Bamberg
Fußball-Bundesliga

Der inFranken.de Fußball-Stammtisch mit Hollerbach und Holzschuh

Bernd Hollerbach und Rainer Holzschuh plaudern auf einem Bamberger Bierkeller ausgiebig über die bevorstehende Erstligasaison. Der Kickers-Trainer und der Kicker-Herausgeber sprechen über die Meisterschaftsanwärter, die Abstiegskandidaten, ihre Lieblingsspieler und den Fußball von damals.
Hatten viel Spaß beim Fußball-Fachsimpeln: Bernd Hollerbach (links) und Rainer Holzschuh. Foto: Ronald Rinklef
Hatten viel Spaß beim Fußball-Fachsimpeln: Bernd Hollerbach (links) und Rainer Holzschuh. Foto: Ronald Rinklef


Thema Meisterschaft


Ist der FC Bayern in dieser Saison zu stoppen?
Holzschuh: Das weiß man im Fußball Gott sei Dank nie. Dortmund ist im letzten Jahrzehnt zwei Mal in Folge Meister geworden, Wolfsburg und Stuttgart zwischendurch auch. Damit hat niemand gerechnet. Hundertprozentige Prognosen kann man nicht abgeben. Bei meinem wöchentlichen Fußballtipp beim Fernsehsender n-tv liege ich regelmäßig falsch und bin fast stolz drauf. Denn wenn du immer richtig liegst, kannst du kein Fachmann sein. Natürlich sind die Bayern der große Favorit. Aber sie dürfen sich keine Schwächeperiode leisten, sich nicht zerstreiten und müssen von Verletzungen verschont bleiben.

Hollerbach: Auch für mich sind die Bayern der große Favorit. Aber Wolfsburg ist nicht zu unterschätzen. Sie haben sich gut verstärkt. Zwischen beiden Teams ist der Abstand nicht so groß.

Holzschuh: Die Spitze wird viel breiter als in der letzten Saison. Auch Gladbach hat sich toll verstärkt. Man muss abwarten, wie Tuchel in Dortmund zurechtkommt und ob seine Spielphilosophie zum BVB passt. Und bei Schalke muss man schauen, wie Breitenreiter einschlägt. Verstärkt hat sich Schalke sehr gut. Wenn alles passt, haben wir fünf Vereine, die die Bayern jagen. Das ist das Schöne am Fußball und der Grund, warum wir ihn so sehr lieben. Jeder kann jeden schlagen und wir wissen eigentlich nie, wie ein Spiel ausgeht.

Aber Hand aufs Herz: An die Bayern kommt trotzdem keiner heran.
Holzschuh: Natürlich besitzen die Bayern das größte Potenzial. Was die an Weltklassespieler zusammengetragen haben, ist sensationell. Aber dies bedeutet auch eine Gefahr. Wenn zum Beispiel ein Thomas Müller ein paar Mal auf der Bank sitzt, dann wird er unzufrieden. Das kann das Mannschaftsgefüge stören.

Wie schwierig ist es, die Bayern zu trainieren?
Holzschuh: Bei den Bayern spielen Jungs, die denken, dass sie zu den zwanzig besten Spielern weltweit gehören. Die unter einen Hut zu bringen, ist wirklich schwer. Glauben Sie, dass sich ein Lewandowski freiwillig auf die Bank setzt?

Hollerbach: Die Bayern kriegen das aber super hin. Wenn Lewandowski auf die Bank muss, ist das schwierig für ihn. Aber bei Bayern setzen sich auch die Weltklasseleute auf die Bank, ohne zu murren.

Bleibt Pep Guardiola in München?
Holzschuh: Das weiß er wohl selber noch nicht. Es wird eine schwierige Saison, jede Niederlage wird auf ihn projiziert. Der Verein ist generell unter ihm von seiner ursprünglichen Philosophie, vorrangig junge deutsche Spieler zu holen, etwas abgerückt. Eine Südeuropäisierung ist nicht zu übersehen. Ob das dauerhaft gut ist, muss man zumindest hinterfragen.

Hollerbach: Er hat seinen Job bisher gut gemacht. Nach der unglaublichen Triple-Saison war es nicht einfach zu übernehmen. Auch die Unruhe nach dem Urteil gegen Uli Hoeneß hat eine große Rolle gespielt. Der ganze Verein muss jetzt beweisen, dass es auch ohne ihn geht. Denn Probleme, die aufkamen, hat Hoeneß immer schon im Ansatz gelöst.

