Bamberg
KOMMENTAR

Das Anfängchen

Alles auf Anfang: Nach dem historischen WM-Aus wurde dem Auftritt gegen Weltmeister Frankreich sehr viel Bedeutung beigemessen - zu viel. Weil man für einen echten Neustart Geduld braucht.
Artikel drucken Artikel einbetten
Ein Punkt gegen den Weltmeister: So schlecht hat sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach dem WM-Debakel gar nicht verkauft. Foto: Sven Hoppe/dpa
Ein Punkt gegen den Weltmeister: So schlecht hat sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nach dem WM-Debakel gar nicht verkauft. Foto: Sven Hoppe/dpa

Es ist fast schon ein Wunder, dass die vielfach beschriebenen Krisenszenarien im deutschen Fußball vor dem Spiel gegen Frankreich den Fans nicht gänzlich den Schlaf geraubt haben. Die Angst, dass uns der Weltmeister knapp zweieinhalb Monate nach der historischsten aller historischen WM-Pleiten den Hintern versohlen könnte, erschien allgegenwärtig und übermächtig. Was, wenn Jogis Neuanfang schiefgeht? Nun, nichts ist schiefgegangen. Die deutsche Elf bot eine solide Leistung und hätte am Ende fast noch gewonnen - auch ohne große Runderneuerung.

Was bitte haben denn die Mahner am Donnerstagabend erwartet? Dass Topspieler wie Neuer, Kroos oder Hummels nach der vermeintlich nationalen Tragödie das Fußballspielen verlernt haben? Dass die DFB-Elf auf das Niveau von - der Zwergenstaat möge den Vergleich verzeihen - San Marino geschrumpft ist, so dass man ein Debakel hätte befürchten müssen? Nein, es spielte der Ex-Weltmeister gegen den amtierenden Weltmeister. Und so verdient die Franzosen den Titel auch gewonnen haben: Das Etikett einer Übermannschaft, wie es die Spanier nach ihren WM- und EM-Titeln waren, tragen sie noch lange nicht.

Jetzt braucht es den nächsten Schritt

Bundestrainer Löw hat im ersten Spiel nach dem Versagen von Russland alles richtig gemacht: Psychologisch war es wichtig, defensiv gut zu stehen und nicht zu verlieren. Mit ein bisschen mehr Schussglück und einem schlechteren französischen Torwart hätte sein Team das Spiel sogar gewonnen. Es war ein Neu-Anfängchen. Doch das reicht nicht. Jetzt muss der nächste Schritt kommen. Der Anspruch der DFB-Verantwortlichen kann es nicht sein, mit einer Leistung wie gegen Frankreich zufrieden zu sein. Mit jedem Spiel gilt es jetzt für den Bundestrainer, die Talente von der Ersatzbank aufs Spielfeld zu holen und Nachwuchsspielern eine Chance zu geben. Im Gegenzug wird sich Löw von langjährigen und liebgewonnenen Akteuren trennen müssen, so schwer ihm das auch fallen mag. Nur so ist sichergestellt, dass beim nächsten großen Turnier, der EM 2020, ein Team aufläuft, das hungrig auf den Titel ist. Die Fans sind offenbar bereit, diesen Weg mitzugehen. Sie sorgten für eine ausverkaufte Allianz-Arena und zeigten sich versöhnlich. Und sie wissen besser als manch anderer: Ein Neuanfang ist ein Prozess - und kein Tagwerk.