Ein Ende der Rekordjagd von Eishockey-Topstar Leon Draisaitl ist nicht in Sicht. Mit dem nächsten Meilenstein seiner NHL-Karriere verblüfft Deutschlands Sportler des Jahres 2020 einmal mehr Fans und Fachwelt.

Beim 6:1 der Edmonton Oilers bei den Winnipeg Jets löste der 25 Jahre alte Kölner eine andere Ikone als erfolgreichsten deutschen Spieler in der weltbesten Liga NHL ab: Marco Sturm. «Wir hatten einige große Spieler aus Deutschland und diese Liste anzuführen ist etwas Besonderes für mich. Ich bin stolz darauf und das ist eine große Ehre», sagte Draisaitl, der in der vergangenen Saison Top-Scorer und wertvollsten Spieler (MVP) der nordamerikanischen Profiliga geworden war.

Sein 4:0 und seine vorherige Tor-Vorlage zu Alex Chiassons 1:0 ließ Draisaitls Punktewert in all seinen bisherigen 468 Spielen auf 488 ansteigen. Der frühere Bundestrainer Sturm kam in seiner NHL-Karriere bis 2012 auf 487 Punkte - aber in 938 Partien. «Das war nur eine Frage der Zeit», sagte Sturm, der nun im Trainerteam der Los Angeles Kings arbeitet, der Deutschen Presse-Agentur. «Die Frage ist, glaube ich: Wird es jemals noch mal so einen deutschen Spieler geben wie Leon Draisaitl? Die Art und Weise, wie er spielt und die Punkte macht, das ist schwer zu toppen. Das ist nur der Anfang für ihn, er wird denke ich noch einige Rekorde schaffen in seiner Karriere.»

Die Geschwindigkeit, mit der Draisaitl den Rekord übernahm, nötigte auch seinem Sturmpartner Connor McDavid großen Respekt ab. «Sich bewusst zu machen, dass er in dem jungen Alter schon der beste deutsche Scorer in dieser Liga ist, ist etwas ziemlich Besonderes», sagte der Oilers-Kapitän, der als einziger Spieler in der NHL mit 81 Punkten aktuell in der Scorerliste vor Draisaitl (66) liegt. «Leon ist offensichtlich ein sehr respektierter Spieler in dieser Liga und weithin anerkannt als einer der besten Spieler der Welt.»

Das Besondere an Draisaitl: Der 25 Jährige wird von Jahr zu Jahr besser und packt in jeder Saison eine neue Facette zu einem Gesamtpaket hinzu. Dies beeindruckt nicht nur Bundestrainer und Sturm-Nachfolger Toni Söderholm nachhaltig. «Wenn man sich seine spielerische Entwicklung anschaut, ist es unstrittig, dass er immer besser und besser wird», sagte Söderholm der dpa. «Er ist ein sehr zielgerichteter Spieler, der mit viel Ehrgeiz spielt. Er bremst nicht, wenn Hürden da sind. Er will Führungsspieler sein bei einer Mannschaft, die die Meisterschaft gewinnen kann.»

Bei der WM 2019 in der Slowakei hatte Söderholm für Aufregung gesorgt, als er bemerkte, dass auch Draisaitl sich noch verbessern könne - etwa bei der Defensivarbeit. Eine Binse eigentlich angesichts dessen Offensivpower. Dennoch schlug dies seinerzeit hohe Wellen. Nach seiner beeindruckenden vergangenen 110-Punkte-Saison fällt in dieser Spielzeit eine in Fachkreisen viel beachtete Statistik ins Auge: Der sogenannte Plus/Minus-Wert. Dabei wird die Differenz von Treffern und Gegentoren eines Teams angegeben, bei denen ein Spieler auf dem Eis war. In Draisaitls NHL-Karriere seit 2014 war der Wert oft negativ, in der herausragenden vergangenen Saison lag er etwa bei -7. In dieser Spielzeit liegt er aktuell bei 27 - plus wohlgemerkt.

«Vielleicht spielt da auch eine Erfahrung eine Rolle», unkte Söderholm. «Leon übernimmt in dieser Saison noch mehr Verantwortung im Spiel, das ganze Team der Edmonton Oilers spielt noch verantwortungsvoller als in der letzten Saison.» Das lässt auch bei Draisaitl Hoffnungen auf sein größtes Sehnsuchts-Ziel wachsen: Den Stanley Cup. Aktuell liegt Edmonton klar auf Playoff-Kurs, weshalb Söderholm bei der WM in Riga (21. Mai bis 6. Juni) ohne seinen besten Spieler und dessen Teamkollegen Dominik Kahun auskommen müssen.

Das soll sich bei Olympia Anfang 2022 in Peking ändern, wenn wieder NHL-Cracks mitwirken könnten. Anders als in den vergangenen 25 Jahren würde Deutschland damit nicht automatisch zum großen Außenseiter. Neben den Weltklasse-Spielern Draisaitl und Torhüter Philipp Grubauer (Colorado) sowie NHL-Top-Neuling Tim Stützle (Ottawa) könnte Söderholm dann fast sein gesamtes Aufgebot mit Übersee-Spielern bestücken. Das beeindruckt selbst den Kanadier McDavid: «Mit Stützle so hoch im Draft und einigen anderen deutschen Jungs würde ich sagen, dass die Zukunft des deutschen Eishockeys ziemlich rosig aussieht.»

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