 


Thema Abstiegskampf

Im Abstiegskampf wird es womöglich wieder eng zugehen. Ist der HSV, insbesondere nach dem Pokal-Fehlstart, wieder ein Kandidat?
Hollerbach: Das hoffe ich natürlich nicht. Der Hamburger SV gehört einfach in die Bundesliga, dafür mag ich den Verein viel zu sehr. Die Voraussetzungen sind aber auch diese Saison alles andere als einfach, es wird wieder schwer.

Holzschuh: Nach dem Pokalspiel und der Geschichte mit den gefundenen Gehaltszetteln muss man konstatieren: Es geht weiter wie bisher. Es ist immer problematisch, wenn sich Mäzene wie Klaus-Michael Kühne zu sehr ins Sportliche einmischen. Normal ist es nicht, dass man zwei Mal in die Relegation muss. Irgendwann kann das nicht mehr gut gehen.

Wer sind die weiteren Kandidaten?
Hollerbach: Natürlich wissen die Aufsteiger aus Darmstadt und Ingolstadt, dass es für sie nur um den Klassenerhalt geht. Die eine oder andere Überraschung werden sie schaffen, da bin ich mir sicher, aber es wird schwer, die Klasse zu halten.

Holzschuh: Aber gucken wir auf Paderborn: Die haben letzte Saison auch bis zum Schluss mitgehalten und niemand hat es ihnen zugetraut. Ich bin gespannt, ob es Dirk Schuster in Darmstadt schafft. Der Verein hat den mit Abstand kleinsten Etat. Sie sollen ja immerhin jetzt in den Kabinen dauerhaft warmes Wasser haben (lacht).

Hollerbach: Darmstadt hat vor allem von einem überragenden Teamgeist profitiert, das war der große Erfolgsfaktor. Letztlich macht es die Sache aber nicht unbedingt leichter, weil nun gezwungenermaßen neues Personal verpflichtet wurde, um konkurrenzfähig zu sein. Neue und vorhandene Spieler müssen sich erst aneinander gewöhnen und wieder eine Einheit werden. Ich bin gespannt, wie schnell sich das machen lässt. Eines steht für mich fest: Der Abstiegskampf wird irre spannend, weil es viele treffen kann. Die vergangene Saison ist das beste Beispiel dafür.

Woran liegt es, dass sich so viele Traditionsteams in den letzten Jahren so schwer getan haben?
Holzschuh: Weil sie nicht richtig geführt werden. Da sind zu oft Menschen an der Macht, die völlig falsche Entscheidungen treffen. Schauen wir uns beispielsweise den VfB Stuttgart in der Saison nach der Meisterschaft an. Da wurde nahezu alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Man hat Spieler für Ablösesummen und Gehälter geholt, die alles gesprengt haben. Da wurde gedacht, als Deutscher Meister und Champions League-Teilnehmer musst du das Doppelte zahlen. Gleichzeitig haben sie die tollen Jugendspieler abgegeben. Das musste einfach schiefgehen.

Hollerbach: Dabei waren sie mit jungen Spielern wie Kuranyi, Hleb, Hinkel und Lahm sehr erfolgreich. Da hat man bewiesen, dass dies genau der richtige Weg ist. Leider sind sie ihn nicht konsequent weitergegangen. Es ist generell immer ein Problem, wenn der Aufsichtsrat zu viel Einfluss nimmt. Da reden dann zu viele mit, wie es auch beim HSV zuletzt der Fall war.

Holzschuh: Genau! Gucken wir uns doch den FC Bayern an. Da sind wichtige und auch sicherlich kompetente Personen im Aufsichtsrat, die dem Verein wirtschaftlich und vom Image her enorm gut tun. Aber sie würden nie zu Pep Guardiola oder zu Matthias Sammer rennen und ihnen sagen, wie sie die Mannschaft im nächsten Spiel aufstellen sollen.

Hollerbach: Ein Vorbild für mich war immer Alex Ferguson. In seiner Zeit bei Manchester United gab es keinen, der außer ihm etwas zum sportlichen Bereich gesagt hat. Das habe ich immer bewundert.

 


Thema Fußball im Wandel

Haben Sie aktuell einen Lieblingsspieler, oder vermissen Sie Spieler von früher?
Holzschuh: Also ich vermisse so einige. Netzer, Beckenbauer, Willi "Ente" Lippens. Ich hatte es unheimlich genossen, als Reporter einen so engen Draht zu ihnen zu haben. Damals waren generell ganz andere Zeiten. Ich kenne beispielsweise einen Bundesligaspieler, der hat ein Mädel kennen gelernt und blieb 14 Tage weg. Das würde es heute doch nicht mehr geben.

