München

FC Bayern: Mit Rekord in die neue Transfer-Ära

Bayern-Star Lucas Hernández pulverisiert den Transferrekord der Liga. 80 Millionen Euro Ablöse dokumentieren eine neue Ära in der Münchner Personalpolitik. Grundlagen für weitere nationale und internationale Titel sollen gelegt werden. Für Kovac zählt jetzt etwas anderes.
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Lucas Hernández
Wechselt für 80 Millionen Euro zum FC Bayern: Lucas Hernández. Foto: Paul White/AP/dpa

Niko Kovac wiegte den Kopf hin und her. Bei aller Vorfreude auf den 80 Millionen Euro teuren Rekordeinkauf Lucas Hernández wollte der Trainer des FC Bayern lieber nicht zu viel in die Zukunft blicken.

Die kostspieligen Transferaktivitäten für die neue Saison oder mögliche Verkäufe sollen den deutschen Fußball-Rekordmeister beim Kampf um das Double nicht ablenken. «Wir haben jetzt noch einige Zeit in dieser Saison und haben zwei Ziele. Wir wollen deutscher Meister und Pokalsieger werden», sagte Kovac. Das «Wer, Wie, Wo, Was und Warum» für die neue Saison sei erst ab dem 1. Juli relevant.

Bislang haben die Bayern insgesamt 115 Millionen Euro für den Verteidiger von Atlético Madrid und dessen französischen Nationalmannschaftskollegen Benjamin Pavard (VfB Stuttgart) für die neue Saison bezahlt - und die Ausgaben werden weiter steigen. Für den teuersten Umbruch der Club-Historie nimmt der FC Bayern wie nie zuvor Geld von seinem legendären Festgeldkonto. Gut denkbar, dass die Hernández-Bestmarke nicht allzu lange Bestand hat. «Er wird uns auf jeden Fall verstärken», sagte Kovac.

Das Kennenlernen mit dem teuersten Star im Luxus-Ensemble können Kovac & Co. vorziehen. Der 23-Jährige wird nach der laut seines künftigen Trainers «sehr, sehr gut» verlaufenen Knieoperation die Reha in München absolvieren und nicht mehr für Madrid spielen können. «Wenn alles gut läuft, sollte er zum 1. Spieltag fit sein», sagte Kovac über den vierten Franzosen in seinem Team. «Das heißt nicht zwangsläufig, dass er am ersten Trainingstag hier aufschlagen wird.»

Mögliche Zweifel am Fitness-Zustand im Sommer zerstreute wenig später Bayern-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. «Ich kann sagen, dass die OP optimal verlaufen ist», erklärte der langjährige Vereinsdoktor. «Durch den Eingriff wird das vorher beschädigte Innenband wieder voll funktionsfähig. Der Spieler wird dem FC Bayern zum Saisonstart zur Verfügung stehen», wurde Müller-Wohlfahrt zitiert.

Wer kommt bis dahin noch? Wer geht? All diese Fragen werden die Münchner in den letzten Wochen der Saison und darüber hinaus weiter beschäftigen. «Die extrem solide und kerngesunde finanzielle Lage des FC Bayern lässt ausreichend Spielraum für Veränderungen am Kader», hatte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge schon vor dem Start der Shoppingtour verkündet. Der Fünfjahresvertrag für Hernández bis zum 30. Juni 2024 und ein geschätztes Jahressalär im zweistelligen Millionenbereich dürften das Gesamtvolumen des Transfers auf deutlich über 150 Millionen steigen lassen.

