Nach dem Knallhart-Duell mit dem Crash-Leidtragenden Max Verstappen feierte Lewis Hamilton seinen Formel-1-Heimsieg mit einer Union-Jack-Fahne vor den englischen Fans.

Der Lokalheld überstand einen Highspeed-Zusammenstoß mit dem Red-Bull-Piloten und verkürzte nach dem Blitz-Aus des immer noch WM-Führenden seinen Rückstand auf nur noch acht Punkte. «Das Heimpublikum ist das Beste», schwärmte Hamilton nach seinem achten Heimsieg, den er trotz einer Zehn-Sekunden-Strafe noch einfuhr. «Das ist ein Traum für mich, es vor euch zu schaffen.»

«200 Prozent gegeben»

Hamilton fing mit einem Hammer-Überholmanöver kurz vor dem Ende sogar noch Ferrari-Fahrer Charles Leclerc ab. «Ich habe nicht 100, sondern 200 Prozent gegeben, es war am Ende aber einfach nicht genug», räumte Leclerc ein. «Lewis hat einen überragenden Job gemacht».

Im England-Chaos vor der XXL-Kulisse von rund 140.000 Fans wurde Hamiltons Teamkollege Valtteri Bottas Dritter. Sebastian Vettel kurvte nach einem selbstverschuldeten Dreher im Hinterfeld herum und musste später seinen Aston Martin wegen eines Defekts vorzeitig abstellen. Mick Schumacher schaffte es nach einer fast 40-minütigen Rennunterbrechung wegen des Verstappen-Hamilton-Unfalls in seinem unterlegenen Haas nur als Letzter ins Ziel.

«Wir geben nie auf», sagte Mercedes-Teamchef Toto Wolff über Funk. «Verdammt richtig», antwortete Hamilton, der später seine Mutter, seinen Vater und Hollywood-Star Tom Cruise überglücklich herzte.

Verstappen nach Crash im Krankenhaus

Verstappen war da längst zur Vorsorge in einem Krankenhaus, um weiter medizinisch betreut zu werden. «Es war hartes Racing von Anfang an», befand Wolff. «Wir sehen einfach zwei Fahrer, die mit dem Messer zwischen den Zähnen kämpfen.» Da seien zwei Spitzenpiloten, «die um die Vorherrschaft kämpfen».

Verstappen sah das anders. «Bin froh, dass es mir gut geht. Ich bin sehr enttäuscht, dass ich so rausgenommen wurde», schrieb er aus dem Krankenhaus in den Sozialen Medien. «Die erteilte Strafe hilft uns nicht weiter und wird der gefährlichen Bewegung, die Lewis auf der Strecke gemacht hat, nicht gerecht. Sich die Feierlichkeiten anzusehen, während man noch im Krankenhaus ist, ist respektloses und unsportliches Verhalten, aber wir machen weiter.»

Nach neun Mercedes-Poles nacheinander hatte Verstappen noch die Silberpfeil-Serie in Silverstone durchbrochen. Mit dem Sieg der Sprint-Premiere über 17 Runden am Samstag sicherte sich der 23-Jährige vor Hamilton zum vierten Mal am Stück die Pole Position und kassierte vorab drei Punkte. Mehr kamen für Verstappen aber nicht hinzu.

«Ich gebe alles», kündigte Hamilton an. Und dann ging es knallhart los! Seite an Seite duellierten sich Verstappen und Hamilton, nachdem die Roten Ampeln erloschen waren.

Nach nur einer Runde krachte es. In der Copse-Kurve, wo ein Tempo von etwa 290 km/h gefahren wird, touchierten sich der Führende Verstappen und Hamilton an den Reifen. Der Niederländer verlor die Kontrolle, schoss vom Asphalt ins Kiesbett und krachte in die Reifenstapel. Er konnte sichtlich mitgenommen aus dem Wagen jedoch selbst wieder aussteigen und winkte danach ins Publikum. «Max ist sehr aggressiv, ich war auf einer Höhe mit ihm in der Situation», meinte Hamilton, «und er hat mir keinen Platz gelassen.»

«Richtig durchgebeutelt»

«Er hat einen Schock und ist richtig durchgebeutelt worden», berichtete Red-Bull-Motorsportberater Helmut Marko. Er bewertete Hamiltons Manöver als «fahrlässiges bis gefährliches Verhalten» und forderte eine Sperre. Verstappens Teamchef Christian Horner schimpfte: «Das ist ein enormer Unfall, und es war zu 100 Prozent die Kurve von Max, Hamilton hätte nie in dieser Position sein dürfen.»

51g hätten bei dem Einschlag geherrscht. Zum Vergleich: In Formel-1-Autos wirken in Kurven bei normaler Fahrt schon mal 5g auf die Piloten. Das Safety Car kam auf die Strecke, anschließend wurde das zehnte Saisonrennen aber unterbrochen. Verstappens Wagen war heftig demoliert, die Unfallstelle musste gesichert werden.

Mit einem stehenden Start ging das Spektakel weiter - diesmal mit Ferrari-Fahrer Leclerc an der Spitze direkt vor Hamilton, dessen Auto bei der Kollision auch beschädigt worden war. Vettel leistete sich prompt einen Fahrfehler, drehte sich von der Strecke und wurde von Platz sechs ans Ende des Feldes zurückgeworfen.

Hamilton musste nun Gas geben, war er doch von den Rennkommissaren mit einer Zehn-Sekunden-Strafe belegt worden. Vor ihm klagte Leclerc mehrmals über Leistungsaussetzer seines Motors. In Runde 28 kam Hamilton an die Box, saß seine Strafe ab und nahm nach 14,2 Sekunden Standzeit wieder die Verfolgung auf. Vettel und Schumacher mühten sich derweil am Ende des Feldes ab.

Leclercs Stopp zwei Runden später lief reibungslos, der Monegasse gab vorne das Tempo vor. Vettel musste seinen Wagen enttäuscht in der Garage abstellen. Hamilton griff vehement an und war auf den letzten Kilometern nochmal dran - und schnappte sich vor Leclerc noch den umjubelten Heimsieg.

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