Hollerbach: Ich mag den Thomas Müller. Der tut jeder Mannschaft gut. Er haut den einen oder anderen Spruch raus, bringt aber auch konstant seine Leistung und ist immer positiv. Arturo Vidal finde ich auch gut. Das ist einer, den man für die großen Spiele braucht, der die anderen mitreißt, einer, der anpackt und vorangeht.

Der Faktor Geld ist im Fußball enorm wichtig geworden. Wie schafft man es, dass sich die jungen Kicker von heute auf das Spiel konzentrieren?
Hollerbach: Es ist immer schwierig, ein Gebilde zusammenzustellen, das auch funktioniert. Ich bin ein Trainer, der sich mehrmals mit einem Spieler trifft, ehe es zum Vertrag kommt. Ich sage ihm, was auf ihn zukommt. Dann weiß er von vornherein, wie bei mir gearbeitet wird. Darauf kann er sich einstellen und es gibt keine Überraschungen. Das kostet im Vorfeld viel Zeit, aber die ist gut angelegt und zahlt sich später aus.

Holzschuh: Damals wie heute ist das Wichtigste die Zusammenstellung der Mannschaft. Es muss in sich stimmig sein. Elf Häuptlinge gewinnen genauso wenig ein Spiel wie elf Indianer.

Hollerbach: Man braucht Spieler, die sich auf die Bank setzen und trotzdem kein Theater machen. Mehmet Scholl war zum Beispiel gut, als er seine Rolle akzeptiert hat. Der kam rein und hat das Spiel entschieden. Und man braucht natürlich auch Typen, die zwar nicht so viele Tore schießen, aber in der Kabine gut sind. Also Spieler, deren Wort Gewicht hat. Ein Kehl in Dortmund war so einer, oder ein Puyol beim FC Barcelona.

Holzschuh: Ein Trainer muss auch genau wissen, wo und wie er seine Spieler einsetzt. Nehmen wir das Beispiel Pierre Littbarski beim 1. FC Köln. Der agierte nach vorne sensationell, nach hinten konnte er gar nichts. Dann kam Trainer Rinus Michels nach Köln und befahl ihm, dass er auch Deckungsaufgaben übernehmen soll. Dadurch verlor Littbarski ganz klar seine Selbstsicherheit.
 



Thema Internationaler Vergleich


Viele Spieler wurden aus der Bundesliga teuer ins Ausland transferiert. Wie wird Deutschland im internationalen Vergleich abschneiden?
Hollerbach: Ich hoffe, dass die Bayern wieder unter die besten vier Mannschaften kommen. Danach muss man schauen, außer Bayern müssen alle anderen deutschen Teams kämpfen. Wenn ich die Summen in England sehe, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wer viel Geld hat, kann aber auch viel falsch machen. Deshalb ist Geld allein nicht alles.

Holzschuh: Wie die Engländer wieder einkaufen, ist der Wahnsinn. Sie machen die gleichen Fehler wie in den Vorjahren. Die Nachwuchsarbeit wird nahezu vollständig vernachlässigt, trotzdem stehen 40 Leute auf dem Trainingsplatz. Das ist wiederum eine große Chance für die Bundesliga, junge, talentierte Spieler zu holen, die man verbessern kann.

Kann der FC Augsburg die positive Saison wiederholen?
Hollerbach: Ich hoffe. Markus Weinzierl macht das super, und Stefan Reuter als Manager ist ein toller Typ, weil er sich nicht so wichtig nimmt. Man muss abwarten, wie die Mannschaft auf die Belastung reagiert. Jetzt kommt schließlich die Europa League dazu.

Holzschuh: Das sehe ich ähnlich. Es wäre meiner Meinung nach ein kleines Wunder. Aber beim Thema Belastung muss ich etwas einwerfen. Ich bin in den 70er- und 80er-Jahren oft mit vielen Bundesligisten zu Auswärtsspielen gereist. Damals benötigten wir teilweise einen ganzen Tag für die Anreise, die Spieler brachten trotzdem ihre Leistung. Früher gab es auch nur einen Physiotherapeuten für die ganze Mannschaft. Heute hast du acht oder zehn, die an dir herumfummeln.

