Serena Williams schluckte, sie stockte und konnte die Tränen nach dem nächsten abrupten Ende ihrer Rekordjagd nicht zurückhalten.

«Ich weiß nicht», antwortete die 39-Jährige, als sie gefragt wurde, ob sie sich ihre zahlreichen leichten Fehler erklären könne. «Das war's», schob sie beim Aufstehen bloß noch hinterher, fing an zu weinen und verließ den Interviewraum. Als sie so nach dem schmerzhaften 3:6, 4:6 gegen die Japanerin Naomi Osaka im Halbfinale der Australian Open mitten in der Antwort ihre Pressekonferenz abbrach, fing die Tenniswelt an, noch mehr zu rätseln.

Wird es nichts mehr mit diesem so herbeigesehnten 24. Titel bei einem Grand-Slam-Turnier? Bleibt der vielleicht besten Spielerin der Tennis-Historie die Einstellung des Allzeit-Rekords der Australierin Margaret Court, die wegen schwulen- und lesbenfeindlicher Äußerungen umstritten ist, für immer verwehrt? Kehrt Serena Williams, die am 26. September 40 wird, noch einmal nach Australien zurück? Schafft sie die Krönung doch noch in Paris, Wimbledon oder New York? Es wird immer unwahrscheinlicher, insbesondere wenn man sieht, wie die 16 Jahre jüngere Osaka als Vertreterin der neuen Generation sie am Donnerstag in Melbourne dominierte.

Schon Williams' Gang aus der Rod-Laver-Arena war besonders emotional. Für einen Moment hielt sie inne, legte ihre Hand aufs Herz. Sie winkte den Fans ein bisschen länger zu, als dies gewöhnlich nach Niederlagen der Fall ist. War es ein letzter Abschiedsgruß?

Mit einem Lächeln hatte Williams bei der Pressekonferenz noch auf die Frage reagiert, ob sie sich von ihren Fans Down Under tatsächlich verabschiedet habe. Nach einem fünftägigen Lockdown durften wieder Zuschauer auf die Anlage und wurden Zeugen der aufwühlenden Szenerie, als Williams das Stadion verließ. «Ich weiß es nicht. Wenn ich irgendwann Farewell sage, würde ich es keinem verraten. Also ...», sprach Williams zu den wenigen vor Ort anwesenden Berichterstattern. Es folgte Frage Nummer acht, bei der sie die Emotionen übermannten.

2017 gewann Williams zuletzt ein Grand-Slam-Turnier. Bei den Australian Open. Sie war damals bereits schwanger. In dem Jahr kam ihre Tochter zur Welt, doch Williams kehrte auf die Tour und fast zur alten Stärke zurück. Die Dominanz der langjährigen Nummer eins war indes verflogen. Sie gewinnt die wichtigen Spiele nicht mehr.

Vier Mal erreichte sie nach der Geburt ihrer Tochter ein Grand-Slam-Finale, vier Mal verlor sie ein Grand-Slam-Finale: 2018 in Wimbledon gegen Angelique Kerber und bei den US Open gegen Osaka, 2019 in Wimbledon gegen Simona Halep (die sie jetzt in Melbourne im Viertelfinale noch klar geschlagen hatte) und bei den US Open gegen Bianca Andreescu. Ein Grand-Slam-Titel als Mutter fehlt ihr noch.

Und natürlich läuft ihr nun bei der Jagd nach der Grand-Slam-Bestmarke mehr und mehr die Zeit davon. Williams eröffnete die Partie gegen Osaka zwar mit einem Break und führte nach wenigen Minuten 2:0, doch dann legte die Melbourne-Siegerin von 2019 und US-Open-Gewinnerin von 2018 und 2020 ihre Kurzzeit-Nervosität ab und ließ Williams mit einer «Machtlosigkeit» auf dem Platz zurück, wie es Eurosport-Expertin Barbara Rittner treffend analysierte.

Nach nur 75 Minuten nutzte die 23 Jahre alte Japanerin ihren ersten Matchball. Statt Williams trifft sie nun im Endspiel am Samstag auf die Final-Debütantin Jennifer Brady aus den USA, die sich gegen die Tschechin Karolina Muchova in drei Sätzen mit 6:4, 3:6, 6:4 durchsetzte. «Meine Beine zittern, mein Herz rast», sagte Brady. Als erster Finalist bei den Herren steht Novak Djokovic nach seiner souveränen Vorstellung und dem 6:3, 6:4, 6:2 gegen den russischen Qualifikanten Aslan Karazew fest. Im Endspiel am Sonntag trifft der Titelverteidiger auf den Gewinner des zweiten Halbfinals zwischen Daniil Medwedew aus Russland und dem Griechen Stefanos Tsitsipas.

Williams fand an diesem Tag keinen Weg zum Sieg gegen Osaka. Im Gegensatz zum skandalumtosten New-York-Endspiel 2018 blieb diesmal aber alles friedlich. Damals endete das Finale in einem Eklat, als Williams den Schiedsrichter als «Dieb» bezeichnete und ihm später Sexismus vorwarf. Nach verbotenen Zeichen ihres Trainers Patrick Mouratoglou, einem zertrümmerten Schläger und heftiger Kritik am Unparteiischen war Williams dreimal verwarnt und schließlich mit einem Spielabzug zum 3:5 im zweiten Satz bestraft worden. Osaka gewann 6:2, 6:4 und holte damit ihren ersten Grand-Slam-Titel.

Diesmal gratulierte Williams ihrer überlegenen Kontrahentin fair am Netz mit einer Umarmung - und schrieb später noch ein paar Zeilen in den sozialen Netzwerken an «Melbourne und meine australischen Fans». Sie fühle sich geehrt, vor den Fans spielen zu dürfen, dankte für die Unterstützung und wünschte sich, sie hätte «es für euch heute besser machen können». Ihren emotionalen Beitrag schloss sie mit den Worten: «Ich liebe euch. Ich liebe euch. Ich liebe euch. Ich verehre euch.»

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