In einer gutklassigen Partie verlor das von Bundestrainer Jörg Roßkopf nominierte Trio Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov und Patrick Baum den mit großer Spannung erwarteten Showdown der besten beiden Teams der Welt klar mit 0:3. China holte zum 18. Mal Gold, die DTTB-Herren trösteten sich nach einem grandiosen Turnier mit Silber und der Aussicht auf eine baldiges Wiedersehen bei Olympia.

«Wir müssen noch einen Tick aggressiver spielen und an der Schlaghärte arbeiten. Es bleibt unser Ziel, näher an die Chinesen heranzurücken», sagte Rekord-Europameister Boll. Ihm und dem EM-Zweiten Baum gelangen zumindest Satzgewinne. «Wir hatten in jedem Einzel Chancen, die Chinesen mussten alles zeigen. Ich habe großen Respekt vor meiner Mannschaft», urteilte Roßkopf. «In London wollen wir unsere kleine Chance nutzen.» DTTB-Ehrenpräsident Hans Wilhelm Gäb war von Chinas Assen beeindruckt: «Silber ist großartig, der Titel ist eine Illusion.»

Auch bei den Damen siegte China. Das 3:0 gegen Titelverteidiger Singapur war eine Revanche für die Niederlage 2010 und zugleich der 123. WM-Titel für die chinesischen Damen und Herren. Den ersten hatte Rong Guotuan 1959 in Dortmund im Herren-Einzel geholt. Dabei sollte der «Geist von Dortmund» eigentlich zu den Herren des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) zurückkehren. Das Finale gegen China weckte Erinnerungen an die Weltmeisterschaft 1989 an gleicher Stelle. Damals hatten Jörg Roßkopf/Steffen Fetzner völlig unerwartet den WM-Titel in Doppel gewonnen und damit für kurze Zeit einen Boom ausgelöst.

23 Jahre später hatte der Trainer Roßkopf, den der DTTB unbedingt weiter verpflichten möchte, den fünffachen Team-Europameister trotz nicht optimaler Bedingungen glänzend auf die Heim-WM vorbereitet. «Die Lehrgänge waren kurz und knackig», berichtete Shooting-Star Ovtcharov. Auf dem Weg in das Endspiel hatten die Gastgeber in sieben Partien nur ein Einzel verloren. Die Niederlage von Patrick Baum (Düsseldorf) beim 3:1 im Halbfinale gegen Japan tat nicht weh.

China marschierte sogar mit sieben 3:0-Siegen ins Endspiel. «Bei denen ist ein mehrfacher Weltmeister nur Trainingspartner. Wir müssen alle über uns hinauswachsen, wenn wir eine Chance haben wollen», erklärte Roßkopf. Seine Mannschaft, die in ähnlicher Aufstellung 2006 im Bremer WM-Halbfinale, 2008 im Olympia-Endspiel in Peking sowie vor zwei Jahren in Moskau gegen die Chinesen das Nachsehen hatte, konnte das Starensemble aus dem Reich der Mitte erneut nicht bremsen.

Der WM-Dritte Boll hatte im Auftakteinzel gegen Weltmeister Zhang Jike einen schweren Stand. In der Wiederholung des Halbfinales der Einzel-WM 2011 in Rotterdam lag der 31 Jahre alte Linkshänder schnell mit 0:2-Sätzen zurück. Boll glich unter tosendem Beifall aus, geriet aber im fünften Durchgang aussichtslos mit 0:6 in Rückstand. «Er ist mental, technisch und physisch gut», urteilte der deutsche Ausnahmespieler über den Weltmeister.

Ovtcharov kassierte gegen den Weltranglisten-Ersten Ma Long ein 0:3. «Ich war etwas enttäuscht über meine Vorstellung», erklärte der Europa-Top-12-Sieger. Er verspielte eine komfortable Führung im zweiten Satz. Auch der EM-Zweite Baum hielt an Position drei gegen Wang Hao gut mit. Er gewann sogar den ersten Satz, ehe die Nummer drei der Welt einen Gang zulegte und den Favoritensieg unter Dach und Fach brachte.

Trotz der Niederlage war der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) mit dem Auftritt von Boll und Co. zufrieden. Die sportliche Leitung gab sich kämpferisch. «Das ist die beste deutsche Mannschaft, die es jemals gab. Sie hat chinesische Dimensionen. Das gibt uns ein gutes Gefühl für Olympia», erklärte Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig. In London soll der nächste Anlauf gegen die scheinbar unbezwingbare chinesische Mauer erfolgen. Zuletzt hatten die Asiaten vor zwölf Jahren das WM-Finale in Kuala Lumpur gegen Schweden verloren.

Im Schatten des WM-Zweiten beendeten die DTTB-Damen die WM nach einem 3:2 gegen Polen auf Platz sieben. Die Auswahl der neuen Bundestrainerin Jie Schöpp konnte erwartungsgemäß den dritten Rang von Moskau 2010 nicht wiederholen, zeigte aber beim 2:3-Drama gegen Titelverteidiger Singapur eine Weltklasse-Leistung. «Die Platzierung ist schlechter, die Leistungen sind besser geworden», bilanzierte Schimmelpfennig. «Ich bin sehr zufrieden und froh über das WM-Ende. Ich will auch mal wieder acht Stunden schlafen können», sagte Schöpp.