So groß die Freude beim Wiedersehen im Waldhotel auch sein mag, die Pandemie ist weiter allgegenwärtig. Das bekommt auch Joachim Löw schonungslos zu spüren.

Wenn der Bundestrainer nach der quälend langen Corona-Zwangspause seinen Kader um die Rückkehrer Leroy Sané und Niklas Süle am Montag zur Mittagszeit im Stuttgarter Teamquartier wieder versammelt, gibt es trotz der Glücksgefühle auch Zweifel und Sorgen. Die Corona-Regelen bestimmen den Ablauf in der Blase der Fußball-Nationalmannschaft. Und der Ausblick auf einen heißen Länderspiel-Herbst mit Dauerstress bei acht Partien in nur elf Wochen macht Löw auch nicht glücklich.

«So eine Situation hat es noch nie gegeben. Die Spieler kommen von der Champions League. Die Saison geht weiter. Dass wir Länderspiele haben, bevor die Bundesliga begonnen hat, gab es die letzten Jahre auch nicht», sagte der Bundestrainer. Der Neustart in der Nations League mit reizvollen Spielen gegen Spanien am Donnerstag in Stuttgart und drei Tage später in Basel gegen die Schweiz wird fast zur sportlichen Nebensache.

Von gewohnten Abläufen ist Löw mit seinem abgespeckten und von der Öffentlichkeit strikt separierten Kader ohne vier Münchner Königsklasse-Sieger nämlich noch weit entfernt. Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff sprach von einem Leben in der Blase.

Gleich nach der Ankunft im Ländle müssen Löw und alle 22 Spieler zum nächsten Corona-Test. Dann heißt es, warten auf die Resultate, und zwar jeder alleine auf seinem Hotelzimmer. Sind die Tests negativ, kann Löw wenigstens gleich im ersten Training am frühen Montagabend auch auf Toni Kroos von Real Madrid und sein PSG-Duo Julian Draxler und Thilo Kehrer bauen.

Wie der DFB am Sonntag auf Nachfrage mitteilte, müssen die Spieler nicht länger in Quarantäne, obwohl die spanische und die französische Hauptstadt als Corona-Risikogebiete eingestuft sind. Ob es für das Spiel in der Schweiz, wo die Fallzahlen auch steigen, noch Probleme oder Auflagen geben wird, war vorerst noch unklar. Die Eidgenossen kommen erst zwei Tage vor dem DFB-Duell aus dem Risikogebiet Ukraine zurück.

Immerhin drei Tage bleiben Löw zur Vorbereitung auf das Duell gegen Spanien. Ein fast schon luxuriöser Zustand im sonst proppevollen Kalender, in dem Löw von Spiel zu Spiel hetzen wird. «Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust», sagte der 60-Jährige. Letztlich muss sich Löw den ökonomischen Interessen des DFB beugen.

«Auf der einen Seite verstehe ich den Verband. Jedes Länderspiel hat große Wertigkeit, bringt Einnahmen. Auf der anderen Seite bietet es eine andere Perspektive auf das Spiel. Ich hätte lieber zwei, drei Trainingseinheiten mehr gehabt. Das fällt weg. Bei drei Spielen muss man genau überlegen, wie sieht die Belastung aus, wie muss ich das aufteilen», betonte Löw.

Eine Wahl hat Löw ohnehin nicht. Die Tests gegen die Türkei und Tschechien wurden für Oktober und November ganz knapp um die vier Partien der Nations League gegen die Ukraine (2x), Spanien und die Schweiz terminiert. «Grenzwertig», sei dies, meinte Löw. Von ganz oben wurde klargemacht, dass der Verband jedes Spiel zum Ausgleich der Corona-Verluste braucht.

«Der DFB, die Nationalmannschaft, aber auch die UEFA hat zurückgesteckt, um den Ligen den Vorrang zu geben. Jetzt würde ich sagen, sind wir dran. Wenn wir das nicht machen würden, kämen wir in eine finanziell sehr schwierige Lage», sagte DFB-Präsident Fritz Keller. Rund zehn Millionen Euro verdient der DFB pro Länderspiel, auch wenn diese Summe durch fehlenden Zuschauer- und VIP-Einnahmen derzeit geringer ausfallen dürfte.

Löw muss schon zum Auftakt in Stuttgart zum Pragmatiker werden. «Aber auf der andern Seite muss ich sehen, wie ich meine Vorteile daraus ziehen kann und ein bisschen mehr testen, als ich es sonst gemacht hätte», meinte er. Die vier Münchner Triple-Sieger Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Serge Gnabry werden wie die Leipziger Königsklassen-Halbfinalisten Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg geschont. Neulinge wie Robin Gosens oder Florian Neuhaus dürfen vorspielen, nach dem obligatorischen Corona-Test.

© dpa-infocom, dpa:200830-99-362327/3