Bamberg

Schiedsrichter Lottermoser "eine Art Ventil für die Trainer"

Robert Lottermoser hat Verständnis für die Emotionen von Trainern und Spielern. Gelassen begegnet er manchem Hitzkopf am Spielfeldrand und den Stars aus Europa und der NBA. Bei der Europameisterschaft im September vertritt der 39-Jährige als Schiedsrichter Deutschland. - Dritter Teil unserer Interviewserie zur EM.
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Schiedsrichter Robert Lottermoser erklärt bei einer Europameisterschaft einem russischen Spieler eine Entscheidung.  Foto: dbb
Schiedsrichter Robert Lottermoser erklärt bei einer Europameisterschaft einem russischen Spieler eine Entscheidung. Foto: dbb
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Er ist wohl einer wohl bekannteste Basketball-Schiedsrichter Deutschlands - Robert Lottermoser. Nach der Pfeife des 39-Jährigen aus Bernau in Brandenburg tanzten schon viele NBA-Stars, etwa bei den Olympischen Spielen 2012 in London. Der gelernte Bauingenieur hat sich im Alter von 30 Jahren entschieden, voll auf die Schiedsrichterei zu setzen und ist Deutschlands einziger Profi-Schiri im Basketball. Wenn die Trainer Sasa Obradovic oder Andrea Trinchieri an der Seitenlinie toben, oder Svetislav Pesic ihn während eines Freiwurfes an der Seitenlinie zutextet - Lottermoser verzieht keine Miene, zeigt keine Emotionen. Fast teilnahmslos fällt er seine Entscheidungen, ob Foulpfiff, Schrittfehler oder technisches Foul. Wenn er seine Augenbrauen hochzieht und zur um den Hals baumelnden Pfeife greift, wissen spätestens dann die Spieler aller europäischen Topklubs, dass sie nun besser den Mund halten und nicht weiter gestikulieren.

Robert Lottermoser vertritt als einziger Schiedsrichter den deutschen Basketball bei der Europameisterschaft im September. Er pfeift in der Vorrundengruppe in Zagreb (Kroatien). Die Vorrunde in Berlin mit Deutschland war ausgeschlossen ebenso wie die Staffel in Montpellier (Frankreich), deren Teams im Achtelfinale auf die Berlin-Gruppe treffen werden.

Wir unterhielten uns im Vorfeld der Europameisterschaft mit dem Mann, dem der Weltverband Fiba vertraut.
Nach dem fünften Finalspiel zwischen Bamberg und München hat Bayern-Trainer Svetislav Pesic explizit kritisiert, dass Sie dem deutschen Meister München nicht den nötigen Respekt entgegengebracht hätten. Wie haben Sie diese Kritik aufgenommen?
Robert Lottermoser: Ich habe die Kritik zunächst zur Kenntnis genommen. Kritik ist, wie in den meisten anderen Berufen auch, Teil des Jobs, der man sich stellen muss, solange sie berechtigt, sachlich vorgetragen und wenn möglich zielführend ist.

Svetislav Pesic hat von sich selbst gesagt, er sei kein schlechter Verlierer. Eine Münchner Zeitung hat kommentiert, Pesic habe sich aber als ein solcher verhalten. Wie gehen Sie mit schlechten Verlierern um, die Sie nach dem Spiel für die Niederlage verantwortlich machen wollen?
Das sehe ich relativ nüchtern und sachlich. Ich bin davon überzeugt, dass die Gründe für eine Niederlage andere sind als der Schiedsrichter, ob ich das bin oder einer meiner Kollegen. Und wenn man sich im nächsten Spiel oder in der nächsten Saison wiedersieht, dann geht es wieder bei 0:0 los.

Obwohl Sie von allen Seiten angegangen werden, Spieler wie Trainer, Sie verziehen keine Miene, obwohl sie vielleicht gerne lachen oder einen verärgerten Gesichtsausdruck machen würden.
Es ist Teil des Jobs der Trainer, Emotionen zu zeigen - nicht oder nur sehr selten der der Schiedsrichter. Oftmals ist der Druck, insbesondere in einem Play-off-Spiel sehr hoch, da gehören Emotionen dazu. Schiedsrichter sind in solchen Situationen eine Art Ventil, deren Stärke es sein sollte bis zu einem gewissen Grad zuhören zu können. Wie die dann reagieren, ist individuell unterschiedlich. Da hat jeder seine Art und Weise. Ich sage aber auch ganz klar, irgendwann muss auch Schluss sein. Man kann nicht über alle Entscheidungen diskutieren und vor allem nicht über klare und eindeutige, die jeder in der Halle gesehen hat.

