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Lamatsch: Videobeweis ist "perfektionistisch überzogen"

Schiedsrichter Gerd Lamatsch ist der Meinung, dass beim "Video Assistant Referee" nachjustiert werden sollte.
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Bemüht der Schiedsrichter den Videobeweis - wie hier jüngst Benjamin Cortus im Rudolf-Harbig-Stadion beim 1:1 zwischen Dresden und Sandhausen in der 2. Liga, dann verhagelt diese Maßnahme oft die Stimmung von Spielern und Zuschauern. Foto: Robert Michael/dpa
Bemüht der Schiedsrichter den Videobeweis - wie hier jüngst Benjamin Cortus im Rudolf-Harbig-Stadion beim 1:1 zwischen Dresden und Sandhausen in der 2. Liga, dann verhagelt diese Maßnahme oft die Stimmung von Spielern und Zuschauern. Foto: Robert Michael/dpa
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Er sollte den Profifußball objektiver und gerechter machen. Doch selbst zwei Jahre nach Einführung des Videobeweises lässt die Kritik am "Video Assistant Referee" - kurz VAR genannt - nicht nach. Woche für Woche ist das elektronische Hilfsmittel, das geschulte Menschen im sogenannten "Kölner Keller" bedienen, Gegenstand von zahlreichen Diskussionen - und das nicht nur bei den Fans in der Arena oder den Betrachtern an den TV-Bildschirmen. Spieler, Trainer, Vereinsoffizielle: Sie alle hadern seit Beginn der elektronischen Parallelwelt, in der es weniger Fehler geben sollte, mit dem Einsatz des VAR, "der die Einheit des Ortes aufhebt", wie der Aufsichtsratsvorsitzende des 1. FC Nürnberg, Thomas Grethlein, erkannt hat.

In den Chor der Kritiker eingereiht haben sich nun auch der UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und einer der deutschen Top-Schiedsrichter, Manuel Gräfe. Ceferin würde gerne mehr Spielraum bei der Abseitsregel sehen, weil es doch nicht sein könne, dass eine "lange Nase" dazu führe, dass man sich im Abseits befinde. Gemünzt war Ceferins Vergleich auf die vermeintlich exakt festgelegte kalibrierte Linie, die sich bei Entscheidungen im Zentimeterbereich so unerbittlich zeigt. Gräfe verortet das Hauptproblem der Unzufriedenheit bei den "inflationären Eingriffen", wie er gegenüber der Süddeutschen Zeitung bekannte. Weil der VAR längst nicht mehr nur bei faktischen Entscheidungen eingreift, sondern auch bei interpretierbaren - was Grethlein ebenfalls in der SZ moniert hatte.

Angesichts der Aufreger plädiert Gerd Lamatsch (60) dafür, den VAR auf den Prüfstand zu stellen - und ihn mit weniger Befugnissen auszustatten. Welche Vorschläge der ehemalige Assistent der deutschen Spitzen-Referees Franz-Xaver Wack und Wolfgang Stark ins Spiel bringt, erläutert er nicht nur in seinem Buch "Keller-Schiri - Der Weg zum Videobeweis", sondern auch gegenüber unserer Zeitung. Zudem spricht sich Lamatsch, der noch heute in unteren Ligen pfeift und auf seine Erfahrung aus rund 1850 Begegnungen zurückgreifen kann, für die Einführung der Netto-Spielzeit aus. Wir sprachen mit ihm.

Herr Lamatsch, was missfällt Ihnen am Einsatz des VAR und was für einen konstruktiven Lösungsansatz gäbe es aus Ihrer Sicht?

Gerd Lamatsch: Vorwegschicken möchte ich, dass ich stets ein Befürworter des Video-Einsatzes war. Und ich habe damals bei der Einführung gedacht, dass der VAR ein Erfolg werden muss. Jetzt habe ich aber festgestellt, dass es auch nach zwei Jahren nicht so rund läuft, wie man sich das vorgestellt hat. Zwar spricht die Statistik dafür, dass klare Fehlentscheidungen zum Großteil revidiert und korrigiert werden - was zu mehr Gerechtigkeit führt. Auf der anderen Seite gibt es viele Punkte, die nicht nur die Fans nerven.

Welche sind das?

