Gut zwei Jahre nach seinem Ende als Radprofi bespielt Marcel Kittel inzwischen eine neue Bühne. An schönen und warmen Spätsommerabenden sitzt er in Bonn und Erfurt auf einem Stuhl und referiert lässig über seine Karriere, die neben großen Siegen auch große Sinnkrisen beinhaltete.

Kittel macht auf das einstige Tabuthema «mentale Gesundheit» aufmerksam, zu seiner neuen Rolle als Buchautor und Bühnenleser sagt er: «Das ist etwas Neues und eine Herausforderung. Es ist aber auch der Moment, an dem ich merke, es ist eine totale Bereicherung. Das war schon sehr, sehr schön, das große Publikumsinteresse zu sehen.»

Mentale Probleme sind ein Thema geworden

Dass der 33-Jährige, der 2019 einen Schlussstrich unter den Profisport zog und sich nun verstärkt seiner Familie widmet, eloquent ist, ist nicht neu. Kittel ist auch TV-Experte und konnte sich schon während seiner erfolgreichen Karriere mit immerhin 14 Tagessiegen bei der Tour de France gut ausdrücken. Seinen Namen und seine Bekanntheit nutzt er nun aber explizit, um auf das Thema Psyche im Sport aufmerksam zu machen.

«Im Radsport ist es mehr ein Thema geworden, definitiv. Allgemein setzt sich das Thema mentale Probleme im Sport durch. Da ist ein gewisses Bedürfnis der Sportler da, sich zu äußern», sagte Kittel der Deutschen Presse-Agentur. Er beobachte, dass immer mehr Radprofis den Mut verspüren, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Niederländer Tom Dumoulin, der Anfang dieses Jahres mentale Probleme öffentlich machte.

Der Jumbo-Visma-Profi nahm sich eine Auszeit vom professionellen Sport. «Es ist so, als ob ein Rucksack von hundert Kilo von meinen Schultern gerutscht ist», sagte Dumoulin. Der frühere Giro-Sieger und Zeitfahr-Weltmeister brauchte Zeit, um mit dem enormen Stress klarzukommen. «Die Frage, was ich selbst will, ob ich überhaupt noch Radprofi sein will, ist immer wieder aufgeploppt bei mir in den letzten Monaten, und ich habe keine Zeit dafür gefunden, sie zu beantworten», sagte Dumoulin.

«Ich bin momentan sehr zufrieden»

Kittel prägte zwar sportlich furiose Siegesserien, doch ihm ging es seinerzeit ähnlich. «Es gab Augenblicke, in denen konnte ich mein Rennrad nicht anfassen. Das war vielleicht etwas, das man mit Burnout oder einer depressiven Phase beschreiben könnte», erzählte der gebürtige Thüringer jüngst dem «Kölner Stadt-Anzeiger». Seit seinem Karriereende habe er solche Ausnahmesituationen nicht mehr erlebt, betonte Kittel nun. «Es war einfach dieser extremen Belastung geschuldet.»

In seinem Buch «Das Gespür für den Augenblick», das seit September auf dem Markt ist, beschreibt Kittel detailliert seine Gefühle und das ständige Auf und Ab im Leben eines Profis. «Ich hatte mir am Anfang das Ziel gesetzt, ein offenes und ehrliches Buch zu schreiben. Ich wollte nicht nur Rennergebnisse aneinanderreihen», erklärte Kittel.

Mit seinen derzeitigen Aufgaben als TV-Experte und Markenbotschafter ist er zufrieden, mit Partnerin Tess von Piekartz und den beiden gemeinsamen Kindern sieht er seine Hauptaufgabe derzeit zuhause. Im Oktober zieht die junge Familie von der Schweiz in die Niederlande, wo die frühere Volleyballerin von Piekartz herkommt. «Ich habe aktuell nicht den akuten Wunsch, in die Profi- oder Topsportwelt zurückzugehen. Ich will nix ausschließen, aber ich bin momentan sehr zufrieden», sagte Kittel.

© dpa-infocom, dpa:211004-99-478591/4