Sie haben in der vergangenen Saison rund 50 Bundesligapartien, 24 Euroleague- und eine handvoll Eurocupspiele geleitet. Was machen Sie in der Zeit bis zu EM - ihre Bonusmeilen verfliegen?
So ist es nicht (lacht). Ich leite einige Vorbereitungsspiele für die EM. Dann bin ich bei der U16-EM der Mädchen vom 13. bis 23. August in Portugal im Einsatz, und werden meine Familie und ich ein paar Tage Urlaub machen.

Wie halten Sie sich fit?
Ich habe von der Fiba einen 20-Wochen-Vorbereitungsplan für die Europameisterschaft bekommen. Der läuft seit Mai. Jeden zweiten, dritten Tag haben wir etwas auf dem Plan stehen, etwa Konditionsarbeit in Form von Laufen und Krafttraining im Fitnesscenter.

In der Fußball-Bundesliga erhält ein Referee ein Grundgehalt von über 20 000 Euro pro Jahr und pro Spiel 3800 Euro, ein Fifa-Schiedsrichter ein Grundgehalt von über 60 000 Euro. Davon kann ein Basketball-Schiedsrichter nur träumen - oder?
Das stimmt, aber dafür ist natürlich der Druck beim Fußball wesentlich höher. Man muss das immer in der Relation sehen. Ich bin ganz ehrlich, da ich schon öfter auf diesen Punkt angesprochen wurde, ich weiß nicht, ob ich mit den Fußball-Kollegen tauschen wollen würde. Das ist eine ganz andere Welt, weil es doch um sehr viel mehr Geld geht, was die Budgets der Teams anbelangt, aber auch in den internationalen Klubwettbewerben sind das Dimensionen, die ich und wohl auch kein anderer Basketballer so fassen kann.

Der Job als Bauingenieur hat nicht so viel abgeworfen?
Das kann man so auch nicht sagen. Da Basketball einen immer größeren Umfang eingenommen hat, war das mit dem Vollzeitberuf eines Bauningenieurs nicht mehr zu vereinbaren. So musste ich eine Entscheidung treffen, und die fiel zugunsten des Sports aus. Der Weg zurück ist weiterhin offen. Mal gucken, was in der Zukunft passiert. So lange ich Spaß an der Schiedsrichtertätigkeit habe, werde ich sicher dem Basketball verbunden bleiben. Aber ausgeschlossen ist es nicht, dass ich in meinen ursprünglichen Beruf zurückkehre.

Wenn Sie sehen, dass Spieler, die in der NBA oder bei europäischen Topklubs Millionen verdienen, schlecht spielen, haben Sie dann Mitleid und Verständnis, wenn sie über Schiedsrichterentscheidungen lamentieren?
Mitleid nein. Verständnis ja, natürlich. Weil, wie bei den Trainern, viele Emotionen dabei sind. Jeder versucht, bei misslungenen Aktionen, diese zu rechtfertigen, da ist schnell ein Schuldiger gefunden, und das ist der, der neben einem steht - der Schiedsrichter. Ich kann das zum Teil nachvollziehen, zum Teil aber auch nicht. Aber Mitleid habe ich auf keinen Fall.

