Glaubt man seinen Worten, ist Markus Eisenbichler gerade vieles «wurscht». Der hochemotionale Skispringer mit dem martialischen Motto «Sieg oder Sarg» schert sich bei der 70. Vierschanzentournee nach eigener Aussage nicht um den medialen Rummel und schon gar nicht um den Gesamtstand beim Traditionsevent.

Als er von einem Journalisten auf seine neue Rolle als deutscher Hoffnungsträger und seine Platzierung angesprochen wurde, antwortete Eisenbichler: «Ich habe jetzt auch das erste Mal erfahren, dass ich Vierter bin. Danke dafür.»

Ob man das dem 30-Jährigen so abkaufen kann, sei mal dahingestellt, doch fährt Eisenbichler mit seiner nach außen eher lockeren Herangehensweise gut. Aus seinem vorweihnachtlichen Formtief hat sich der Dreifach-Weltmeister von 2019 herausgearbeitet und sich beim traditionellen Neujahrsspringen sogar wieder an seinem Freund und Teamkollegen Karl Geiger vorbeigeschoben.

Der Abstand auf Kobayashi ist nicht uneinholbar

«Was er hier geleistet hat, war außergewöhnlich. Er hat sich gut hingearbeitet. Das waren die Eisenbichler-Granatensprünge», beschrieb Bundestrainer Stefan Horngacher das Comeback seines potenziellen Siegathleten, der mit Platz zwei in Garmisch-Partenkirchen sein bislang bestes Saisonergebnis verbuchte. Tatsächlich hat Eisenbichler erst drei Weltcup-Einzel gewonnen, das letzte davon im November 2020. Im Tournee-Gesamtranking liegen Japans Ryoyu Kobayashi, der Norweger Marius Lindvik und Überraschung Lovro Kos aus Slowenien vor ihm. Der Abstand auf Kobayashi ist mit knapp zwölf Metern zwar groß, aber nicht uneinholbar.

Eisenbichler hat bewegte Jahre und ein wildes Auf und Ab hinter sich. In Kurzform: Schwerer Sturz, große Olympia-Enttäuschung als Ersatzmann, Siege, Frust, Titel, Kraftausdrücke und plötzlich deutscher Rekord-Weltmeister. Der Bayer ist einer, mit dem sich das breite Publikum wegen seiner authentischen Art, seines unverstellten und für viele auch unverständlichen Dialekts und der extrem großen Bandbreite der Emotionen identifizieren kann.

«Eisei» gilt als einer der allerbesten Flieger

In diesem Sommer wurde in seiner Heimat Siegsdorf gar feierlich eine Markus-Eisenbichler-Halle errichtet, das Skisprung-Vorbild erhielt einen Generalschlüssel. Doch auch das war für Eisenbichler eigentlich zu viel. «Es ist schon eine große Ehre, aber ich hätte es nicht unbedingt gebraucht», sagte der Skispringer, der auch als weit gereister Spitzensportler seiner Heimat treu geblieben ist. Im weniger stressigen Sommer genießt er gerne die Ruhe an den nahe liegenden Seen oder wandert in den Alpen, die quasi vor seiner Haustür liegen.

Nun also am Dienstag (13.30 Uhr/ZDF und Eurosport) die Rückkehr zum berüchtigten Bergisel in Innsbruck, der Eisenbichler einige Niederlagen, aber auch die wohl größte Gefühlsexplosion seiner Karriere einbrachte. Im Februar 2019 wurde er dort Einzelweltmeister auf der Großschanze. Die Erinnerung daran könnte bei «Eisei», der als einer der allerbesten Flieger gilt, eine weitere Leistungssteigerung auslösen.

«Das Gesamtklassement ist mir extrem wurscht»

Nachdem er in Garmisch-Partenkirchen mit 141 und 143,5 Metern schon hervorragend sprang, wäre dies dann «sein spezieller Markus-Eisenbichler-Düsenflieger-Bereich», wie Coach Horngacher schon vor der Tournee erklärte. Bei Eisenbichler scheinen alle Schwankungen sehr groß zu sein - nicht nur die sportlichen, auch die emotionalen. Vielleicht legt er zurzeit auch deshalb die Mir-egal-Platte auf. «Das Gesamtklassement ist mir extrem wurscht grad mal. Ich muss mich auf meine Sprünge konzentrieren», betonte er immer wieder.

Der Rollentausch mit dem vor Weihnachten überragenden Geiger kommt überraschend. Nach dem Start in 2022 war Eisenbichler auch als Gesprächspartner für den 28 Jahre alten Freund gefragt. «Ihm geht es wieder gut. Er hat schon sehr viele Rückschläge in seiner Karriere bisher gemacht, er lässt sich da nicht unterkriegen», beschrieb Eisenbichler. Das gilt auch für ihn selbst.

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