Zürich

Fußball-WM 2026 bleibt ein großes Politikum

Ginge es nur nach sachlichen Kriterien, stünde der WM-Gastgeber 2026 jetzt praktisch fest. Die amerikanische Dreierbewerbung hat von den WM-Prüfern deutlich bessere Noten bekommen als Marokko. Doch das erste Mammut-Turnier mit 48 Teams bleibt ein großes Politikum.
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Fußball-WM 2026
Die Fußball-WM 2026 findet erstmals mit 48 Mannschaften statt.

Auf 224 Hochglanz-Seiten haben die fünf Prüfer der FIFA eine klare Empfehlung für den Dreierbund aus Mexiko, Kanada und den USA als WM-Gastgeber 2026 gegeben - doch das sportpolitisch hochbrisante Rennen ist auch für Marokko noch nicht vorbei.

Trotz deutlich schlechterer Noten und drei roter Warnbalken für hohe Risiken bei Stadionbau, Hotels und Transport wurden die Nordafrikaner von der Kommission des Fußball-Weltverbandes nicht ausgeschlossen. Sie haben durch den neuen Wahlmodus weiterhin Chancen auf den Zuschlag für das erste Mammut-Turnier mit 48 Mannschaften.

Um kurz vor Mitternacht verschickte die FIFA den mit vielen Schautabellen und Jubel-Bildern der deutschen Weltmeister von 2014 aufbereiteten Bericht. Offenbar war bis in die Nachtstunden um genaue Formulierungen gefeilscht worden - oder war doch sogar ein fußball-politisch heikler Ausschluss Marokkos erwogen worden? Immer wieder war in den vergangenen Wochen kolportiert worden, dass FIFA-Chef und Amerika-Freund Gianni Infantino diesen begrüßen würde.

Nun obliegt es nur noch dem von Infantino angeführten Council, bei seiner Sitzung am 10. Juni eine Kampfabstimmung beider Kandidaturen drei Tage darauf beim Kongress der 211 FIFA-Mitgliedsländer in Moskau zu erlauben oder eben doch zu verhindern. Intensive Diskussionen in dem Gremium sind wahrscheinlich, denn Infantino bekam schon bei der letzten Council-Sitzung im März in Bogota keinen Freifahrtschein für eine Ausschluss-Option.

«Wenn es nur zwei Kandidaten gibt, muss der Kongress die Chance haben, abzustimmen. Wir brauchen keine Gerüchte in einem solchen Prozess», hatte DFB-Chef und Council-Mitglied Reinhard Grindel gesagt. Aus gutem Grund: Nach dem Wahl-Desaster um die korruptionsumwitterten Turniere in wenigen Wochen in Russland und 2022 in Katar hatte sich die FIFA Reformen auferlegt, die einen transparenten und fairen Prozess der WM-Vergabe ermöglichen sollten. Auf diesen hatte Infantino immer wieder verwiesen, wenn Zweifel an seiner Unabhängigkeit laut wurden.

Die Ironie: Gerade diese Reformen könnten nun dafür sorgen, dass der Kandidat mit der schlechtesten technischen Bewertung wie einst Katar den Zuschlag bekommt. Im Kongress, wo außer den Bewerberländern alle 207 FIFA-Mitglieder eine Stimme haben, spielen andere Faktoren eine Rolle als bei den fünf WM-Prüfern um die stellvertretenden FIFA-Generalsekretäre Zvonimir Boban und Marco Villiger, die in den vergangenen Wochen durch die Bewerberländer reisten.

Afrika mit seinen 54 Stimmen soll fast geschlossen hinter Marokko stehen. In der arabischen Welt sorgt die durch provokante Äußerungen gegen mögliche Marokko-Unterstützer angeheizte Politik von US-Präsident Donald Trump für eine klare Opposition gegen das Amerika-Trio. Und auch aus Europa - zum Beispiel aus dem in Fußball-Kreisen weiter einflussreichen Russland - wurden pro-marokkanische Stimmen laut. Es könnte also für 104 Voten reichen.

Der Deutsche Fußball-Bund hatte sich bislang in einer Wahlaussage zurückgehalten. Grindel hatte jedoch auch betont, dass die Ergebnisse der Prüfungskommission entscheidend sein müssen. Dass die Mehrheit der fünf Kommissionsmitglieder auch von Infantinos Gnaden in ihren FIFA-Ämtern sind, bleibt ein Manko der Prüfresultate. Dennoch hat der DFB nun eigentlich keine Option mehr, als dass die deutsche Stimme an Amerika geht. Zu klar sind die Unterschiede in der Gesamtbewertung.

Die Bewerbung aus Nord- und Lateinamerika erreichte vier von fünf möglichen Punkten, Marokko hingegen nur 2,7 Zähler. Die Kommission stellte der Kandidatur der Nordafrikaner bei Stadien, Unterkünften und Transport ein besonders schlechtes Zeugnis aus und stufte diese Bereiche auf einer Skala als «hochriskant» ein. Nur bei sieben der 20 Kriterien wurden die Risiken als gering eingestuft. Die USA und ihre Fußball-Verbündeten bekommen hingegen in 17 Kategorien einen grünen Balken. Und: Die erwarteten WM-Einnahmen sind mit 14,3 Milliarden Dollar praktisch doppelt so hoch wie die aus Marokko prognostizierten.

Die Finanzen dürften ein Hauptgrund für Infantinos Amerika-Präferenz sein. Der FIFA geht es nach den Skandaljahren weiter wirtschaftlich nicht so gut, dass sie satte Milliarden-Gewinne ignorieren könnte. Die WM-Prüfer nennen das in ihrem Bericht ganz deutlich «einen starken Vorteil». Zur Infrastruktur der Nordafrikaner notierten sie: «Der Umfang der für die Marokko-Bewerbung erforderlichen neuen Infrastruktur kann nicht überbewertet werden.»