Schmerzgrenzen, das ließ Uli Hoeneß bei seinem Auftritt vor wenigen Wochen bei Sport1 vor dem Achtelfinal-Aus in der Champions League gegen den FC Liverpool durchblicken, gibt es keine nominellen für den Bundesliga-Krösus. Wirtschaftlich unvernünftige Dinge werden die Münchner im Wettrüsten von Europas Elite nicht machen. Aber eine neue Bayern-Ära auf dem Transfermarkt ist längst eingeleitet. Wenngleich auch schon die 40 Millionen Euro für Javi Martínez im Sommer 2012 in einem weniger erhitzten Marktumfeld eine besondere Marke waren. Teurer war bis zum Mittwoch beim FC Bayern nur Corentin Tolisso vor der Saison 2017/18 für 41,5 Millionen Euro.

«Jeder Club hat seine eigene Transferpolitik», sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc zurückhaltend über die Transferaktivitäten des punktgleichen Bundesliga-Tabellenführers. Beim von Hoeneß angekündigtem «größten Investitionsprogramm» war öffentlich über 200 Millionen Euro Gesamtablöse spekuliert worden. Wird es am Ende noch mehr? In der Bundesliga, in der die Münchner nach sechs Meistertiteln am Stück in dieser Saison wieder ernsthaft Konkurrenz durch den BVB haben, sind die bayerischen Summen längst eine eigene Klasse.

«Das sind Zahlen, die für uns utopisch sind. Davon können wir in Mönchengladbach nur träumen», sagte Borussia Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl. Im internationalen Vergleich ist der Betrag angesichts eines angeblichen Wunschzettels von Manchester United von irren 445 Millionen Euro bei weitem nicht die größte Nummer. «Das ist eine gewaltige Summe, pfui Teufel. Was ein Fußballspieler wert ist, hat wenig mit der Realität des Lebens zu tun», sagte Hannovers Manager Horst Heldt. «Wir stoßen da auch hier in der Bundesliga in Dimensionen vor, in denen andere Clubs schon längst sind. Das ist ein Markt, der sich entwickelt hat.»

Das gilt auch für die Einnahmemöglichkeiten. Bei Mega-Talent Kai Havertz ist Leverkusen angeblich erst ab 100 Millionen Euro verhandlungsbereit; kommentieren mochte das der Werksclub nicht. Der 19-Jährige, dessen Vertrag bei Bayer bis 2022 läuft, steht bei Europas Topclubs im Fokus. Er könnte auch zu einer Zukunftslösung für die Münchner werden. Dasselbe gilt für Leipzigs Timo Werner (23), der sich selbst ins Schaufenster stellte. Nur in diesem Sommer würden die Sachsen für den Nationalstürmer noch eine Ablöse kassieren.

Das intensive Münchner Werben um Chelsea-Teenie Callum Hudson-Odoi (18) ist noch nicht vom Erfolg gekrönt; Geduld und viele Millionen sind gefragt. Mindestens 30 Millionen Euro haben die Münchner geboten. Chelsea will den Nationalspieler mit einem Vertrag bis 2020 nicht im Sommer ziehen lassen. Der Name von Nicolas Pépé (23) vom OSC Lille fiel auch schon, doch ob der Ivorer die Münchner international auf dem Flügel weiter bringt, ist fraglich. Sturmjuwel Jann-Fiete Arp, der spätestens zum 1. Juli 2020 vom Hamburger SV kommt, kostet als 19-Jähriger drei Millionen Euro.

Hernández kann wie Pavard außen und innen in der Abwehr spielen. Niklas Süle (23) ist als Bayern-Innenverteidiger der Mann für die Zukunft, die neuen Verteidigerkollegen könnten das Kalkül von Jérôme Boateng (30) und Mats Hummels (30) beeinflussen. Boateng wäre fast schon vor dieser Saison zu Paris Saint Germain gewechselt. Kovac wollte seine Gedankenspiele zu diesem Thema nicht verraten. Für ihn zählt ein Sieg beim kommenden Spiel in Freiburg - auch als Vorbereitung für den BVB: «Wir wollen als Tabellenführer in das Spiel gegen Dortmund gehen und dann hat Deutschland das, was man sich immer erhofft: einen Clásico auf Augenhöhe.»