Amsterdam

Löw-Plan klappt: Next Generation bringt «PS auf die Straße»

Ein Spiel kann im Fußball viel verändern. Die leuchtende Zukunft der verjüngten DFB-Elf um die funkelnden Offensivsterne Sané und Gnabry verdrängt die Düsternis des WM-Jahres. Löws Strategie geht in Holland mit «Spielglück» auf. Das 3:2 beantwortet etliche Grundsatzfragen.
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Löw und Gnabry
Bundestrainer Joachim Löw und Torschütze Serge Gnabry. Foto: Federico Gambarini

Joachim Löw kann's doch noch. Aber nach einem der wichtigsten Siege in seiner bald 13-jährigen Amtszeit versagte sich der Bundestrainer jede Triumph-Pose.

«Ich empfinde das nicht gegenüber Kritikern als Genugtuung», sagte Löw nach dem mit dem lange vermissten «Spielglück» errungenen Last-Minute-3:2 beim Erzrivalen Holland. Im Presseraum der Amsterdam-Arena ließ er sich nicht locken. Die Bedeutung des Topstarts in die EM-Qualifikation verhehlte der 59-Jährige freilich nicht: «So ein Sieg hilft schon für die nächsten Wochen und Monate.» Löws radikaler Strategiewechsel hat Zukunft.

Diese Fußballnacht mit extremen Emotionsschüben bis hin zum Höhepunkt des glanzvoll herausgespielten Tores von Nico Schulz in der letzten Minute beantwortete etliche Grundsatzfragen. «Heute haben wir die PS auf die Straße gebracht», resümierte Löw zufrieden. «Am Ende war es eine Willensleistung. Das zeigt schon den Charakter der Mannschaft», bemerkte der angeschlagene Marco Reus, dessen Mini-Einsatz als Joker mit der Vorbereitung des Schulz-Tores maximal effizient war. «Ich glaube, so etwas schweißt zusammen», stellte Leon Goretzka fest.

Löw erinnerte in der Johan-Cruyff-Arena an den Löw, der im Sommer 2017 beim Gewinn des Confed Cups in Russland mit einer jungen, frischen, verschworenen Boygroup schon einmal ein Coaching-Wunder vollbracht hatte. Im achten Spiel nach der völlig vermurksten WM und dem anschließenden Nations-League-Abstieg ging seine mutige, neue Strategie erstmals richtig auf.

Die Startelf von Amsterdam mit nur noch zwei Säulen des WM-Endspiels von 2014 (Neuer, Kroos), aber gleich fünf Confed-Cup-Siegern (Ginter, Goretzka, Kimmich, Rüdiger, Süle) und den funkelnden Offensivsternen Leroy Sané und Serge Gnabry, die in einer brillanten ersten Hälfte die 2:0-Führung herausschossen, enthüllte ihr großes Potenzial. Mit leidenschaftlicher Willensstärke wollte dieses Team den aufgeregten Diskussionen um das aussortierte Bayern-Trio Boateng, Hummels, Müller die Grundlage entziehen.

Mehr als zwölf Millionen TV-Zuschauer wurden bei RTL Zeugen der möglichen Geburtsstunde einer Mannschaft, die das Wir über alles andere stellte. Die 90 packenden Minuten beinhalteten alle Facetten, die Löws EM-Perspektivkader beinhalten kann. Offensive Brillanz mit Entschlossenheit im Abschluss, Siegeswille und Widerstandskraft. Dazu kam eine kluge taktische Marschroute. «Die erste Halbzeit war, was das Fußballerische betrifft, überragend», schwärmte Löw.

Die Zwei-Spitzen-Lösung mit den unwiderstehlichen Tempo-Kickern Sané und Gnabry war eine Augenweide. «Serge und Leroy haben vorne ein super Spiel gemacht», lobte Löw die beiden 23-Jährigen. «Sie geben der Mannschaft viel von ihrer Energie. Sie haben die Schnelligkeit und Qualität», sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff über das Duo.

Manuel Neuer war mit zwei Glanzparaden bei Schüssen von Ryan Babel endlich mal wieder ein entscheidender Rückhalt im Tor. Der Kapitän setzte ein Ausrufezeichen im Konkurrenzkampf mit Marc-André ter Stegen. «Die Antwort hat er auf dem Platz gegeben», äußerte Bierhoff über Teamsenior Neuer, der am Mittwoch 33 Jahre alt wird.

Als das Defensiv-Kollektiv um den neuen Abwehrturm Niklas Süle nach dem schnellen Oranje-Comeback mit Toren von Matthijs de Ligt und Memphis Depay in der zweiten Halbzeit ins Wanken geriet, wurden alte deutsche Tugenden reaktiviert. Sogar Toni Kroos warf sich in die Schüsse der Holländer. «Die Mannschaft hat dann mehr Kampf, Bereitschaft, Einsatz und Leidenschaft gezeigt», lobte Löw. Joshua Kimmich hob die spezielle Dramaturgie des Sieges hervor. «Es hört sich vielleicht komisch an, aber im Nachhinein ist das 3:2 wichtiger, als wenn wir 3:0 gewonnen hätten», sagte der 24-Jährige.

Es war am Ende eine Willensleistung. Hunger und Gier, die ein abgehalftertes Weltmeister-Ensemble im russischen Turniersommer 2018 vermissen ließ, sind wieder da. «Wir hatten den Glauben an den Sieg nicht verloren», betonte Löw, der sinnierte: «Vielleicht hatten wir ein bisschen das Spielglück, das wir in den Spielen zuvor nicht so hatten.»

Deutschland hat wieder einen Bundes-Jogi, der seine Komfortzone verlassen hat, der nach einem personellen Schlingerkurs den WM-Unfall mit aller Entschlossenheit reparieren möchte. «Das alte Jahr habe ich abgehakt, das ist aufgearbeitet», behauptete Löw. Und mit Kritik, ach Leute, wisse er schon lange «umzugehen». Trotzdem stachelt der WM-Makel Löw an, wie dessen enger Wegbegleiter Bierhoff indirekt bestätigte: «Natürlich tut der Sieg der Seele und der Moral gut.»

Der wiedererstarkte Löw richtete noch vor der Heimreise aus Amsterdam am Montag den Blick Richtung Juni, wenn es auf dem steinigen Weg zur Pan-Europa-EM 2020 mit womöglich drei Gruppenspielen in München auswärts in Weißrussland sowie in Mainz gegen Estland weitergeht. «Wir wissen, dass noch einiges an Arbeit vor uns liegt», mahnte er.

Aber das Erweckungserlebnis «beim sehr wahrscheinlich härtesten Konkurrenten» in Gruppe C, die Nordirland mit sechs Punkten vor Holland und Deutschland (je 3) anführt, sei «natürlich hilfreich für den Glauben so einer neuformierten, jungen Mannschaft», resümierte Löw nach dem geglückten Neustart 2019: «Das Auf und Ab, das die jungen Spieler im Spiel durchleben, ist wichtig für ihre Erfahrung.»