Beispielsweise der Torjubel: Man weiß als Spieler in bestimmten Situationen nicht mehr, ob der Treffer zählt. Zudem beklagen sich die Vereine, dass sie nicht mehr wissen, wann der VAR eingreift und wann nicht. Meiner Meinung nach ist das Ganze etwas überzogen. Deswegen wäre mein Vorschlag, das Rad wieder ein bisschen zurückzudrehen - und dann können wir beiden Seiten, der Gerechtigkeit und den Emotionen, gerecht werden.

Gibt es im Fußball überhaupt so etwas wie Gerechtigkeit?

Durch das VAR gibt es mehr gerechte Entscheidungen. Aus Vereinssicht und aus Sicht der Schiedsrichter wäre es mir schon recht, wenn klare Fehler vermieden werden. Und das war schließlich der Hauptgrund für die Einführung des Videobeweises. Jetzt haben wir allerdings das ganze System etwas perfektionistisch überzogen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie denn, um gegenzusteuern?

Der erste und wichtigste Punkt ist: Wann wird eingegriffen und wann nicht? Im Übrigen ist das das größte Problem mit hohem Stressfaktor. Über das Eingreifen gibt es unterschiedliche Auffassungen - sowohl beim Schiedsrichter als auch beim VAR. Gerade weil die Vereine bei diesem Vorgang außen vor und ohnmächtig sind, wäre mein Vorschlag, dass die Mannschaften definieren, wann eine Szene überprüft wird. Zudem sollte die ,Challenge‘ pro Spiel begrenzt sein. In anderen Sportarten wird dieses System bereits erfolgreich praktiziert.

Was würden Sie noch ändern wollen?

Die rein faktischen Entscheidungen, zum Beispiel Abseitssituationen, sollte der Video-Assistent treffen. Aber bei allen anderen Entscheidungen, in denen es um die Bewertung eines Prozesses geht, dies träfe auf ein Handspiel oder einen Elfmeter zu, muss der Referee rausgehen, sich diese Szene anschauen - und dann ist er der Einzige, der die Entscheidung entweder belässt oder korrigiert. Aktuell kommt es jedoch vor, dass der Video-Assistent dem Schiedsrichter eine Entscheidung empfiehlt und dieser sich darauf verlässt - und alle sind unzufrieden.

Was halten Sie von dem Vorschlag von UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, der beim Thema ,Abseits‘ mehr Spielraum fordert?

Als ich das gehört habe, musste ich ein wenig schmunzeln - weil er einen Vorschlag ins Spiel bringt, der ebenfalls auf weichen Kriterien beruht und das Problem dadurch nur verlagert. Die Thematik steht und fällt mit der Genauigkeit der Abseitslinie. Denn die Frage, die sich ergibt, lautet: Wie groß ist tatsächlich die Unschärfe beim Ziehen der Abseitslinie? Bei der Überprüfung von Toren mittels der Torlinientechnik gibt es keine Diskussionen, weil die Entscheidung zu 100 Prozent automatisiert durch zuverlässige Technik erfolgt. Warum gibt es aber Diskussionen über die kalibrierte Linie? Weil sie einerseits schon mal ab und zu ausfällt. Andererseits wird die Linie von einem Menschen gezogen. Und wenn diese Person zwei unterschiedliche Bilder übereinanderlegt, stellt sich die Frage, wie groß die Toleranz ist. Ich habe mitbekommen, dass es sich mitunter um mehrere Zentimeter handelt. In einem solchen Fall macht ein Drei-Zentimeter-Fußspitzen-Abseits keinen Sinn mehr - weil es nur eine vorgegaukelte Objektivität ist.

Es gibt ja noch weitere Baustellen beim VAR, wie das Handspiel im Strafraum. Ihr Vorschlag wäre, bei Hand im ,Sechzehner‘ immer indirekten Freistoß zu geben.

Bis Anfang dieser Saison war die Absicht beim Handspiel das einzige Kriterium. Statt eine eindeutige Lösung zu finden, weil das Handspiel ein auslegbarer Prozess ist, hat man noch mehr Ausnahmen geschaffen. Und diese werden wiederum so lange zu Diskussionen führen, bis es eine Schwarz-Weiß-Regelung gibt. Deswegen plädiere ich für indirekten Freistoß. Wenn jedoch ein Spieler bewusst ein Tor verhindert, erst dann würde ich einen Strafstoß und die Rote Karte geben.

