Selbst ein Experte für Fußball-Wahnsinn wie Oliver Kahn benötigte eine Nacht, um den surreal erscheinenden 8:2-Triumph seines FC Bayern gegen den FC Barcelona als real zu begreifen.

«Erst jetzt realisiere ich, was wirklich gestern passiert ist im Estádio da Luz», twitterte der einstige Torwart-Titan, der in seinem ersten Jahr im Münchner Vorstand gleich das Titel-Triple bejubeln könnte.

«Was für eine unglaubliche Champions-League-Nacht - wir werden uns noch lange an sie erinnern. Ich bin so stolz auf dieses Team. Danke Jungs für diese atemberaubenden 90 Minuten», schwärmte Kahn, der im Teamquartier ganz nah am Topfavoriten des Finalturniers in Portugal dran ist. Im «Penha Longo Resort» unweit von Lissabon schwebten die unersättlichen Münchner Titel- und Tor-Kannibalen um Anführer Thomas Müller mit ihrer Entourage am Wochenende noch auf Wolke sieben.

Hansi Flick ließ seine Profis die historische Demütigung von Lionel Messis Barça zwar eine Nacht lang genießen, aber der Trainer zog auch schnell wieder den Euphoriestecker. Das Krönungsprojekt «Campeões de Lisboa» wäre erst mit dem Titelgewinn vollendet.

«Jetzt geht es darum, das sacken zu lassen. Und uns dann auf das nächste Spiel so vorzubereiten, um das, was wir wollen, auch zu schaffen: Ganz oben zu stehen», sagte der 55-Jährige mit Blick auf das nächste K.o.-Duell an diesem Mittwoch gegen Olympique Lyon, das Manchester City mit dem früheren Bayern-Coach Pep Guardiola am Samstag mit 3:1 (1:0) bezwang und aus dem Wettbewerb warf. Ein deutsches Endspiel gegen RB Leipzig, das gegen Paris Saint-Germain mit Coach Thomas Tuchel ran muss, ist keine Vision mehr. Erstmals stehen drei deutsche Trainer mit ihren Vereinen im Halbfinale. «Ich freue mich natürlich für Thomas und auch für Julian», sagte Flick.

Triumphieren in Lissabon will freilich er mit den Bayern. Nach zuletzt vier bitteren Halbfinalniederlagen in Europas Königsklasse 2014, 2015, 2016 und 2018 ist die Gier der Münchner aufs Endspiel riesig. Ein weiteres Scheitern scheint bei dieser gerade unschlagbar wirkenden bayerischen Fußball-Dampfwalze kaum möglich. Die Wucht der Offensive um Torminator Robert Lewandowski ist erdrückend, Flick hat als Königsklassen-Neuling eine verschworene Einheit geformt. «Es ist nicht so, dass man sagt, jetzt machen wir den Teamgeist an und dann spielst du so», bemerkte Müller zur Entwicklung unter Flick.

Als «unbegreiflich» beschrieben die Münchner Stars selbst ihr Rekordspektakel im 250. Königsklassenspiel, das Flick für ihn typisch unspektakulär als «kleine Duftmarke» verniedlichte. «Wir haben wirklich mit einem brutalen Fokus gespielt», sagte Joshua Kimmich, neben Müller (2), Ivan Perisic, Serge Gnabry, Lewandowski und Barça-Leihspieler Philippe Coutinho (2) einer der Torschützen. 39 Treffer hat Bayerns Torexpress bei den bislang neun Siegen auf dem bisherigen Durchmarsch zum dritten Champions-League-Titel bejubelt.

Und jetzt geht's in Portugal erst richtig los. «Wir sind noch nicht am Ende», verkündete Kimmich. Der im Mittelfeld bärenstarke Muskelprotz Leon Goretzka sagte: «Das war ein Schritt von dreien.»

Zwei Schritte sind es noch zum Triple, dem zweiten nach 2013 unter Jupp Heynckes. Damals gab es im Halbfinale im Gesamtergebnis von zwei Partien ein 7:0 gegen Barcelona, das die Bayern in Lissabon förmlich schrotteten. «Wir sind glücklich, aber wir wollen mehr», erklärte Sportvorstand Hasan Salihamidzic und schwärmte: «Es war ein Genuss, den Jungs beim Spielen zuzuschauen.»

Jungs, die nie aufhören, auch nicht nach einem klaren 4:1 zur Pause. «Wir haben immer weitergemacht», betonte Kapitän Manuel Neuer, der das Torwartduell mit Marc-André ter Stegen klar gewann. «Es tut mir etwas leid für Marc, dass er so viele Tore kassiert hat. Das wünscht man natürlich keinem Teamkollegen in der Nationalmannschaft», sagte Neuer, seit Jahren die Nummer 1 vor ter Stegen im DFB-Ranking.

Flick machte seiner Mannschaft ein «riesiges Kompliment». Er lobte die hohe Intensität bis zum Abpfiff: «Das ist unsere Mentalität, für das stehen wir.» Am Ende seien «die Tore wie im Rausch gefallen», schilderte Goretzka fasziniert. Schon am Samstag ließ Flick wieder die normalen Abläufe mit Regeneration und Training der Reservisten abspulen. «Wir haben noch einiges vor der Brust», erklärte er.

Mit dem 8:2 vor leeren Rängen, das Erinnerungen an das 7:1 der Nationalelf im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien weckte, wird der damalige Joachim-Löw-Assistent Flick umzugehen wissen. Vor sechs Jahren folgte auf den Jahrhundertsieg von Belo Horizonte ein zähes 1:0 nach Verlängerung im Endspiel gegen Argentinien.

Der so angenehm unaufgeregte und stets geerdet auftretende Flick weiß, was im «Hier und Jetzt entscheidend» sein wird: «Es geht nun darum, Kräfte zu sammeln für das Halbfinale. Wir wissen, dass noch ein hartes Stück Arbeit ansteht, um am Ende da zu stehen, wo wir hinwollen.» Und das ist: Ganz oben in Europas Vereinsfußball.

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