Nürnberg
Fußball

Die Komplexität des vermeintlich Einfachen

In der Theorie könnte der FC Nürnberg in der Tabelle der Bundesliga sechs Zähler mehr haben, hätte er alle sechs statt nur zwei seiner Elfmeter verwandelt.
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Der Nürnberger Tim Leibold (li.) schoss den Foulelfmeter in der Partie gegen Bayern München in der 90. Minute beim Stand von 1:1 an den Innenpfosten des Tores von Sven Ulreich. Auch Kapitän Hanno Behrens (re.) verballerte in dieser Saison schon zwei Strafstöße. Foto: dpa
Der Nürnberger Tim Leibold (li.) schoss den Foulelfmeter in der Partie gegen Bayern München in der 90. Minute beim Stand von 1:1 an den Innenpfosten des Tores von Sven Ulreich. Auch Kapitän Hanno Behrens (re.) verballerte in dieser Saison schon zwei Strafstöße. Foto: dpa
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Es ist der vermeintlich einfachste Schuss auf das gegnerische Tor - der Elfmeter: Niemand hält sich in der Zone zwischen dem Schützen und dem Torhüter auf, der 7,32 Meter in der Breite und 2,44 Meter in der Höhe zu verteidigen hat. In den meisten Fällen (ungefähr 75 Prozent) handelt es sich um ein aussichtsloses Unterfangen: Weil dieses Gehäuse, das es zu schützen gilt, aufgrund seiner Größe nicht in Gänze zu verteidigen ist - und weil der Schütze entscheidet, wohin und mit welcher Geschwindigkeit er den Ball befördern möchte. Für den zweiten Akteur in diesem Szenario, den in Gedanken spekulierenden, aber aufgrund der Vorschriften zur Passivität angehaltenen Torhüter, bleibt meist die Rolle des Geschlagenen.

66 Prozent Fehlschüsse

Und doch ist der Strafstoß nicht immer ein Geschenk für denjenigen, der ihn ausführt. So hat der 1. FC Nürnberg in der aktuellen Bundesliga-Saison bereits vier von sechs Elfmetern nicht im gegnerischen Tor untergebracht. Bei der 0:1-Niederlage im Berliner Olympiastadion gegen Hertha BSC zeigte Mikael Ishak in der 85. Minute Nerven. Gegen RB Leipzig sollte Hanno Behrens in der zehnten Minute für das 1:0 sorgen, doch der Kapitän vergab - und die Partie endete aus Club-Sicht 0:1.

Erneut Behrens schaffte es beim 1:1 gegen Schalke 04 beim Stand von 0:0 (50.) nicht, Gästekeeper Alexander Nübel zu überwinden . Und zuletzt, beim 1:1 gegen Bayern München, scheiterte Tim Leibold vom Punkt - weil er in der 90. Minute zu genau Maß genommen und den Ball an den Pfosten geschossen hatte. Rein hypothetisch betrachtet: Hätte der FCN alle Strafstöße verwandelt, hätte er 25 Punkte auf der Habenseite - und stünde damit in der Tabelle vor dem VfB Stuttgart auf dem Relegationsplatz. Doch Fußball ist, wie andere Sportarten auch, ein Ergebnissport, in dem der Konjunktiv nicht zählt.

Warum der freie Schuss vom Punkt mitunter viel komplexer ist als gedacht und was den Elfmeter auszeichnet, verrät Dafni Bouzikou. Die Diplom-Sportwissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Sportpsychologie sowie Supervision und Beratung lebt und arbeitet in Köln. Zudem bringt die gebürtige Griechin ihre Expertise seit fünf Jahren bei der deutschen Nationalmannschaft im Rollstuhl-Basketball ein.

Was macht das Wesen eines Elfmeters aus?

Dafni Bouzikou: Dass es sich um eine Standardsituation handelt, die man sehr gut trainieren kann. Je häufiger diese Form ins Training eingebaut wird, umso mehr entwickeln sich Automatismen - und die wiederum helfen bei der Ausführung unter ganz anderen, weitaus komplexeren und schwierigeren Wettkampfbedingungen.

Warum ist ein Elfmeter für den Schützen mitunter so schwierig?

Was einfach ist, kann man schnell unter- oder überschätzen, darin liegt die Krux. Erst recht, wenn der Schütze nicht voll fokussiert ist und die Gedanken abschweifen - entweder in die Vergangenheit oder in die Zukunft. Für die Ausführung entscheidend ist jedoch die Fokussierung auf das Hier und Jetzt.

Spielt es eine Rolle, bei welchem Spielstand und in welcher Minute der Elfmeter ausgeführt wird?

Auf jeden Fall. Bei einer 5:0-Führung ist der Schütze viel lockerer, weil er weiß, dass ein Fehlschuss keine Konsequenzen nach sich zieht. Liegt sein Verein indes zurück und wird der Elfmeter in der letzten Minute zugesprochen, potenziert sich der Druck. Deswegen ist es so enorm wichtig, dass sich der Schütze nur auf die Ausführung konzentriert und mögliche Folgen komplett ausblendet.

Das ist leichter gesagt als getan, zumal die externen Bedingungen wie Spielstand, Bedeutung der Begegnung, Erwartungshaltung der Mitspieler, des Trainers, der Zuschauer nur schwer zu ignorieren sind. Wäre es nicht hilfreich, solche Situationen mental zu trainieren?

In der Tat. Untersuchungen haben ergeben, dass gewisse Muskelgruppen unter Spannung stehen, wenn ein Spieler die Elfmetersituation im Kopf simuliert, ohne den Ball zu berühren. Und diese positive Grundanspannung ist für die Ausführung bei jedem Strafstoß unter Wettkampfbedingungen notwendig - unabhängig von Spielstand und - zeit. Und noch etwas spielt eine Rolle: Ob ein Elfmeter zum Erfolg führt, hat sehr viel mit der Persönlichkeit des Schützen zu tun. Ein Spieler, der diese Situation als Herausforderung betrachtet, innerhalb der Gruppe ein gewisses Standing hat und sich um die möglichen Konsequenzen weniger Gedanken macht, ist eher für die Ausführung geeignet als einer, der nicht über diese Eigenschaften verfügt.