Hollerbach: Drücken, heute drücken sie nur. Früher wurde man noch richtig massiert ...

Holzschuh: Das meine ich: Wenn heutzutage ein gestandener Bundesligaprofi nach zehn Spielen sagt, dass er müde ist, dann ist das für mich eine Ausrede.

Hollerbach: Das ist ein grundsätzliches Problem. Viele Spieler investieren oft zu wenig in ihren Job. Das ist eine Sache der Einstellung, da kann so mancher noch an sich arbeiten.

Holzschuh: Schauen Sie sich andere Sportarten an. Vor Jahren hat ein Deutscher Meister der Leichtathletik mal in einem Profi-Fußballteam mit trainiert. Er sagte mir danach: Als die Fußballer kaputt waren, habe ich gerade mein Warmmachprogramm hinter mich gebracht. Ich glaube, es gibt sehr viele Fußballer, die man antreiben muss. Dazu gehörte Bernd Hollerbach sicherlich nicht.

Hollerbach: Ich hatte nie das Talent der anderen, musste daher immer mehr tun. Und als ich dachte, ich wäre ein Vollprofi, habe ich Felix Magath kennen gelernt. Da habe ich erst mal gesehen, was es heißt, Profi zu sein. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass ein junger, gesunder Spieler drei Mal die Woche spielen können muss.

Holzschuh: Wahnsinn, wie oft wir zwei einer Meinung sind.

Hollerbach: Stimmt, Sie sollten Fußballtrainer werden.

Holzschuh: Und Sie Kicker-Herausgeber.

 


Rainer Holzschuh

Das Gesicht des bekannten Fußball-Magazins "Kicker" wurde 1944 im unterfränkischen Bad Kissingen geboren. Seit 1970 ist der Journalist als Sportredakteur tätig. Nach einem Jahr in Augsburg zog es ihn zum Kicker, wo er zunächst in der West-Redaktion arbeitete und die Ruhrpott-Teams betreute. Später wurde er Leiter der Nord-Redaktion.

1983 folgte ein fünfjähriges Intermezzo als Pressechef beim Deutschen Fußballbund (DFB), wo er auch die andere Seite des Journalismus kennen lernte. Doch dann kehrte er zum Kicker zurück - als Chefredakteur, denn "so eine Chance lässt du dir nicht entgehen", sagt Holzschuh. 2009 legte er seine Posten nieder und fungiert seitdem als Herausgeber.
 


Bernd Hollerbach

Der gebürtige Würzburger hat in seiner Profi- und Trainerkarriere schon viele Stationen durchlaufen. Nach seiner Zeit in Franken beim ASV Rimpar und den Würzburger Kickers wechselte er 1991 in die Bundesliga zum Kiez-Klub FC St. Pauli. Nach insgesamt 143 Spielen und sechs Toren zog es ihn für ein Gastspiel zum 1. FC Kaiserslautern, ehe er von 1996 bis 2004 beim Hamburger SV spielte und dort seine aktive Karriere beendete.

Seine erste Trainerstation war ebenfalls in der Hansestadt, allerdings beim VfL 93 Hamburg. Nach einer halben Saison beim Regionalligisten VfB Lübeck wurde er Co-Trainer von Felix Magath - zunächst in Wolfsburg, dann auf Schalke. Inzwischen ist er seit 2014 zurück in Franken als Trainer der Würzburger Kickers und sagt: "Ich bin heimatverbunden. Ich bleibe erst mal hier."
 


Gewinnspiel


Wir verlosen 10 x 2 Tickets für das Drittliga-Heimspiel der Würzburger Kickers gegen die SG Sonnenhof Großaspach am Samstag, 22. August, in der FLYERALARM Arena (Anstoß 14 Uhr). Beantworten Sie uns folgende Gewinnspiel-Frage:

In welchem Jahr wechselte Bernd Hollerbach zum Hamburger SV?

Zur Teilnahme an der Ticket-Verlosung schicken Sie uns einfach bis zum Sonntag, 16. August, um 23.59 Uhr, eine E-Mail mit dem Betreff "Würzburger Kickers" , der Antwort auf die Gewinnspielfrage sowie Ihrem Namen und Postanschrift an:
leserreporter@infranken.de

Pro Person ist nur eine Teilnahme am Gewinnspiel möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Alle Angaben sind ohne Gewähr. Der oder die Gewinner werden von uns per Zufall ermittelt und zeitnah per E-Mail benachrichtigt. Viel Glück!