In den Bundesliga-Play-offs wird mehr zugelassen als in einem normalen Hauptrundenspiel. In der Euroleague eine andere Linie gepfiffen als in Deutschland. Warum eigentlich, und wie stellen Sie sich darauf ein?
Das wird von den Medien und den Fans oft diskutiert, das vermeintlich in den Play-offs anders gepfiffen wird als in der Hauptrunde. Was sicherlich zutrifft, ist, dass wir Schiedsrichter auf keinen Fall durch eine kleinliche Linie gerade wichtige Spieler in Foulprobleme bringen und schon gar nicht Spiele mit diskussionswürdigen Entscheidungen entscheiden wollen. Es geht in den Play-offs intensiver zur Sache, emotional wie auch physisch - weil einfach viel mehr auf dem Spiel steht. Für die Teams geht es darum, haben sie Ferien oder kommen sie eine Runde weiter. Da wird oft schon auch im Vorfeld einer Partie emotional vorgebaut. Das entlädt sich alles in einem Spiel. International muss man sagen, ist es ein ganz anderes individuelles Spielniveau. Dort können kleinere Kontakte vernachlässigt werden, da die Spieler durch kleinere Fouls nicht aus der Balance geraten oder einen Nachteil erlangen. Dort würden solche kleinlichen Pfiffe stören und eher Unverständnis hervorrufen. Deshalb ist international schon ein Unterschied zur Bundesliga gegeben. In den BBL-Play-offs kommt das Niveau dem internationalen schon sehr nahe. Hier spielen die besten Teams und Spieler der Liga, sodass auch hier kleinliche Sachen vernachlässigt werden können, weil die Topspieler damit klar kommen. Andernfalls würde der Spielfluss und die Attraktivität eines Play-Off-Spiels beeinträchtigt werden.

Im September spielen wieder zahlreiche NBA-Spieler bei der Europameisterschaft. Haben die mehr Allüren als die "normalen" Europäer?
Würde ich nicht sagen. Die Spieler bei der EM, die in der NBA spielen und nun für ihre jeweilige Nation auftreten, sind durchweg in Europa aufgewachsen, haben das Basketball-Abc hier gelernt und wissen, wo ihre Wurzeln sind. Von daher gibt es bei denen nur wenige Stars, die besondere Dinge einfordern. Mit Tony Parker oder Dirk Nowitzki kann man sich ganz normal auf dem Spielfeld unterhalten. Die sind auf dem Boden geblieben.

Ich gehe davon aus, dass Sie mir Gegenbeispiele nicht nennen.
In der Hoffnung, dass sie bei der EM gar nicht erst aufkreuzen (lacht). In der Regel sind alle bodenständig. Den einen oder anderen hat man aber immer.

Auf der anderen Seite sind etliche Bundesliga-Spieler für verschiedene Nationalteams im Einsatz. Ist es gefährlich für eine Spielleitung, wenn man die Marotten, Tricks und versteckten Fouls schon kennt, oder von Vorteil? Teilen Sie die Tricks auch Ihren Schiedsrichterkollegen mit?
Ganz ehrlich - wenn man sich auf einer solchen Bühne begegnet, dann herrscht ein ganz anderes Klima. Die Trainer und Spieler verhalten sich anders als in der Liga. In der Nationalmannschaft ist die Respektsebene viel höher als im Liga-Alltag, wo man sich alle paar Wochen wiedersieht, international mitunter erst nach zwei, drei Jahren. Von daher ist der Umgang ein ganz anderer, es wird weniger geredet. Eine Gefahr der Voreingenommenheit sehe ich überhaupt nicht. Oft spielen die Spieler im Nationalteam eine ganz andere Rolle als im Klub.

Was war Ihr bisheriger Karriere-Höhepunkt?
Neben vielen nationalen und internationalen Finalspielen und anderen, teils exotischen Highlights, werde ich mein ganzes Leben Olympia 2012 in London mit dem Halbfinale Argentinien - USA nicht vergessen. Das ist mein absolutes Karriere-Highlight. Nicht nur weil es ein Topspiel war, sondern die Atmosphäre bei Olympia eine ganz andere ist. Die Halle, das Drumherum ist einzigartig in der Sportwelt. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder die Ehre bekomme, nochmal an den Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen, wenn nicht, bleibt das immer als einzigartiges Sportevent in Erinnerung.

Welche Tipps haben Sie für einen jungen, engagierten Schiedsrichter, um weiterzukommen?
Ich glaube, das Wichtigste ist, authentisch und sich selbst treu zu bleiben. Es ist analog zu einem Spieler. Es gibt viele gute Tage, aber auch einige schlechte. Nach schlechten muss man einfach dran bleiben und sich nicht verbiegen, verstellen oder jemand sein wollen, der man gar nicht ist. Das zum einen, und zum zweiten - und daraus schöpfe ich meine Motivation - man muss mit Spaß an die Sache herangehen und sich nicht quälen, jetzt muss ich dahin fahren und das Spiel pfeifen usw. Wenn der Punkt erreicht ist, dann schlägt sich das ganz schnell in der Qualität deiner Entscheidungen nieder.