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Bundesliga

Sind heute nicht alle ein bisschen RB?

Der Hass von selbsternannten Fußball-Traditionalisten auf RB Leipzig ist Unsinn. Längst hat sich auch ihr Lieblingsverein dem Kommerz verschreiben müssen.
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Mit der Gründung von RB Leipzig und viel Geld aus der Konzernzentrale hat Red Bull einen Verein geschaffen, der die Kommerzialisierung des Fußballs verkörpert. Ist daran etwas falsch? Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
Mit der Gründung von RB Leipzig und viel Geld aus der Konzernzentrale hat Red Bull einen Verein geschaffen, der die Kommerzialisierung des Fußballs verkörpert. Ist daran etwas falsch? Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa
Nachdem Stuttgarts Meistertrainer Armin Veh in den 80-ern seine Karriere als Profi-Kicker beendet hatte, tingelte er durch die Fußball-Provinz. 1987 beispielsweise kickte er beim Zweitligisten SpVgg Bayreuth, war aber auch Manager - und zwar in seiner Heimatstadt Augsburg. BC Harlekin hieß damals das Projekt eines Spielhallen-Königs: ein Retortenverein, der mit fremder Lizenz und viel Geld von der achten in die erste Liga hochgeschossen werden sollte. Der Rest war schnell Geschichte, zumindest für den BC Harlekin: Mäzen samt Spaßmacher-Truppe gingen in höherklassigen Augsburger Vereinen wie dem FC auf; zu steinig war wohl der Weg in die große weite Fußballwelt.

Rund 20 Jahre später hatte ein ähnliches Start-Up Erfolg. Als Red Bull 2009 in der fünften Liga am Stadtrand von Leipzig durchstartete, hatten Milliarden an Fernseh- und Sponsorengeldern das Schmuddel-Image der 80-er längst weggespült. Aus trüben Betonschüsseln waren Arenen geworden, in denen statt Vokuhilas aus dem Ruhrpott millionenschwere Stars aus aller Herren Länder kickten. Bundesliga war längst das, was sie heute ist: eine große Unterhaltungsindustrie für die ganze Familie. Tummelplatz für bier- und nikotingeschwängerte Kuttenträger auf Stehplatzrängen ohne Dach? Das war einmal. Und auch die gruseligen Typen wie die der berühmt-berüchtigten Borussenfront in Dortmund sind nur noch rechte Randerscheinungen.

Der Fußball hatte sich gewandelt: nicht nur die Klubs zu Unternehmen, sondern auch die Masse der Fans. Und das nicht zum Schlechten.

Vereine wie RB Leipzig haben ihre Existenzberechtigung. Sie haben sich ihre Rolle im Fußball nicht erschwindelt, sondern mit lauteren Mitteln im harten Wettkampf erstritten. Dass das Projekt des Brausekonzerns die Region Leipzig ins Rampenlicht gehoben hat, ihr sogar eine neue Identität gibt, obwohl sie noch weit nach der Wende exemplarisch für windige Geschäftsgebaren und Problemfans stand - das ist fast schon ein Segen für den deutschen Fußball. Vom Zauber auf dem Rasen, den die Elf von Ralph Hasenhüttl an nahezu jedem Wochenende zeigt, ganz zu schweigen.

Nein, man muss kein Fan von RB Leipzig sein. In der Regel geht die Liebe zur Marketingmaschine Red Bull auch am Traditionalisten vorbei. Trotzdem gibt es nicht die wahren Fans hier und die Plastikfans dort.

Wer Fans hat, die das Milliarden-Geschäft mit Speditionseignern, Chemie-Riesen, Telekommunikations-Unternehmen oder AG-Ausgliederungen im eigenen Verein gut heißen, gleichzeitig aber mit dem Finger auf RB Leipzig zeigen, sollte sich dieser Schizophrenie bewusst sein. Zwei Klassen entstehen heute nämlich nicht durch gutes Management oder böse Fußballunternehmen, sondern durch Geldströme insbesondere in den großen Wettbewerben. Von Tradition allein können selbst mittelmäßige Manager allein nicht leben, von der Champions League hingegen durchaus.