Der strahlende Matchwinner Robin Gosens feierte wie seine glücklichen Kollegen mit Freunden und Familie nach einer Ehrenrunde einen «magischen» Abend.

Die Fans sangen lange nicht gehörte Lieder. «Oh, wie ist das schön», schallte bei der ersten deutschen EM-Party durch die Münchner Arena. Der sichtlich gelöste Joachim Löw wollte in den großen Jubelchor aber trotz der mit dem ersehnten Powerfußball gewonnenen «Nervenschlacht» nicht gleich einstimmen.

«Mit dem Sieg sind wir im Turnier angekommen. Jetzt kommen die nächsten Aufgaben - und die sind nicht weniger schwierig», sagte der Bundestrainer nach dem 4:2 (2:1) gegen den zum vierten Mal in seiner Ära entzauberten Lieblingsgegner Portugal.

Erleichterter Bundestrainer

Lässig, mit weit aufgeknöpftem blauen Hemd saß Löw am Abend in der Pressekonferenz. Die Erleichterung, mit Personal und Taktik mal wieder alles richtig gemacht zu haben, war dem 61-Jährigen anzumerken. Bei seinem letzten Turnier weiß Löw aber genau. «Wir müssen Schritt für Schritt gehen», sagte er und blickte schon auf den nächsten «unbequemen Gegner Ungarn».

Durch den erzwungen Eigentor-Doppelpack von Rúben Dias (35. Minute) und Raphael Guerreiro (39.) sowie die Treffer von Kai Havertz (51.) und dem an allen vier Toren beteiligten Turnierneuling Gosens (60.) ist die Drohkulisse eines frühen Turnier-K.o. und eines bitteren Endes der Ära von Bundestrainer Löw plötzlich wie weggeblasen.

Noch Chancen auf den Gruppensieg

Trotz der Tor-Premiere von Cristiano Ronaldo (15.) gegen Deutschland und dem Treffer von Diogo Jota (67.) kann die DFB-Elf sogar den ersten Platz in der Hammergruppe F noch schaffen. Die befürchtete Rechnerei um Gruppenkonstellationen und den rettenden dritten Rang kann man sich aus eigener Kraft ersparen. Mit einem Remis ist man sicher weiter, das war am späten Abend nach dem 1:1 zwischen Spanien und Polen in der Gruppe E klar. Ronaldo hingegen muss nach seiner fünften Niederlage gegen Deutschland wieder zittern.

Die deutschen Spieler genossen die lange nicht erlebten Huldigungen der zurückgewonnen Fans. «Wenn man so gute offensive Szenen hat, dann kocht der Kessel», sagte Thomas Müller bei Magenta TV. «Jetzt haben wir die drei Punkte, die wir unbedingt benötigt haben. Jetzt dürfen nicht überdrehen. Man darf so eine kleine Euphorie auch ein bissschen spüren, aber wir müssen auch sachlich bleiben.»

Keine «dramatischen» Verletzungen

Leichte Entwarnung konnte Löw nach den Auswechslungen geben. «Wir hatten plötzlich einige Meldungen, Spieler mit kleineren Problemen», sagte Löw: «Ich glaube aber, dass es nichts Dramatisches ist. Wenn alles gut läuft, wird man das schon auch wieder hinkriegen bis nächste Woche.» Gosens hatte Probleme mit den Adduktoren, Innenverteidiger Mats Hummels mit dem Knie. Bei Ilkay Gündogan waren es muskuläre Probleme an der Wade. Bis kommende Woche sei mit einer ausreichenden Genesung zu rechnen.

Torschütze Kai Havertz sagte, «es war wichtig für uns, dass wir nach dem verlorenen Spiel gegen Frankreich nicht alles über den Haufen werfen, sondern bei unserer Linie bleiben. Wir vertrauen dem Trainer, wir vertrauen dem System.»

Vertrauen in die Frankreich-Elf

Löw dirigierte engagiert an der Seitenlinie. Sein Startelfpersonal hatte er trotz der Enttäuschung gegen Frankreich unverändert gelassen. Und Löw wirkte gleich nach dem Anpfiff zufrieden. Die Abstimmung funktionierte besser. Havertz, der mit Müller und Gnabry immer wieder die Positionen tauschte, prüfte den portugiesischen Torwart Rui Patrício (10.), ein Schuss von Toni Kroos wurde von Rúben Dias geblockt (12.). Portugal stand mächtig unter Druck - dem Europameister reichte aber ein Moment. Nach einer deutschen Ecke schalteten Ronaldo und Co. blitzschnell um und konterten gnadenlos. Ronaldo vollendete erzielte sein 19. Tor bei Welt- und Europameisterschaften und schloss zu Rekordhalter Miroslav Klose auf.

Das erste deutsche Turniertor leitete Kimmich über die viel diskutierte rechte Seite mit einem starken Ball auf Gosens ein, der mit Wucht und dem von Löw geforderten Mut direkt in die Mitte weiterleitete. Dort zwang Havertz Gegenspieler Rúben Dias mit gutem Körpereinsatz zum Eigentor.

Die Führung erzwang die DFB-Auswahl durch erneut starkes Nachsetzen. Kimmich spielte den entscheidenden Ball aus kurzer Distanz vor das portugiesische Tor, den der Dortmunder Guerreiro nur noch ins eigene Tor abwehren konnte. Das dritte Tor für Deutschland nach starker Angriffskombination brachte noch mehr Sicherheit. Gosens wurde auf der linken Seite von den Portugiesen allein gelassen, die wieder gute Hereingabe des Italien-Profis verwertete Havertz zum ersten selbst erzielten Treffer der DFB-Auswahl.

Gosens trumpft groß auf

Gosens krönte seine Glanzleistung in München per Kopf. Bei der Flanke von Kimmich schien wieder kein Portugiese den 26-Jährigen auf der Rechnung zu haben. Bei seiner Auswechslung kurz darauf wurde Gosens verdient gefeiert, der Nationalspieler verneigte sich sogar kurz, die Fans riefen im Gegenzug lautstark seinen Namen.

Diogo Jota ließ die Portugal-Fans im Stadion nach artistischer Vorlage von Ronaldo zumindest wieder ein bisschen hoffen. Renato Sanches traf gut zehn Minuten vor Schluss aus 25 Metern den Pfosten (78.). Zuvor war der vor der EM angeschlagene Leon Goretzka zu seinem kurzen, aber guten Turnierdebüt gekommen. Er kam für Havertz (73.) und zielte wenig später nur knapp über das Tor (84.).

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