Hamburg

Löw warnt vor EM-Saison: «Noch keine Spitzenmannschaft»

Mehr als fünf Monate war der Bundestrainer nicht bei seiner Nationalmannschaft. Nach der unfreiwilligen Rekordpause will Joachim Löw gleich zu Beginn der Länderspielsaison die Weichen zur EM 2020 stellen. Die erste Botschaft ans Team fällt deutlich aus.
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Joachim Löw
Joachim Löw fehlte in der letzten Länderspielpause noch wegen einer Verletzung. Foto: Patrick Seeger

Die Bilanz ist makellos, die Perspektive ist bestens. Der gut erholte und hochmotivierte Rückkehrer Joachim Löw sieht nach seiner unfreiwillig langen Sommerpause beim Start in die EM-Saison aber noch ganz viel Arbeit vor sich.

«Auf jeder Position müssen sich alle Spieler noch weiter verbessern. Wir wissen, was es nachher heißt, zur absoluten Spitze zu gehören bei einer EM», mahnte der Bundestrainer vor dem Start in sein 14. Amtsjahr als Chef.

An der Hamburger Außenalster macht Löw die Fußball-Nationalmannschaft fit für die Fortsetzung in der EM-Qualifikation mit dem brisanten Top-Duell gegen die Niederlande am Freitag und dem unangenehmen Auftritt drei Tage später im Windsor Park von Belfast gegen Nordirland. Der Neuaufbau im Jahr zwei nach dem WM-Desaster ist für den 59-Jährigen auch noch lange nicht abgeschlossen.

«Wir sind vielleicht auf dem Weg wieder dahin, wo wir mal waren. Das dauert eine gewisse Zeit, das geht nicht von heute auf morgen», sagte Löw trotz bislang drei Siegen in drei Spielen und dem damit souverän eingeschlagenen Weg zur Endrunde 2020. «Diese junge Mannschaft wird wieder ein bisschen brauchen, an Erfahrung, an Erfolgserlebnissen. Wir sind auf dem Weg dahin», sagte Löw, der ausgerechnet auf seinen verletzten Top-Torschützen Leroy Sané lange verzichten muss.

Als erfahrener Stabilisator kehrt Toni Kroos nach seiner freiwilligen Juni-Auszeit zurück ins Team. Auch Torwart Marc-André ter Stegen ist als ehrgeiziger Herausforderer von Kapitän Manuel Neuer wieder im 22-Mann-Kader inklusive Neuling Luca Waldschmidt dabei. Und auch für Löw selbst endet eine sogar ungewöhnlich lange Abstinenz von seiner Nationalmannschaft. Wegen einer Verletzung konnte er das Team in Weißrussland (2:0) und gegen Estland (8:0) nicht betreuen.

«Es war für mich im Juni sehr, sehr schwierig, zu Hause zu sein. Zum ersten Mal nicht bei Länderspielen dabei zu sein, ist eine ganz, ganz ungewohnte Situation», erzählte der 59-Jährige. Nervöser als sonst am Spielfeldrand habe er auf dem heimischen Sofa die Partien verfolgt. Erstmals in 13 Jahren als Bundestrainer war er bei einer Partie nicht im Stadion. Bei seiner Sperre im EM-Viertelfinale 2008 gegen Portugal (3:2) hatte er in Basel wenigstens in einer Loge mitfiebern können.

Auch die Spieler empfanden die Situation trotz der souveränen Siege als ungewöhnlich. «Wenn der Trainer fehlt, ist das Gefühl ein anderes. Es ist ungewohnt, wenn er fehlt, weil das war ja das erste und einzige Mal», sagte Joshua Kimmich. Sein Bayern-Kollege Leon Goretzka vermutet nach Löws Fünf-Monats-Abstinenz viel Engagement: «Er freut sich sicherlich besonders», sagte er. Und: «Natürlich ist das wichtig, dass der Trainer wieder da ist. Es war ja eine absolute Ausnahme, dass er gefehlt hat.»

Löw hat seine Regenerationszeit längst beendet. «Ich war im Sommer zweieinhalb Wochen auf Sardinien. Ich musste ja ein paar Tage im Krankenhaus verbringen, das war vor allem eine Vorsichtsmaßnahme. Mir geht es wirklich gut. Ich bin hochmotiviert», signalisierte er komplette Fitness. Von jedem Spieler ließ er in der Sommerpause ein Profil erstellen, um die Hebel nun richtig anzusetzen.

Im Vergleich zum September 2018 hat der Rekord-Bundestrainer seine eigene Position total gefestigt. Vor genau einem Jahr war die Lage beim damaligen Neustart in die Nations League für ihn in den großen Turbulenzen nach dem Russland-Desaster durchaus noch prekär.

Mit Siegen gegen Oranje und die bisher viermal siegreichen Nordiren kann nun sogar das EM-Ticket praktisch schon fix gemacht werden. Das 3:2 im März in Amsterdam soll als Blaupause dienen. «Das tut der Mannschaft natürlich gut, weil sie neuformiert ist. Und wenn man solche Spiele wie gegen die Niederlande gewinnt, dann gibt das Kraft, dann gibt das Energie und den Glauben an sich selbst», sagte Löw.

Der Auswärtssieg in Holland kurz nach der Ausmusterung der 2014-Weltmeister Mats Hummels, Thomas Müller und Jérôme Boateng verdeutlichte Löw aber auch die weiter vorhandenen Defizite. «In der zweiten Halbzeit waren wir schon auch wackelig und sind aus dem Konzept gekommen, wo wir unseren Faden verloren und unsere Abläufe nicht mehr gesehen haben. Das waren gute Ansätze, wo wir klar aufgezeigt bekommen haben, woran wir arbeiten müssen», erinnerte Löw.

Auch Führungsspieler Kroos sieht noch viel Entwicklungspotenzial bis zur Pan-Europa-EM mit mindestens zwei Gruppenspielen in München. «Um bei dem Turnier auch ein Mitfavorit zu sein, fehlt uns schon noch ein bisschen was. Aber ich finde, dass wir auf einem guten Weg sind, seit der WM», sagte der 29-Jährige in einem Interview der «Welt am Sonntag». Löw formuliert es ähnlich. 2019 war für ihn bislang ein Mutmacher-Jahr mit Einschränkungen. «Das gibt Selbstbewusstsein und das braucht man auf dem Weg zu einer Spitzenmannschaft, die wir werden wollen, die wir im Moment noch nicht ganz sind», sagte er.