Die Leidensmiene von Lucien Favre bei der Aufzählung der vielen verletzten Dortmunder Profis, die beim Gruppenfinale der Borussia in der Champions League am Dienstag (18.55 Uhr/DAZN) bei Zenit St. Petersburg fehlen, verriet mehr als tausend Worte.

Von Vorfreude auf die Reise in den russischen Winter war wenig zu spüren. Zum Verdruss des Fußball-Lehrers fordert die anhaltende Terminhatz ihren Tribut. Gleich neun Spieler blieben daheim. Gleichwohl nahm Sportdirektor Michael Zorc den Rumpfkader in die Pflicht. «Unsere Ambition muss es sein, dort zu gewinnen. Egal mit welchem Team wir spielen. Wir sind Tabellenerster, das wollen wir bleiben», mahnte Zorc.

Neben Erling Haaland, Thomas Meunier (beide Muskelfaserriss), Reinier (Corona-Infektion) und Marcel Schmelzer (Reha nach Knie-Operation) werden auch Thomas Delaney (Rückenprobleme), Raphael Guerreiro (muskuläre Probleme), Manuel Akanji (Knieprobleme), Mahmoud Dahoud (krank) und Mateu Morey (muskuläre Probleme) fehlen. Trotz der vielen Ausfälle hofft Trainer Favre auf einen erfolgreichen Abschluss der Vorrunde: «Wichtig ist, dass wir bereits für das Achtelfinale qualifiziert sind. Natürlich wollen wir jetzt auch die Gruppe gewinnen.»

Ein Erfolg würde nicht nur in Corona-Zeiten besonders wichtige Zusatzeinnahmen in Höhe von 2,7 Millionen Euro bescheren, sondern auch die Ausgangslage für die Auslosung am 14. Dezember verbessern. Schließlich träfe der BVB als Tabellenerster auf einen Gruppenzweiten und hätte im zweiten Duell Heimrecht. «Schwierig wird es im Achtelfinale sowieso immer, aber der Gruppensieg kann schon ein Vorteil sein», sagte Zorc. Angesichts des verlorenen direkten Duells mit Verfolger Lazio Rom (9 Punkte) darf der BVB (10) beim Schlusslicht St. Petersburg (1) nicht schlechter abschneiden als die Italiener im Heimduell mit dem FC Brügge (7).

Ein Erfolgserlebnis könnte zudem Mut für die weiteren vier Pflichtspiele in diesem Jahr machen. Nach zuletzt drei mäßigen Auftritten ohne Sieg gegen den 1. FC Köln (1:2), Lazio Rom (1:1) und Eintracht Frankfurt (1:1) scheint die Mannschaft aus dem Tritt. «Wir müssen noch mal versuchen, in diesen Spielen bis Weihnachten zu performen. Klar ist das manchmal bei so vielen Terminen nicht einfach. Aber wir müssen uns da durchbeißen und können es nicht ändern», kommentierte Nationalspieler Emre Can.

Vor allem der Ausfall von Torjäger Haaland hat die Statik des Teams verschlechtert. Langsam aber sicher reift auch bei Trainer Favre die Erkenntnis, dass die Borussia mit den von ihm als Haaland-Ersatz favorisierten Profis Julian Brandt oder Marco Reus erheblich an Schlagkraft verliert, weil es an Läufen in die Tiefe mangelt.

Dieses Manko könnte eher Youssoufa Moukoko beheben. Deshalb ist nicht auszuschließen, dass der Jungstar in St. Petersburg sein Champions-League-Debüt feiert. Er wäre damit mit einem Alter von 16 Jahren und 18 Tagen der jüngste jemals in der Königsklasse eingesetzte Profi. Für einen ähnlichen Rekord hatte er unlängst auch in der Bundesliga gesorgt.

Um das Risiko zu minimieren, sich mit dem Coronavirus anzustecken, wurde die Reisedauer verkürzt. So fanden das Abschlusstraining und die vor solchen Spielen obligatorische Pressekonferenz nicht in St. Petersburg, sondern noch in Dortmund statt. Erst am Montagnachmittag machte sich das Team auf den Weg. Der Rückflug soll noch in der Nacht direkt nach dem Spiel erfolgen. Immerhin ein Aspekt könnte die Vorfreude auf das Duell steigern. Anders als in Deutschland soll die Partie mit Zuschauern ausgetragen werden. Beim letzten Champions-League-Heimspiel der Russen gegen Lazio Rom (1:1) waren über 17.000 Fans dabei.

Voraussichtliche Aufstellungen:

Zenit St. Petersburg: Kerschakow - Sutormin, Proghin, Rakizki, Schirkow - Barrios, Osdoew - Kuzjaew, Azmoun, Malcom - Dsjuba

Borussia Dortmund: Bürki - Can, Hummels, Zagadou - Passlack, Bellingham, Witsel, Schulz - Sancho, Reus - Hazard

Schiedsrichter: Kovács (Rumänien)

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