abschaffung von Kollektivstrafen geht, den richtigen Weg zu finden.

«Es geht nur um Selbstdarsteller, und es geht ganz selten um den Fußball», sagte DFB-Präsident Fritz Keller am vergangenen Samstag im ZDF-Sportstudio mit Bezug auf die Aktionen der Bayern-Fans im Hoffenheim-Spiel. Dem widersprach die Schickeria in einer Stellungnahme. Wer dies der Gruppe vorwerfe, «der verkennt die Tatsache, dass es uns nicht um uns geht», heißt es dort.

Selbstdarstellungsvorwürfe werden unabhängig von Protesten und fragwürdigen Spruchbändern immer wieder erhoben - auch in den Fankurven. Sogar andere Anhänger werfen Ultras mitunter Selbstüberhöhung und Selbstbezogenheit vor.

Fakt ist: Die laute und optische Darstellung der eigenen Gruppe spielt in den Ultraszenen tatsächlich eine große Rolle - auch unabhängig vom Geschehen auf dem Rasen. Fakt ist aber auch: Die Bilder von farbenfrohen Fanblöcken und häufig von Ultras initiierten kreativen Choreografien lassen sich super vermarkten. So zeigt die DFL in ihrem zur Rückrunde veröffentlichen Bundesliga-Videotrailer unter anderem Sequenzen mit solchen Aktionen.