Die Wut über einen FC Barcelona ohne Lionel Messi entlud sich noch in der Nacht. Entsetzte Fans der Katalanen zogen in ihren rot-blauen Trikots vor das Camp Nou und forderten lautstark den Rücktritt von Club-Präsident Josep Bartomeu.

Dass Messi nach 20 Jahren den Verein verlassen will, in dem er zum sechsmaligen Weltfußballer und für manche zum «Größten aller Zeiten» gereift ist, trifft die Barça-Anhänger nach einer sportlich maßlos enttäuschenden Saison ohne Titel mitten ins Herz. Und es droht sogar ein richtig ein schmutziges Ende.

«Leo Messi hat dem Club gerade mitgeteilt, dass er den Verein verlassen will, dass er sich im Camp Nou nicht mehr wohl fühlt, das von klein auf sein Kindergarten war - und das ist schlimmer als jedes 2:8», schrieb die Sportzeitung «Marca» in Anspielung auf die brutale Viertelfinal-Niederlage in der Champions League gegen den FC Bayern. «Alles endet wie eine Träne im Regen. Weder Messi noch der Fußball haben ein solches Ende verdient», schrieb «As». Eine «Chronik einer angekündigten Scheidung», meinte «Mundo Deportivo».

Und Messi? Noch hat sich der Argentinier, der mit Barcelona so viele Titel gewonnen hat und Vorbild von Millionen ist, nicht persönlich geäußert. Dass er intern mit einer Art dringlichem Einschreiben die Absicht zum Abschied geäußert hat, bestätigte der FC Barcelona. Der Technische Direktor Ramón Planes machte jedoch deutlich, dass sich der Club damit nicht abfinden will: «Wir möchten einen Neuaufbau für die Zukunft mit dem besten Spieler der Geschichte. Wir müssen enormen Respekt für Messi zeigen, weil er der beste Spieler auf der Welt ist», sagte Planes. Es dürfe keinen Streit zwischen Messi und dem FC Barcelona geben, weil dies niemand verdient habe.

Ein Grund für Messis Entscheidung soll der neue Trainer Ronald Koeman sein. Nach seinem Amtsantritt soll der 57 Jahre alte Niederländer im Gespräch mit dem Superstar dessen Sonderstellung in Frage gestellt haben. «Ich werde unflexibel sein, man muss an das Team denken», soll der von Bartomeu geholte Koeman gesagt haben. Zudem stehen weitere Stars, etwa Messis Sturmpartner Luis Suaréz, auf der Liste der Spieler, die der neue Coach nicht mehr haben will. Messi, der auch im Zuge der Coronakrise wegen der Gehaltskürzungen mit Bartomeu aneinandergeraten war, soll das zu der Entscheidung getrieben haben, sofort zu gehen. Gratis.

Eine Klausel im eigentlich bis 2021 laufenden Vertrag soll es möglich machen, allerdings hätte die wohl irgendwann im Juni gezogen werden müssen. Da war die Saison durch die Corona-Pause aber für Barcelona noch nicht beendet. Über vertragliche Dinge denke man nicht nach, weil man wolle, dass Messi bleibt, betonte Planes. So könnte es nun zu einem fiesen Nachspiel kommen.

«Totaler Krieg!» schrieb die katalanische Zeitung «Sport» auf ihrer Titelseite in großen Lettern: «Barça wird vom Krieg Messi gegen Bartomeu bereits kaputt gemacht.» Dem Club werde aber am Ende nichts anderes übrig bleiben, als Messi ziehen zu lassen. Zwar nicht gratis, aber für einen Preis deutlich unter der festgeschriebenen Ablösesumme von 700 Millionen Euro, befand das Blatt.

Die Zeiten, in denen die Katalanen üppig Geld ausgeben konnten, sind vorbei. Eine Erneuerung der auch in die Jahre gekommenen Mannschaft kostet aber Geld. Millionen durch Messi könnten da weiterhelfen. Und Interessenten werden seit längerem gehandelt. «Sicher würde jeder Verein auf der Welt die Gelegenheit nutzen», schrieb die britische BBC. Aber «realistisch gesehen haben nur wenige Kandidaten die Chance». Allen voran fallen immer wieder die Namen von Manchester City, Paris Saint-Germain und Inter Mailand.

Für alle drei gibt es Argumente, allen gemein ist: Sie hätten das Geld, sei es aus Abu Dhabi (Manchester), Katar (Paris) oder China (Mailand). Bei den Citizens käme es zudem zur Wiedervereinigung mit Coach Pep Guardiola und auch Sergio Agüero, bei der argentinischen Nationalmannschaft Dauerzimmernachbar von Messi. Auf ein Rendezvous in Paris, beim Club des deutschen Trainers Thomas Tuchel, würde sich Messis ehemaliger Sturmpartner Neymar freuen. Die französische «L'Équipe» allerdings schrieb schon, die PSG-Verantwortlichen befänden einen Transfer für «unmöglich». In Mailand soll Messis Vater Berichten zufolge schon ein Anwesen gekauft haben.

Zuspruch bekam Messi von alten Weggefährten und Freunden. «Wow!! Ein weiterer historischer Moment!!!», twitterte Luis Figo, einst bei Barcelona und beim Erzrivalen Real Madrid einer der großen Stars. «Respekt und Bewunderung, Leo. Meine ganze Unterstützung, mein Freund», schrieb Barça-Ikone Carles Puyol.

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