Sie sind auch ein Verfechter der Netto-Spielzeit.

Wenn ich sehe, dass die Nachspielzeit in der Bundesliga subjektiv nachgespielt wird, weil eine objektiv messbare Komponente fehlt, und dann feststelle, wie viel Zeit von den Spielern gerade in dieser Phase auf übelste Art und Weise geschunden wird, dann hat das mit Gerechtigkeit nichts mehr zu tun. Warum denkt man nicht darüber nach, statt zweimal 45 Minuten brutto zweimal 30 Minuten netto zu spielen. Bei jeder Spielunterbrechung wird die Zeit angehalten. Ich verstehe nicht, warum dieses Thema nicht angegangen wird; es wird nirgends ernsthaft diskutiert - zumindest bekomme ich davon nichts mit.

Fußball ist deswegen so populär, weil es nur über wenige Regeln verfügt und deswegen leicht verständlich ist. Teilen Sie diese These?

Durch die ganzen Regeländerungen ist der Fußball immer komplexer geworden. Vor drei Jahren hatten wir in einer Saison etwa 50 Regeländerungen. Wenn ich mit 43 Jahren Erfahrung auf diesem Gebiet diese Änderungen in ihrer Sinnhaftigkeit und Komplexität teilweise schwer nachvollziehen kann, was machen dann erst junge Schiedsrichter und die Spieler? Die schalten doch total ab.

Das Gespräch führte unser Mitarbeiter Dirk Kaiser.

Timo Rost: Umsetzung teilweise schon sehr grenzwertig

Timo Rost (41), der Trainer des Süd-Regionalligisten SpVgg Bayreuth (Rang 4, 38 Punkte) und ehemals als Profi in der Fußball-Bundesliga unter anderen für den 1. FC Nürnberg und den VfB Stuttgart unterwegs, bezieht Stellung zu den scheinbar nicht enden wollenden Diskussionen, für die der Videobeweis regelmäßig die Vorlage liefert. Für ihn ist "die Umsetzung teilweise schon sehr grenzwertig".

Der Aufreger im Profifußball schlechthin scheint derzeit das Handspiel im Strafraum zu sein - weil es Interpretationsspielraum gibt. Rost meint dazu: "Wenn man es klarer und einfacher haben will, würde ich bei jedem Handspiel indirekten Freistoß geben - und zwar dort, wo das Handspiel stattgefunden hat. Ausnahmen sollte es jedoch geben bei einem Handspiel, das ein klares Tor verhindert, und bei einem Handspiel zur Verhinderung einer offensichtlichen Torchance."

Ob denn der Videobeweis tatsächlich zu mehr Gerechtigkeit geführt hat? Der Ex-Profi erklärt, dass es grundsätzlich so sei, "dass der Videobeweis in erster Linie als Hilfestellung für die Schiedsrichter eingeführt wurde. Sicherlich auch, um mehr Gerechtigkeit bei sehr kritischen Entscheidungen zu erzielen. An sich ist dieser Gedankengang nicht schlecht, die Ausführung beziehungsweise Umsetzung ist aber teilweise schon sehr grenzwertig."

Mit einer Netto-Spielzeit wie im Basketball oder Eishockey scheint sich Rost anfreunden zu können. Er sagt: "Die UEFA hat in einer Studie ermittelt, wie lange im Durchschnitt in einer Partie der Ball tatsächlich rollt und wie lange einzelne Unterbrechungen dauern. Demzufolge beträgt die reine Spielzeit bei einer durchschnittlichen Spielzeit von 93 Minuten lediglich 61:07 Minuten netto im Schnitt. Sicher würde den Zuschauern und Fans bei einer 90-minütigen Netto-Spielzeit mehr geboten."

Für nicht mehr zeitgemäß hält der Bayreuther Coach die Abseitsregel. Rost hat erkannt: "Der Platz in der Mitte des Spielfelds wird immer dichter, alle 20 Feldspieler sind sehr nahe beisammen. Mit der Änderung der Abseitsregel könnte man das Spiel wieder offener gestalten. Deshalb würde ich die Abseitslinie von der Mittellinie zum Strafraum verschieben."