Am Abend nach dem emotionalen Achtelfinaleinzug bangten Luka Modric & Co. im Teamquartier in Istrien vergeblich vor dem TV. In der Nachspielzeit der Gruppe E bekamen sie ausgerechnet den Gegner, dem sie so gerne in der Runde der letzten 16 aus dem Weg gegangen wären.

Spanien sei der «härteste Gegner», sagte Nationaltrainer Zlatko Dalic und hatte Stunden vor dem 5:0-Ausrufezeichen der Iberer noch über deren bis dato schlechte Chancenausbeute gesprochen. Das holte die Auswahl von Trainer Luis Enrique dann beim 5:0 gegen die Slowakei eindrucksvoll nach.

K.o.-Duell am Montag in Kopenhagen

Real-Madrid-Star Modric trifft am Montag (18.00 Uhr) in Kopenhagen also auf die La-Liga-Kollegen aus Spanien - der Weltfußballer von Real Madrid ist dann allerdings der einzige Vertreter der Königlichen. Das wird den 35-Jährigen nur noch mehr anstacheln. Was allein der Einzug in die Runde der letzten 16 für Modric bedeutete, war bei dessen Gefühlsausbruch nach dem Schlusspfiff bestens abzulesen. Der Fußball-Virtuose sank auf die Knie, ballte die Fäuste und schrie die Freude lauthals heraus: Der Vizeweltmeister hat nach schwierigen Turniertagen seine Kritiker widerlegt - allen voran Modric.

«Die Art und Weise, wie er das Tor gefeiert hat, zeigt, wie viel uns das Tor und das Nationalteam bedeuten», sagte Trainer Zlatko Dalic am Mittwoch in Rovinj. «Vom ersten Tag an sah er die Mannschaft als etwas Heiliges an», hob der Coach nach einer kurzen Nacht den Teamplayer Modric hervor. Erst am frühen Mittwochmorgen war der Achtelfinalist in sein Teamhotel in Rovinj zurückgekehrt; wenigstens kurz blieb Zeit zum Feiern - dann zählte nur noch Spanien.

Modric liefert ab

Am Tag vor den Auftritten von Superstars wie Weltfußballer Robert Lewandowski mit einem letztlich wertlosen Doppelpack, Weltmeister Kylian Mbappé oder Super-Champion Cristiano Ronaldo demonstrierte Modric, dass er auch im reifen Profi-Alter für magische Momente sorgen kann. Beim 3:1 (1:1) gegen Schottland führte er die Auswahl wie in besten WM-Tagen an. Mit einem traumhaften Außenristschuss erzielte Modric selbst das 2:1. Den Treffer des früheren Bundesliga-Stars und von Dalic besonders gelobten Ivan Perisic zum 3:1 legte er auf.

«Dieses Tor bedeutet mir sehr viel, aber unser Spiel bedeutet mehr», schwärmte Modric. Am Mittwoch konnten er und die Kollegen in Rovinj etwas länger schlafen. Statt bei 30 Grad am Vormittag zu trainieren, standen später am Tag individuelle Übungen im Hotel an. Dazu war das Achtelfinale am Montag in Kopenhagen ein großes Thema im Team. «Wenn wir so spielen, sind wir für jeden gefährlich», sagte Modric.

Der schier ewige Luka Modric - seit Dienstag nicht nur der jüngste, sondern auch der älteste kroatische EM-Torschütze - ist längst Symbolfigur von mehr als nur einer kroatischen Fußball-Generation. Die spanische Sportzeitung «Marca» - Modrics Club Real Madrid wohlgesonnen - formulierte es plakativ: «Ein Land namens Modric.»

Magier, Matchwinner, Maestro - Modric kann's auch im hohen Alter noch. «Man merkt gar nicht, dass er älter wird, er ist immer noch ein flinker Spieler», staunte der langjährige DFB-Capitano Michael Ballack bei MagentaTV. «Sie haben Luka Modric, einen der besten Spieler der Welt», stöhnte Schottlands Mittelfeldspieler John McGinn.

Zwar wurde nicht Modric, sondern Nikola Vlasic zum Star des Spiels gekürt. Doch das konnte der Routinier im Zuge des Weiterkommens verschmerzen. «Ich bin glücklich, dass mein Tor geholfen hat, aber das Wichtigste ist, dass die Mannschaft gewonnen hat», sagte Modric. Ein Sieg war nötig, ein Sieg wurde geliefert.

Das Führungstor von Vlasic, dem Bruder der früheren Hochsprung-Weltmeisterin Blanka Vlasic, war ein Stück weit auch ein Vorgriff auf die Zeit nach der Ära Modric. Zwar sind der Altstar und der 23-Jährige von ZSKA Moskau unterschiedliche Spielertypen. Doch Vlasic soll in der Zukunft mehr Führungsaufgaben bei den Feurigen übernehmen. «Am Ende haben wir überzeugend gewonnen, und ich denke, das ist das Kroatien, das wir alle sehen wollen», sagte Vlasic.



Kroatien nun im Turniermodus?

Erst einmal soll durch den Achtelfinal-Einzug als Zweiter hinter England endlich der Turniermodus gestartet werden. «Wir sind voller Selbstbewusstsein, wir sind zurück», frohlockte Dalic. Der 54-Jährige dankte Modric, den er innig umarmte. «Ich bin stolz, so einen Spieler zu haben.» Der Spielmacher habe hervorragend gespielt, sei hoch motiviert - und das habe er gezeigt. Wer wollte, konnte darin auch eine kleine Botschaft an Kritiker herauslesen.

Vor einer Mini-Delegation in rot-weiß-karierten Trikots bekleideter Fans jubelten die Kroaten Hand in Hand und freudestrahlend auf der Insel. Im Kopenhagener Stadion Parken werden angesichts von weniger strengen Reise- und Corona-Regeln mehr Anhänger erwartet. «Wo immer wir hinreisen, werden 20 000 unserer Fans hinter uns stehen», sagte Dalic - und weckte drei Jahre nach dem WM-Coup Hoffnung auf ein EM-Märchen: «Ihr seid unsere Stärke, wir werden Euch stolz machen!»

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